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Full text: 100 Jahre Stella Matutina. 1856-1956

Seine Erziehungsweisheit schöpfte der Pater kaum aus Büchern; denn sein 
Kopfleiden hinderte ihn daran, viel zu lesen; er entnahm sie einer außer­ 
gewöhnlichen Beobachtungsgabe und Kenntnis des jungen Menschen und 
einer langen Erfahrung. Diesen Schatz hat er an seine jungen Mitarbeiter 
weitergegeben, sie als ihr Vorgesetzter tatkräftig angehalten und geschult 
und später auf Bitten vieler auch in seinem „Präfektenbuch" in schlichter 
Form niedergelegt. 
Dr. Paul Rainer, der sein ganzes Gymnasium in der Stella gemacht 
hatte und später als Mittelschuldirektor im Lehr- und Erziehungsberuf 
wirkte, entwarf in seinen Erinnerungen das folgende Bild von P. David: 
„Ein strenges scharfes Wort von P. David war schmerzlicher als eine 
Strafe, weil darin soviel Abscheu vor dem Bösen lag und ein Bubenherz 
davon bis ins Innerste zerwühlt wurde. Er hielt keine lange Predigt, ein 
einziger seiner Sätze wog mehr als manches dickleibige Buch. Er sprach 
eindringlicher mit den Augen als mit dem Mund. Seinen Blick hat gewiß 
keiner vergessen, der ihn einmal gefühlt. Der zornige, finstere Blick war 
Wetterschauer; der liebe, freundliche ermunternder Sonnenschein. Wenn 
P. David das Herz eines Zöglings prüfte, sah er diesem nicht in die Augen, 
sondern auf die Stirne, als lese er die Gedanken. Man konnte ihm nichts 
verbergen, er sperrte alle Schlösser auf: den Trotz, die Heuchelei, das 
Spitzbubenschloß des Übermuts. So kunstvoll sie auch geschmiedet waren, 
P. David öffnete sie alle. Was blieb uns übrig? Wir wurden brav wie 
Lämmer." 
Als P. David im Herbst 1919 sein Amt abgegeben hatte, war er noch 
seinem Nachfolger P. Richen in den beiden schweren Nachkriegsjahren wie 
ein Junger in der Präfektur behilflich; dann zog er sich als Rektor in das 
stillere Noviziatshaus von Tisis zurück. Aber am Abend seines Lebens 
(1930) kehrte er in die Stella zurück, um den jungen Präfekten noch man­ 
ches Goldkorn aus seiner reichen Erfahrung zu schenken und das Kolleg 
durch sein Beten und Opfern zu segnen, bis ihn der Herr kurz vor voll­ 
endetem 80. Lebensjahr am 7. Mai 1931 heimrief. 
Im II. Pensionat war für die ruhige und stete Entwicklung gerade in 
den Jahren, da es durch den Ausbau des österreichischen Gymnasiums in 
starkem Wachstum war, dadurch gesorgt, daß es 13 Jahre hindurch (1884 
bis 1897) unter der Leitung des gleichen ersten Präfekten stand, des 
P. Franz Becker. Auch er war Erzieher von Gottes Gnaden, bei aller 
Konsequenz, Genauigkeit und scheinbaren Strenge voll Güte und Milde, 
um jeden, auch den Kleinsten, mütterlich besorgt und von einem tiefen 
priesterlichen Seeleneifer erfüllt. Seine ganze Art der Erziehung war wohl 
dem bürgerlichen, mehr demokratischen Milieu österreichischer, süddeut­ 
scher und Schweizer Prägung, das im II. Pensionat überwog, gemäßer, als 
die des „strengen" P. David. Zumal bei den großen Zöglingen baute 
P. Becker sehr auf das Vertrauen auf und verstand es so, ihre Achtung 
und willige Einführung zu gewinnen, ohne viel einschreiten zu müssen. 
P. Becker hat später als erster Rektor des neugegründeten Sittarder 
Kollegs, aus dem das von Godesberg hervorgegangen ist, die Stella- 118
	        
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