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Full text: Die Völker Österreich-Ungarns. Die Tiroler und Vorarlberger

Kunst und Wissenschaft. 397 
könn en; doch g erade in der beharrl ichen Ausd auer auf d iesem 
Leidenswege zeigt sich die Stärke des innern Triebes. Aus diesen 
Umständen erklärt sich aber auch die Erscheinung, daß diese Künste 
noch viel mehr im Banne der ki rchli chen Vorstellungen verblieben 
sind. Eben weil ihre Jünger Männer aus dem Volke gewesen und 
selten zu einer größern geistigen Ausbildung gelangt sind, haben 
sie sich von den Jugendeindrücken nie ganz losreißen können; 
daher die einseitig kirchli che Entwickelung der tiroli sc hen Kunst 
trotz der großen Bega bung so vieler ihrer Pfleger, daher das 
selbst oft alle Schranken der Knnst überspringende Nazarenerthum, 
das in der Jdentificierung der Begriffe Schönheit und Güte sein en 
Grund hat und auch die an und für sich häßliche Erscheinung 
für schön er klärt, wenn sie einer religiöse n Idee dien t. Die Mehr­ 
zahl der t irolisch en und v orarlb ergisch en Plastiker und Maler hat 
ausschließlich oder beinahe ausschließlich religiöse Werke geschaffen, 
eine große Anzahl nur vorübergehend oder nebensächlich mit den 
andern Zweigen sich beschäftigt und nur wenige haben die welt­ 
liche Kunst zu ihrem Hauptgegenstand gewählt. Von d ieser Gruppe 
sind jedoch mehr ere dadurc h ihrem Vaterlande ganz entfremdet 
worden und ihre Landsleute haben sie wohl gar nicht mehr als 
Vol ksgeno ssen betrachtet, da in ihren Augen kaum Landschafts­ 
und Genremalerei auf den Namen wirklicher Kunst Anspruch machen 
dürfen. Diese einseitige engherzige V olksan schauu ng und dann 
die mit des La ndes Verarmung sich vermindernde Gelegenheit zu 
angemessener Bethätigung des Kunsttriebes in der Heimat sind 
die Hauptursachen, daß so viele talentvoll e Künstl er dem Vate r­ 
lande für immer Lebewohl sagen oder innerhalb sei ner Grenz­ 
pfühle haben verkümmern müssen. Ohne dieselbe n würden die 
Leistungen des Tiroler Volkes in Malerei und Plastik bei 
weit em höher stehe n. 
Die Entwickelungsgeschichte der Malerei gliedert sich einfach 
in dieselben drei Hauptperioden, wie die der Baukunst und dabei 
macht man wieder die Wahrnehmung, daß in unsern Ländern die 
Erscheinung eines neuen Stiles sp äter und zwar um ein halbes 
J ahrhunde rt später als im nördlichern De utschla nd auftaucht. 
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