4 S. Jenny.
so zu fesseln vermag, als wenn etwa ein bewegtes Lagerleben in
Carnuntum unter den Augen der Imperatoren, oder das großstädtische
Treiben eines mit Rom rivalisirenden Aquil eja, oder anch nur der ruhige
Handelsverkehr einer indu striellen Provinzstadt wie Virunum vor zuführe
n wäre.
Ehe die Römer in unsere Geg end vordrangen, kannten sie den Ort
unter dem Namen Brigantium als Hauptstadt der Brigantier, einer
vindelikischen Völkerschaft, und würdigten ihn als vornehmstes feindliches
Bollwerk am See, wenn nicht gar als Schlüßel zur Herrsc haft über
de nselben und das umliegende Gebie t. In dem vie lbewu nderte n Sommerfeldzu
g des Jahres 15 v. Chr. endigte der combinirte Angriff der beiden
Stiefsöhne des Augustus, von denen Tiberius von Westen und Drusus
von Süden her operirte, mit der V er einigung der Stre itkrä fte b eider
Brüd er in der Umgegend von Brigantium und mit der vollständigen
Niederwerfung der Vind eliker zu Land und zu Wasser. Brigantium gehörte
von nun an zur neu gebildeten Pro vinz Rätien und zwar der Rätia
p rima, und nach ihr benannt en die Eroberer den See Lacus Ra etiae
Brigantinus. Da es in Kaiser Augustus großartigem Plane lag, die
Vertheidigungslinie gegen die Germanen von der Rheinmündung bis
zum Boden see dem Laufe des Rh eines fo lgen zu lass en, sodann auf der
kürzesten Linie die Donau zu erreichen und diese wieder in der ganzen
Länge ihres Lau fes zu begleiten, drängten die Römerheere vorwä rts, ohne
daß es nö thig er schien Brigantium zu einem Waffenplatz erste n Ranges
wie z. B. Viudouissa und Aug usta Bindelicorum zu erheben. Wohl aber
wurde es in Würdigung seiner strate gischen Wichtigkeit und sein er zwischen
großen Straßennetzen geschic kt eingefügten Lage zur Raststation gewä hlt.
Kann man ihm auch nicht den Rang eines Municipiums zuerkennen,
wofür bislang die Bew eise nicht beizubringen sind, so wuchs es immerhin
zu einem so stattlichen Vicus heran, wie man zwische n Curia ( Chur)
und Campodunum (Kempten) kein em zweit en von gleicher Bedeutung
begegnet; unter den römischen Stationen am Bodensee war es unbedingt
die umfangr ei chste und hervorr ag endste. Seine öffentlichen Gebäude wei fen
Dimensionen auf, wie sie niemals mit dem an und für sich kleinen Orte
in Verhältnis s tanden, sondern nur durch de ssen politische Stel lung als
Mittelpunkt eines größeren Provinzial-Districts zu erklären sind, der zu
Zei ten den Sa mme lplatz einer ans weiter Umgegend zugeströmten zahlreichen
Bevölkeru n g bildete. \