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Full text: Die Völker Österreich-Ungarns. Die Tiroler und Vorarlberger

154 Die Entwickelung der kirchliche n Verh ältnisse und des Volkes religiöser Sinn. 
Besitz zu schmäle rn; Adel, Bürg er und Bau ern ertrugen ihre 
bevorrechtete Stellung immer unwilliger. Die Moralität sank 
beim hohen und niedern, Regul ar- und Secnlar-Clerus immer tiefer. 
Bei Besetzung der Bischofsstühle und Domcapitel wurden politische 
Motiv e maßgebender als kirchliche, die besten Pfründen behandelte 
die römische Curie als Commende n und vergab sie nach Willkür. 
Oft lagen mehr ere in einer Hand. Für Heranbildung des Cle rus 
war schl echt ge sorgt, die tirolische» Bischofssitze ha tten keine geeig­ 
neten Erziehungsanstalten und so herrschte gr oßer Priestermangel 
im L ande. Darum mußten Priester aus alleu Nachbardiöcesen 
ausgenommen werden, wie von Augsburg, Freising, Constanz, 
Mailand น. a., vielfach auch entlauf ene Mönche. Ohne Kenntniß 
der Landesv erhältn isse und meist mit sittlich en Gebrechen behaftet, 
konnten solch e Seelsorger wenig Gutes s tiften. Daher war es 
mit dem Gottesdienste im Lande sehr schlecht bestellt. Die Mehrzahl 
der Priester betrachteten ihr Amt mehr als Geschäft denn als 
Pflicht und suchte sich den G ottesdienst durch g esetzwid rige Ände­ 
rungen der Stiftungen zu erleichtern. Dagegen jagten viele sinn­ 
lichen Genüs sen nach und steigerten zu deren Befriedigung die 
Taxen für geistliche Verrichtungen ins Unerschwingliche; anch ver 
wandelte die Prieste rschaft die Widume nicht selte n in Weins chenk en 
und lebte mit den Haushälterinnen im Co ncubin ate. Dies sitten ­ 
lose und pflichtwidrige Leben der G eistlichke it sowie des Erzherzog s 
Sigmund h artnäck iger Kampf gegen den Cardinal Cusanus und 
deu Papst Pius II. schwächte ihr Ansehen in Tirol und Vor arl­ 
berg a u ß erordentlich. 
Ein solcher Zustan d der Kirche in beiden Ländern und deren 
ghibellinische Richtung von jeher machen es begreif lich, daß 
Luthers Auftreten in ihrer Bevölkerung bald großen Beifall fand; 
um so mehr als auch die politischen Zu stände beim Tode des 
Kai sers Max I. höchst unbefriedigend ware n, da die landesfürst­ 
lichen Finanzen zerrüttet, der Geri chts gang mangelhaft, die alten 
Volksrechte oft ungenügend, das Rechtsbewußtsein des Volkes 
durch die Eingriffe der B eamten und die Ränke der Advocaten 
und Notare erschüttert, die Lage der Bauern durch viele neue neue
	        
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