individuelle Behandlung des einzelnen Jungen erleichtern und für solche
vorzuziehen sein, die besonderer Führung bedürfen. Der gesunde Durchschnittsjunge
erhält in einer Abteilung von 60—70 Gleichaltrigen unter
zwei Präfekten, einem Generalpräfekten und einem geistlichen Führer
hinreichend individuelle Behandlung. Es gilt hier, was von der Familie
gilt: Das Kind in einer großen Geschwisterschar wird im allgemeinen
gesünder erzogen als jenes, das dieses Jugendglückes entbehrt. Zudem ist
das Kleinkonvikt (mit eigener Schule) wirtschaftlich unhaltbar, es sei denn,
daß man es nur für die „oberen Zehntausend" einrichtet und einen sehr
hohen Pensionspreis fordert. Anderseits darf man freilich die Zahl der
Zöglinge nicht über Gebühr anwachsen lassen, weil sonst die einheitliche
Führung und Kontrolle in Unterricht wie Erziehung bedenklich leiden
müßten und auch die Kräfte des Lehr- und Erziehungspersonals überanstrengt
würden.
Um eine große räumliche Trennung im Kolleg zu vermeiden, kam man
anfänglich auf den Gedanken, am Altbau anzubauen. Das war nur
in der Weise möglich, daß die Front des Kollegs nach Westen in halber
Länge des Studienflügels fortgeführt und durch einen Bau rechtwinkelig
dazu mit dem Studienflügel verbunden wurde. Es entstand damit ein
kleiner, aber hoher Binnenhof. Die Stadt hatte zwar nach mancherlei
Schwierigkeiten die Bauerlaubnis erteilt. Lange bemühte man sich mit
Planen ab und ganze Mappen von Lagezeichnungen, Aufrissen und Berechnungen
zeugen von dem redlichen Streben, diesseits der 111 zu bleiben.
Aber alle Bemühungen scheiterten an dem Mangel an Raum und Licht.
Durch den Anbau wurde allzuviel Licht und Luft den Studiensälen und
Zimmern entzogen; der Hof, der in den kleinen Pausen zur Erholung
diente, wurde geopfert; unmittelbar davor stand die Getznersche Baumwollspinnerei,
die 1902 abbrannte; endlich hätte der bis dahin doch einheitliche
Mittelbau des Kollegs durch die verlängerte Front viel an Eindruck
verloren. Solche und andere Bedenken wogen allzustark gegen
einen weiteren Bau auf der Stadtseite. Heute mag man sich darüber
verwundern, daß ein solcher Plan so lange erwogen werden konnte. Aber
der Gedanke, die Räume des Kollegs beisammenzuhalten und den Betrieb
nicht auf getrennt liegende Gebäude zu verzetteln mit Erschwerung der
nötigen Aufsicht und Verlust an Zeit, war noch sehr lebendig; auch mochte
eine gewisse Anhänglichkeit an die liebgewonnenen alten Räume manchen
vor dem kühnen Sprung über den Fluß zurückschrecken. Heute sagen
wir „gottlob!“, daß man es wagte und hatte wagen müssen, und möchte
sogar wünschen, man wäre noch ein bißchen weiter in das sonnigere
Reichenfeld hinausgesprungen. Denn dort lag damals noch viel Neuland;
es stand noch kein Finanz- und Gerichtsgebäude auf der „Schäflewiese".
Neubau des Gymnasiums
Um auf dem linken Ufer der 111 bauen zu können, war zunächst der
schmale Uferstreifen von der Brücke abwärts zu erwerben. Er gehörte dem
Fabrikanten Arnold Ganahl, der damals Bürgermeister der Stadt war. Der 94