Skip to main content

Full text: 100 Jahre Stella Matutina. 1856-1956

abreicht. So geschehen zwischen dem 12. und 15. Dezember. Vor Weih­ 
nachten besuchte der Vater seine beiden Buben. Dabei beklagte sich Artur 
über blaue Flecken. Der Vater erhielt Aufschluß über die Strafe und schien 
beruhigt, erklärte dann aber plötzlich, er wolle seine beiden Buben heim­ 
nehmen. In Arco untersuchte ein Arzt den Kleinen und erstattete Anzeige 
wegen schwerer Körperverletzung. Es kam zur gerichtlichen Klage, die am 
1. Juli 1892 beim Feldkircher Kreisgericht verhandelt wurde. Der an­ 
geklagte Diener wurde von der Anklage des Verbrechens schwerer Körper­ 
verletzung freigesprochen; der Gerichtspräsident begründete das Urteil mit 
dem Hinweis auf die empörende Verlogenheit der beiden Knaben, die sich 
in den Verhandlungen herausgestellt hatte. Beide hatten nachher sämtliche 
von ihnen erfundenen Lügen zurückgenommen. Aber die ganze Affaire, 
welche eine Südtiroler Zeitung zuerst als Schauermäre von Grausamkeiten 
eines jesuitischen Erziehungshauses am 9. Januar 1892 gebracht hatte, 
verhalf den liberalen in- und ausländischen Blättern wochenlang zu einer 
saftigen Jesuitenhetze. Auch die „Münchener Neuesten Nachrichten" ließen 
sich diesen Fang nicht entgehen und sorgten dafür, daß es in der Isarstadt 
Stadtgespräch wurde, in Feldkirch sei ein Zögling vom Rektor elend miß­ 
handelt worden, habe täglich 36 Stockhiebe bekommen und abgemagert 
die Anstalt verlassen. Daraufhin machte sich ein erschreckter Münchener 
Vater auf nach Feldkirch, um seinen Filius zu sehen; er kehrte befriedigt 
wieder heim. Der bekannte Dr. Sigl, Redakteur des „Bayrischen Vater­ 
land", aber schrieb in seiner derben Art den „Münchener Neuesten" ins 
Stammbuch: „Aus allem geht hervor, daß es sich um einen ungezogenen 
und verlogenen Buben handelt, der entsprechende spanische Behandlung 
ausgiebig verdient hat, und daß die Feinde der Jesuiten den Fall begierig 
aufschnappten, um daraus womöglich eine Schaudergeschichte zu machen 
— den ihnen so verhaßten Jesuiten zum Trutz. Ist ja den liberalen Herr­ 
schaften die Erziehungsanstalt der Jesuiten in Feldkirch schon lange ein 
Dorn im Auge und ein Pfahl im Fleisch." 
Zwei Urteile mögen zum Abschluß den Geist der Erziehung be­ 
leuchten, wie er auch in dieser neuen Periode der Stella Matutina lebte. 
Es sind Erinnerungen von Männern, deren Stellung im öffentlichen Leben 
ein echtes Urteil verbürgen kann. Graf Johannes von Resseguier (Zögling 
1892—98) schreibt: „Ich hatte mit zwölf Jahren schon ein Urteil, Feldkirch 
war meine dritte Station außer dem Elternhaus. Jahre in einem weltlichen 
Institut in Dresden und in einem geistlichen Österreichs hatten mich scheu 
gemacht besonders im Verkehr mit meinesgleichen. Ohne viel Hoffnungen 
hatte ich deshalb die weite Reise gemacht. Nach acht Tagen war es mir 
aber klar, daß ich ein Jugendparadies gefunden hatte. Die Lehrer und 
Patres sind mir heute noch (1931) tief im Herzen eingegraben, alle Lebens­ 
grundsätze und Bildung, von ihnen erworben, haben im schweren Leben 
standgehalten. Und von meinen Kameraden habe ich in den langen sechs 
Jahren kein einziges schlechtes Wort gehört, dessen ich mich heute zu 
schämen brauchte. Das ist Feldkirch! Welche Anstalten können sich dieses 
Zeugnisses rühmen? Wohl nicht viele. Die gute Gräfin Schall, die damals 120
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.