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Full text : 100 Jahre Stella Matutina. 1856-1956

sollten auch an dem verbesserten Lebensstandard der übrigen Bewohner
teilhaben, ein eigenes Heim erhalten, in dem sie sich so recht wohl fühlten.
Das war die Absicht, als im Sommer 1912 das vor 22 Jahren erbaute
„Josephshaus" zu einem stattlichen „Dienerpalast" umgestaltet
wurde. Das frühere Fachwerk wandelte sich in feste Zementwände, der
Dachstuhl ward erhöht und geschmackvoll ausgeführt, ein neuer Verputz
und Anstrich gab dem Ganzen ein gefälliges Aussehen. Der Friseursalon
neben dem Eingang wurde modernisiert, gegenüber eine schmucke Kapelle
eingerichtet, in der täglich die heilige Messe gefeiert und das Allerheiligste
 aufbewahrt wurde. Außerdem lagen im Erdgeschoß noch die Gemeinschaftsräume
 der Diener: Speisesaal mit Anrichte, Theater- und Lesesaal.
 Für die Ausstattung ihrer Kapelle hatten die Diener selbst durch
freiwillige Überstunden und ihre Spargroschen vieles beigetragen. Im
ersten Stock und im Dachgeschoß waren die Wohnungen: 36 Einzelzimmer
und 12 größere mit zwei oder drei Betten. Für die Werkstätten, die eine
Sägerei und Schreinerei, Schlosserei und Anstreicherei umfaßten, wurde
hinter dem Dieneihaus ein eigener Bau errichtet.

Es war ein Segen für die Stella Matutina, daß an ihr von Anfang an
ein Stab von treuen Dienern tätig war, der, mit dem Erziehungsziel
des Hauses eng verwachsen, bis ins Alter hinein ausharrte und darin
sozusagen eine neue Heimat fand. Drei von ihnen haben bis über die
Jahrhundertwende dem Kolleg gedient und den Grundstock der Dienergemeinde
 gebildet, zusammenarbeitend mit dem Bruder Josef Weiger und
seinem Nachfolger Bruder Sebastian Neher, welche die Diener zu betreuen
hatten. Der populärste unter jenen dreien war wohl der Feldkircher Jakob
Ischy, das „Lampenjockele". Die verkörperte Pünktlichkeit, besorgte er die
Beleuchtung im weitschichtigen Gebäude, nie zu früh zum Anzünden der
zahlreichen Petroleumlampen und nie zu spät zum Auslöschen zur Stelle.
Als aber anno 1900 das elektrische Licht seinen Einzug hielt, da war es,
als ob Jockele sein zweites Lebenselement verloren hätte, und er begann
zu kränkeln, bis ihn Bruder Tod im März 1903 erlöste. Bald darauf starb
auch der „Martin" (Eibeler) aus dem Schwabenlande, ein verborgener
Edelstein im wahrsten Sinn des Wortes. Er war der Hausmeister, sorgte
für die Reinlichkeit in Spiel- und Studiensälen und war als Ausgänger der
zuverlässigste Mann für die mannigfachen Kommissionen in der Stadt.
Ihn haben dann in gleicher Treue dienend Franz Bader und der „Xaver"
(Auderset) auf dem Vertrauensposten abgelöst, bis die Freizügigkeit der
neuen Stella die Buben selbst ins Städtle laufen ließ. Obenan jedoch an
wohlverdienter Achtung bei jung und alt stand der „Georg" (Seiband),
der vom Gründungsjahr des Kollegs an bis zu seinem Heimgang im Jahre
1904 treu ausgehalten hat. Er konnte so entzückend die Klangfarbe seiner
schwäbischen Heimat wiedergeben, wenn er am Nikolausabend als ehrwürdiger
 Bischof bei den Buben erschien und von dem langen Papierstreifen
 die Knittelverse herunterlas, in denen Lob und Rüge zugeteilt
wurde, mit einem gütigen oder auch ernsten Blick durchs Brillenglas den
Sinn der Lesung begleitend. Als Haarschneider bekam der „Georg" alle
unter seine Hände. Als kluger Schalk wußte er mit dem jungen Volke 105
            
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