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Full text: Aufsätze und Bilder aus der Geschichte Vorarlbergs und seiner Umgebung

90 K andel und Verkehr im späteren Mittelalter 
höheren Lagen als heute der Versuch zum Anbau unt er­ 
n ommen. Die Feldnot zwang auch nicht wenig e Einwohner, 
in der Frem de als Söld ner oder Arbeiter rhr Brot zu 
suchen. 
Die Viehzucht war noch sehr rückst ändi g und das Vieh 
blieb oft über Nacht im Freien. Die Viehweide in der 
A llmende ftihrte wegen der unsicheren Gemarkungsgrenzen 
mit den Nachbarorten zu endl osen Streitigkeiten. Man 
u nt erschied JZBunn und Weid: Laub und Graswuchs, 
Trieb und statt: Viehtrieb in die Allmende und auf die 
Brac he. Die Alpen wurden oft schon g enossenschaftlich 
bewirtschaftet. 
Auch der Biene nzucht , die noch meist auf den Wald 
angewiesen war, wurde besondere Aufmer ksamkeit zuteil. 
So hatte z. B. das Klos ter St. Gallen s einen Gotteshaus­ 
leuten einen beim Ausziehe n des Sch warmes zu sprechenden 
Segen geschenkt, aus dem der liebliche Reiz kindlicher Poesie 
und sinnig er Natur betra chtung strahlt. Schon an den öffent­ 
l ichen Schutz nützl icher Vogel hat inan früh gedacht; bere its 
1335 setzte der Rat von Zürich fest, daß alle Vogel, die 
Mücken und a ndere Gewürme vertilgen und ver treiben, 
sie seien groß oder klein, von niemand gefangen werden soll en. 
Die Fischerei war sehr einträglich und man legte ihret­ 
wegen sogar eig ene Weiher an. Die Gesetze zur Erhaltung 
des Wildes wurden von den mächtigen Jagdliebhabern immer 
strenger gemacht und der Bauer durft e sie meist, auch wenn 
die Tiere grotzen S chaden übten, nur vertreiben. Der Wald 
war noch im s päten Mittelalte r nach der Auffassu ng des 
Volkes G emeingut und auch der in Sondereigentum über­ 
gegan gene Forst wahr te noch immer etwas von seinem ur­ 
sprüngl ichen Wesen als Gemeinbesitz, von dem die Genossen­ 
schaften gewis se Rechte beanspruchten. 
Keinrich Findelkind 
Ueber die s chnee verwehten Köhen des Arlberg ftihrte 
im Mittelalter lange keine Stratze. Ungemach von Wind 
und Wetter kosteten manchem Wanderer das L eben. Der 
Anblick solcher Unglücklicher, die oft schr eck lich zugerichtet 
war en, ging einem armen , Her anwachs ende n J üngling, Lein­ 
rich von Kempten, der als Lirte am Futze des Arlberg lebte, 
tief zu Lerzen und im Drange edelster Nächstenliebe sucht e 
er das Schicksal der Reisenden zu bessern. Sein Leben und 
seine edle Tat schildert der schlichte Natur sohn in der Stiftungs­ 
urkunde selbst wie folg t: „Ich Leinrich Findelkind. Mein 
Vater, der mich fand, hietz der Maier von Kempte n, der 
verdarb wegen Bürgschaft. Der hatte neun Kinder und ich, 
Leinrich Findelkind, war das z ehnte. Da tat er uns halb 
aus dem Lau fe, datz wir gingen und dienen sollten. Da 
kam ich, Leinri ch Findelkind, zu zwe ien Priestern, die wollten 
nach Rom; mit denen ging ich über den Arlberg und wir 
kamen zu Jacklein über Rhein Da sprach Jacklein: „Wo 
wollt ihr mit dem Knaben hin?" Da sagten die Lerren: 
„Er ist zu uns kommen auf dem Felde". Da sprach Jacklein: 
„Wo llt ihr ihn hier lasse n, datz er uns die Schweine hü te?" 
Da sprac hen sie: „Was er tuti ist uns lieb." Und er dingte 
mich und gab mir das erste Jahr zwei Gulden. Da war 
ich bei dem genannten Jacklein zehn Jahre und ging mit ihm 
zur Kirche in dem Winter und trug ihm das Schwert nach. 
