Seine Erziehungsweisheit schöpfte der Pater kaum aus Büchern; denn sein
Kopfleiden hinderte ihn daran, viel zu lesen; er entnahm sie einer außer
gewöhnlichen Beobachtungsgabe und Kenntnis des jungen Menschen und
einer langen Erfahrung. Diesen Schatz hat er an seine jungen Mitarbeiter
weitergegeben, sie als ihr Vorgesetzter tatkräftig angehalten und geschult
und später auf Bitten vieler auch in seinem „Präfektenbuch" in schlichter
Form niedergelegt.
Dr. Paul Rainer, der sein ganzes Gymnasium in der Stella gemacht
hatte und später als Mittelschuldirektor im Lehr- und Erziehungsberuf
wirkte, entwarf in seinen Erinnerungen das folgende Bild von P. David:
„Ein strenges scharfes Wort von P. David war schmerzlicher als eine
Strafe, weil darin soviel Abscheu vor dem Bösen lag und ein Bubenherz
davon bis ins Innerste zerwühlt wurde. Er hielt keine lange Predigt, ein
einziger seiner Sätze wog mehr als manches dickleibige Buch. Er sprach
eindringlicher mit den Augen als mit dem Mund. Seinen Blick hat gewiß
keiner vergessen, der ihn einmal gefühlt. Der zornige, finstere Blick war
Wetterschauer; der liebe, freundliche ermunternder Sonnenschein. Wenn
P. David das Herz eines Zöglings prüfte, sah er diesem nicht in die Augen,
sondern auf die Stirne, als lese er die Gedanken. Man konnte ihm nichts
verbergen, er sperrte alle Schlösser auf: den Trotz, die Heuchelei, das
Spitzbubenschloß des Übermuts. So kunstvoll sie auch geschmiedet waren,
P. David öffnete sie alle. Was blieb uns übrig? Wir wurden brav wie
Lämmer."
Als P. David im Herbst 1919 sein Amt abgegeben hatte, war er noch
seinem Nachfolger P. Richen in den beiden schweren Nachkriegsjahren wie
ein Junger in der Präfektur behilflich; dann zog er sich als Rektor in das
stillere Noviziatshaus von Tisis zurück. Aber am Abend seines Lebens
(1930) kehrte er in die Stella zurück, um den jungen Präfekten noch man
ches Goldkorn aus seiner reichen Erfahrung zu schenken und das Kolleg
durch sein Beten und Opfern zu segnen, bis ihn der Herr kurz vor voll
endetem 80. Lebensjahr am 7. Mai 1931 heimrief.
Im II. Pensionat war für die ruhige und stete Entwicklung gerade in
den Jahren, da es durch den Ausbau des österreichischen Gymnasiums in
starkem Wachstum war, dadurch gesorgt, daß es 13 Jahre hindurch (1884
bis 1897) unter der Leitung des gleichen ersten Präfekten stand, des
P. Franz Becker. Auch er war Erzieher von Gottes Gnaden, bei aller
Konsequenz, Genauigkeit und scheinbaren Strenge voll Güte und Milde,
um jeden, auch den Kleinsten, mütterlich besorgt und von einem tiefen
priesterlichen Seeleneifer erfüllt. Seine ganze Art der Erziehung war wohl
dem bürgerlichen, mehr demokratischen Milieu österreichischer, süddeut
scher und Schweizer Prägung, das im II. Pensionat überwog, gemäßer, als
die des „strengen" P. David. Zumal bei den großen Zöglingen baute
P. Becker sehr auf das Vertrauen auf und verstand es so, ihre Achtung
und willige Einführung zu gewinnen, ohne viel einschreiten zu müssen.
P. Becker hat später als erster Rektor des neugegründeten Sittarder
Kollegs, aus dem das von Godesberg hervorgegangen ist, die Stella- 118