Geistiges Leben im Zeitalter der Karolinger und Ottonen 49
Chur verfügte bereits zu Begi nn des 9. Zahrhunderts über
fünf heili ge Le iber und die Geb eine des heili gen Markus get eilt, bisweilen die Fehler vorgemerkt und zusammen an
wurden nach der Ueberlieferung der Reichenau durch den schwerem Streichtage auf den Rücken gemessen, ihn solchem
Kle riker R atold vom venetianischen Lerzog Justinian gekauft * Straftage zu e ntgehen, zündete ein Schüler in St. Gallen
und heimli ch aus der Markusklrche auf die Insel gebracht.
Die Venetianer wären also betrog en, wenn sie jetzt noch
glaubten, sie b esäßen^ die leiblichen Reste des Evangelisten,
oder es sind bie Reliquien des Klosters u necht. Auf der
Reichenau befinden sich fern er Gebeine St. Martins und G eorgs,
ein weißer Marmorkrug von der Äochzei t zu Äana und
ein Kreuz aus Gold und Edelstei n, das Blut von Christus
und ein Stück von se inem Kreuz enthält. Vom Grafen
Ku nfried berichtet die Legen de, er habe als Gesandt er von
einem maurischen Fürsten L assan aus Jerusalem auf der
Insel C orsika Geschenke für Karl den Großen bekommen,
worunter sich viele Reliquien befanden, von denen der Graf
ein kostbares Kreuzlein mit einem heiligen Blutpartikel
erhalte n und dann dem von ihm erbauten Klost er Schännis
verehrt habe.
Manche Klöster brachten schließlich ganze Musee n zu
sammen und die Benediktinerabtei Kempten führte z. B.
unt er' anderem auch folgend e Seltenheiten als Geschenke auf
die Kaiserin Lildegard zurück, die sie selbst von Rom ge
bracht habe: Ein Stück von der Arche Noes und vom
Stabe Arons, etwas vom Manna, der Kr ippe Christi, von
des sen Windeln, vom Gewand, der Geisel, dem Kreu z, et
was von dem Essig und der Galle, die er am Kreuze ge
trunken und von sein em Blute, das er dort vergossen hatte,
ein Laar Mariens, etwas von ihrem Grabe, von den Fuß
spuren des Erzengels Michael, vom Kreuze der A postel
Petru s und Andreas, von den unschuldigen Kirchern, je
einen Finger der Leilig en Martin, Gall us und Benedikt,
einen Zahn der heiligen Agnes und h undert andere oft
noch größere Seltsamkeiten.
Die Frömmigkeit wurde mitunter von G ewinnsucht
gröblich mißbraucht und die legendären Ueberlieferungen,
mit abergläubischen Entstellungen durchsetz t , zeig en, wie grob
sinnlich damals und s päter die religiöse n Vorstellungen des
Volkes und sei ner F ührer war en. Nach der s pateren Lebens
geschichte hatte der heilige Gall us die Welt von Dämone n
erfüllt gesehen und von St. Findan wird berichtet, daß er
ganze N achte hindurch den bösen Feind mit den Lauten
seiner irischen Leimats prache abgewehrt habe.
Durch die Lage der Klöster an der Straße nach Deutsch
land und die günstige Verbindung mit Italien wurde die Kunst
und Wissenschaft St. Galle ns und der Reichenau befruchtet.
Aber auch die Sonne des kaiserl ichen Loses blieb auf deren
Gedeihen nicht ohne Bedeutung. Wie Remedius, der die
Schul e von Chur in Blüte brachte, mit dem gelehrten
Alkuin aus der Umgebung Karls des Großen in Brief
verkehr stand, so pflegten auch Abt Grimoald von St.
Gallen als Kanzler und Abt Wal afrid von Reichenau als
Erzieher enge Beziehungen zum K aiserh ofe. Nicht mit
Unrecht hat man die Reichena u eine Akademie Alamanniens
und St. Gallen die Mutter der deutschen S chule genannt.
Der Ruhm von Ivos Gelehrsamkeit drang von hier m weite
Ferne und Notker, der Deutsche, erwarb sich den Ruf des
gelehrtesten Man nes seiner Zeit. N otker II., der Dichter des
„Medi a vita", war der Lehrer des berühmten Arztes Notker III.,
Tutilo ragte als Künstler hervor, Sintram galt als der beste
Bücherschreiber, Ekkehard I. zeichnete alte deutsche Lelden-
mären auf, Ekkehard II. unterwies Kerzogin Ladwig in
kla ssischem Schrifttum und Ekkehard IV. einer der bes ten Er
zähler des Mittelalters, verzeichnete um die Mitte des 11.Jahr
hu nderts in den „Casus St. Gall i" oft auch für unser Land
merkwürdige Vo rfälle.
