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REPORTAGE 9
Bahnhof Bozenau
Als das Eis enba hnfahren noch „nü“ und revolutionär war
Das von allen europäischen Staaten
am frühest en i ndustrialisier te England
war der Geburtsort der Eisenbahn.
Der ab 1730 gebräuchliche B egriff
„railroad“ bezog sich aber nur auf
den eisenbestückten Schienenweg
selb st, auf dem anf änglich aus-
sc h ließlich Güter tra nsportier t wur-
den. Ende des 18. Jahrhunderts
entst and die Idee, Dampf als An-
triebsmittel – zunäc hst für Hebevor-
richtungen im Bergbau - zu verwen-
den. 1804 fuhr dann auf einer kurzen
Bahnstrecke in Südwales die erste
selbstfahrende Dampflokomotive.
Von einem serienreifen Pr odukt
k onnte nicht die Rede sein. Noch
setzte man auf Pferdeantrieb. Die
längs te Pferdeeisenbahn der Welt
befand sich in der Donaumonarchie,
sie führ te ab dem Jahr 1827 128
Kilometer weit von Budweis nach Linz
und beförderte auch schon Personen.
Erstmals wurde 1825 in England die
erste Dampflokomotive im P ersonen-
verk ehr ei ng esetzt.
Viele der erst en Bahnen waren
Privatb ahnen, so auch in der Donau-
monar chie. Sie verbanden ab Mitte
des 19. Jahrhunderts zunäc hst die
„Und d`Zuokumpft rumplot
mit Gwault daher“
Zitat: Gebhard Wölfle, Gedicht zum Volksfest anlässlich
der Eröffnung der Bregenzerwaldbahn im Jahr 1902
im Jahr 1902 verfassten Gedicht schrieb: „Und
D´Zuokumpt rumplot mit Gwault daher“, dann
war diese Zukunf t im Vorarlberger Rheintal
schon seit Jahrzehnten Realität. Die Entste-
hungs zeit der BW-Bahn (ebenfalls zunäc hst
eine Privatb ahn) fügt sich aber in eine zweite ,
österreichweite Welle der Erschließung von
p eripheren Gebiet en an die Hauptstränge der
Eisenbahnen ein. Damit kam eine Form von
Mobilität in den Wald, die es davor nicht
gegeben hatt e. Eine Mobilität, die für die
zurückzul e gende Distanz nicht mehr von den
natürlichen Ressourcen der Wanderenden oder
der Zugtiere abhängig war, welche Zeit brauch-
ten, um zu rasten und zu schlafen. Die Bahn
bewirkte eine Schrumpfung der Dista nzen,
auch wenn die Bregenzerwaldbahn mit rund
25 km/h langsam gefahren ist und viele
Gemeinden gar nicht unmittelbar an der
Bahnlinie lagen.
Die Bahn brachte für den Wald nicht nur den
Anschluss an eine neue Zeit, sie brachte vor
allem den Anschluss an eine allgemein gültige
Zeitmessung. Durch die schnelle Überwindung
der Dista nz zwischen Abfahrts- und Zielor t
waren die Eisenbahngesellschaften bestrebt,
die Zeitmessung an beide n Orten zu ver ein heit-
lichen, um einen reibungslosen Bahnbetrieb zu
gewährleisten. Noch vor den meisten europ äi-
schen Staaten führ ten die Bahngesellschaften
die 1884 festgelegte mitteleurop äisc he Zeit in
ihrem Streckennetz ein. Bis zum 1. W eltkrieg
blieb die lok ale Zeitmessung davon unberührt.
So zeigt en zwar die Uhren der BW-Bahn alle
die gleiche , die mitteleuropäische Zeit an, die
übrigen öffentlichen und privaten Uhren in den
Gemeinden richte ten sich aber weiterhin nach
der Lokalzeit. Um ein Beispiel aus Feldkirch zu
nennen: zwischen der Feldkircher Bahnhofsuhr
und der Turmuhr der Johanniterkirche war um
1910 noch eine Zeitdifferenz von einer Viertel-
s tunde.
Foto - Quelle: BWA, II-005 Postkartensammlung:
Bericht: Mag. Katrin Netter, MA (Archivarin BWA)
großen, industrialisierten
Ballungszentren. Im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts
wurde n in der Donaumon-
archie viele Privatbahnen
verstaatlicht und für Inve s-
toren unrent able Projekte
wie etwa der Bau der 1884
eröffneten Arlber gb ahn
durch den Staat übernom-
men. Die 1872 eröffnete
Eisenbahnstrecke Bludenz-
Lindau hingegen wurde
von einer Aktienges el l-
s chaft erricht et, deren
Initiator der F eldkirc her
Handelskammerpräsiden-
ten Carl Ganahl war .Die
Zeitgenossen nahmen
diese Ent wicklungen als
Signum einer neuen Zeit
wahr. Die Eisenbahn wurde
zum Sin nbild einer neuen
Form der Ökonomie, die
auf einer noch rascheren
V ernetzun g der Herkunfts-
und Absatzmärkte von
industriell gefertigten
Produkten basierte. Wenn
Gebhard Wölfle in seinem seinem