Da brachte man viele Leute, die waren auf dem Arlberg in 
dem Schnee verdorben; denen hatte n die Vögel die Augen 
ausgefressen und die Kehlen ab. Das e rbarmte mich, Lein­ 
rich Findelkind, sos ehr und ich hatte fünfzehn Gul den ver­ 
dient mit dem Li rtenstab. Da rufie ich und sprach, ob j emand 
n ehmen wollte die fünfzehn Guiden und einen A nfang an­ 
heben auf dem Arlberg zu b auen, datz die Leute nicht so 
verdü rben. Das wollte nieman d tun; da nahm ich den 
allmächtigen Gott zu Lilfe und den lieben hl. Christophel, 
der ein grotzer Noihelfer ist, und fing an mii den fünfze hn 
Gulden, die ich mit dem L ir tenstabe verdient hatte, und den 
e rsten Winte r half ich s ieben Menschen mit dem heiligen 
A imosen. Seit dem haben mir Gott und ehrba re Leute 
geholfen, datz ich und meine Lelfer des L ebens gerettet haben 
fünfzi g Menschen, und den Anfan g hub ich an im A nfang 
des Jahres 1386 am Tage Johannis des Täu fers." 
Besondere Förderung lietz dem menschenfreundlichem 
Unternehmen des armen Leinri ch von Kempten der Lerzog 
Leop old III., der als L andesfür st an der Errichtung eines 
Lo spitzes das grötzte Interesse h alte, angedeihen und vielleicht 
hat ihn Findelkind gelegen!M einer Reise Uber den Arlberg 
persönlich um die Erlaubnis, dorl bauen zu dürfen, ange­ 
gangen , als der Fürst am 4. oder 5. April 1385 von Feld­ 
kirch her über den Patz kam. In der Bewilligungsurkunde 
vom 27. Dezember jenes Jahres heitzl es: Der arme Kne cht 
Leinrich von Kempien, welcher in fein er Kin dheit ein ge­ 
fundenes Kind war, und der des Lerzogs getreue m Manne 
Jacklein über Rein lange ge dient habe, fei mit grotzer An­ 
dacht und Begierde vor ihn, den Lerzog gekommen, er 
möchte gerne auf dem Arlberg ein Laus bauen und wegen 
der Elenden und Armen dase lbst wohn en und s itzen, damit 
diese Lerberge hätten und nicht zugrunde g ingen, wenn sie 
wegen Ungewitter und Krankheit nicht mehr weiter könnten, 
was schon ost geschehen sei. In Ansehung diese s guten 
Vorsatzes nun und in Betra chtung, datz viele gute Dinge 
von einfältigen L euten angefan gen w orden wären, erlaube 
und gönne er Leinrich von Kempten auf dem genannten 
Arlberg ein Laus zu bauen, wo es am besten neben dem 
Weg stehen kann und bitte alle, die jenseits und diesseits 
desselben setzhaft sind oder die über ihn reiten und g ehen, 
dem Erbauer dazu förderlich und behilflich zu sein und 
empfehle feinen Laupt- und Amtsleuten, ihn hiebei zu 
schützen, zu schirmen und ihm bei der Arbeit in keiner Weise 
irgen d ein Leid zuzufügen, noch ihn darin zu stören und 
zu irren. 
Es ist nicht unwahr scheinlich, datz Leopold die Urkunde 
selb st m itbrach te, als er im April 1386 den Arlberg wieder über­ 
schritt, um in den Kampf gegen die Schweizer zu ziehen. 
Nun begann Leinri ch Unver züg lich mit dem Bau eines Lo- 
spitals und fand bereits im Winter sie ben Personen, wel che 
Anzahl er auch in den folgenden Jah ren durchschnittlich 
rettete. Mit Liste einiger K nechte schritt Leinrich nun, wenn 
der Abend sich niedersenkte, die sch neeb edeckt en Länge und 
Bergpfade ab und rief in der Einsamkeit nach den Ver­ 
unglückten. Die wiedergefundenen und dem eisigen Tode 
ent ronn enen Wanderer f anden dann fürsorgliche Pflege, bis 
sie zur Weiterreise gekräftigt war en. 
In der schonen Jahreszeit aber, wenn der Weg über 
den Arlberg mii gering eren Gefahren verbunden war, nahm 
Leinrich selbst den Wanderstab zur Land, um landein, land­ 
aus für fein begon nenes Werk Almo sen zu sammeln. Er 
rief eine Innu ng mildherziger Menschen ins Leben die durch 
freiwillige Jahresbeiträge für die Erhaltung des Lofpitzes 
auf dem Arlberg zu sorgen be reit wa ren. So durchzog der 
edelsinnige Jüngling, von echt christlicher Nächstenliebe"erfüllt, 
nichi nur ganz Deutschland, sondern auch das reiche Böhmer­ 
land, das ferne Pol en, Ungarn und Kroatien und überall 
schilderte er die Schrecken des Berges und die Not der 
armen Reifenden in gar bewegten Worten und wenn er um 
milde Beisteuer bat, p flegte er also zu sag en: „Liebe Kinder , Kinder ,
	        
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