abreicht. So geschehen zwischen dem 12. und 15. Dezember. Vor Weih
nachten besuchte der Vater seine beiden Buben. Dabei beklagte sich Artur
über blaue Flecken. Der Vater erhielt Aufschluß über die Strafe und schien
beruhigt, erklärte dann aber plötzlich, er wolle seine beiden Buben heim
nehmen. In Arco untersuchte ein Arzt den Kleinen und erstattete Anzeige
wegen schwerer Körperverletzung. Es kam zur gerichtlichen Klage, die am
1. Juli 1892 beim Feldkircher Kreisgericht verhandelt wurde. Der an
geklagte Diener wurde von der Anklage des Verbrechens schwerer Körper
verletzung freigesprochen; der Gerichtspräsident begründete das Urteil mit
dem Hinweis auf die empörende Verlogenheit der beiden Knaben, die sich
in den Verhandlungen herausgestellt hatte. Beide hatten nachher sämtliche
von ihnen erfundenen Lügen zurückgenommen. Aber die ganze Affaire,
welche eine Südtiroler Zeitung zuerst als Schauermäre von Grausamkeiten
eines jesuitischen Erziehungshauses am 9. Januar 1892 gebracht hatte,
verhalf den liberalen in- und ausländischen Blättern wochenlang zu einer
saftigen Jesuitenhetze. Auch die „Münchener Neuesten Nachrichten" ließen
sich diesen Fang nicht entgehen und sorgten dafür, daß es in der Isarstadt
Stadtgespräch wurde, in Feldkirch sei ein Zögling vom Rektor elend miß
handelt worden, habe täglich 36 Stockhiebe bekommen und abgemagert
die Anstalt verlassen. Daraufhin machte sich ein erschreckter Münchener
Vater auf nach Feldkirch, um seinen Filius zu sehen; er kehrte befriedigt
wieder heim. Der bekannte Dr. Sigl, Redakteur des „Bayrischen Vater
land", aber schrieb in seiner derben Art den „Münchener Neuesten" ins
Stammbuch: „Aus allem geht hervor, daß es sich um einen ungezogenen
und verlogenen Buben handelt, der entsprechende spanische Behandlung
ausgiebig verdient hat, und daß die Feinde der Jesuiten den Fall begierig
aufschnappten, um daraus womöglich eine Schaudergeschichte zu machen
— den ihnen so verhaßten Jesuiten zum Trutz. Ist ja den liberalen Herr
schaften die Erziehungsanstalt der Jesuiten in Feldkirch schon lange ein
Dorn im Auge und ein Pfahl im Fleisch."
Zwei Urteile mögen zum Abschluß den Geist der Erziehung be
leuchten, wie er auch in dieser neuen Periode der Stella Matutina lebte.
Es sind Erinnerungen von Männern, deren Stellung im öffentlichen Leben
ein echtes Urteil verbürgen kann. Graf Johannes von Resseguier (Zögling
1892—98) schreibt: „Ich hatte mit zwölf Jahren schon ein Urteil, Feldkirch
war meine dritte Station außer dem Elternhaus. Jahre in einem weltlichen
Institut in Dresden und in einem geistlichen Österreichs hatten mich scheu
gemacht besonders im Verkehr mit meinesgleichen. Ohne viel Hoffnungen
hatte ich deshalb die weite Reise gemacht. Nach acht Tagen war es mir
aber klar, daß ich ein Jugendparadies gefunden hatte. Die Lehrer und
Patres sind mir heute noch (1931) tief im Herzen eingegraben, alle Lebens
grundsätze und Bildung, von ihnen erworben, haben im schweren Leben
standgehalten. Und von meinen Kameraden habe ich in den langen sechs
Jahren kein einziges schlechtes Wort gehört, dessen ich mich heute zu
schämen brauchte. Das ist Feldkirch! Welche Anstalten können sich dieses
Zeugnisses rühmen? Wohl nicht viele. Die gute Gräfin Schall, die damals 120