S treng war die S chulzucht. Viele Streiche w urden aus-
973 die Schul e an, wobei ein großer Teil der Klv ster gebäude,
die nach dem Plane aus jener Zeit mehr als vierzig Giebel
zählten, in Flammen aufging.
Wer fernen Sohn etwas Besseres werd en las sen wollte,
mußte ihm freilich etwas in das Kloster mit geben können'
Obwoh l das Gelübde der Armut die Klosterb rüd er auf
sozial gleiche Stufe gestellt ha tte, war doch in kurzer Frist
die Auffassung durchgedrungen, daß eigentlich nur der Begüterte
künftige Armut geloben könne.
Wer aus der Knecht schaft ins Kloster trat, blieb in der
Regel auch hier in diene nder Stellung und es galt in St. Gal
len als eine der Aufzeichnung würdige Seltenheit, daß der
zweit e Ekkehard die aus dem Mittelstände mit der näm
lichen Sorgfalt wie die Vornehmen unterrichtet habe. Von
den U nfreien aber ist überhaupt nicht die Rede. Die Kloster
schule, durch welche die Sohne der besitzenden Gesellschafts
klasse rasch zu Würden und Aemter n gelangten, kam IN
erster Linie dem Adel zugute, und die s ieben freien Künste:
Grammatik, Rhetorik und Dialektik, das sogenannte Trivium
so gut als Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik,
das Q ua drivium, blieben dem Unfreien meist ein Buch mit
s ieben Siegeln. Es kam f reilich auch vor, daß ein Unfreier
Priester wurd e; der ging dann gewöhnlich frei. So ersch eint
z B. 816 am B odensee ein geistlicher Engelbert, der, ob
wohl unfreier Lerkunft, ein Erbgut und selbsterworbenes
Eigentum b esaß.
Die Arithmetik war namentlich durch die römischen
Zahl zeic hen, die k einen Stel len wert ausdrücken, sehr erschwert.
Unter Geometrie verstand man ungefähr das, was wir
heute in Geographie und Naturkund e zufammenfaffen. Die
Astronomie fand eifri g Pflege und in St. Gallen befaß man
für Sternkunde einen mächtigen Tubus und vielleicht den
e rsten L immelsglobus in Deutschland. Die Vorstel lung von
der Kugelgestalt der Erde, die den Gele hrten des Altertums
kein Geheimnis mehr war, hatte allerdings wieder ein
facheren Anschauu ngen Platz gemacht. Auch die Medizi n
hatte von den germanischen Kraute rfrauen bis zu den heil
kundigen Mönchen nur geringe Fortsc hrit te g efunden und
an Stelle der heidnischen, absonderliche Beziehungen zu
christlichen Vorstellungen gesucht, sodaß z. B. Krebsaugen
mit Staub von des hl. Markus Grab als Leilmittel gelten,
während man ein aus allen heilkräftigen Pfla nzen z usam
mengebr au tes Mittel gegen jede Krankheit verwe nden zu
können glaub te, weil jede Pflanze gegen irgen d ein Leiden
nützlich sei.
Besonders eifriger Pflege erfreute sich in Klöstern der
Gesang und bis heute blieb in einem Kuhreigen der Schweiz
eine Melodie, die bei N otker vorko mmt, erhalten. Der
Diakon Iohannes fand zwar die Stimm en der Germanen
abscheu lich, er v erglich sie mit dem Gepolter eines von der
Lohe herabrollenden Lastwagens und m einte, von allen
Europäern wären die Gallier und Alemannen am wenigsten
imstande, den römischen Gesang in sein er Reinheit nachzu
ahmen, indem ihre r ohen, wie D onner rollenden S timmen
keiner sanften Mod ulation , fähig wären, weil die an den
Trunk gewohnten Keh len jene Biegungen, die eine zarte
Melodie erfordert, nicht zuließen.
Unter ähnlicher Geringschätzung hatte oft auch die noch
ungelenke deutsche Sprache zu leiden . Um so größe rer Nach
druck wurde auf das Latei n gel egt, aber gerade in St.
Gallen, das als die beste Lateinschule galt, hat Notker
Teutonicus auch manches ins Deutsche übersetzt. Die Sc hrift Sc hrift