ihre Buben auch im Pensionat hatte, hat mir einmal das Urteil anders, aber
ebenso vorbehaltlos bestätigt: „Feldkirch ersetzt Vater, Mutter und Wasser."
Und weiter heißt es: „Unsere Präfekten, sie schliefen bei uns, spielten
mit uns, waren mit uns im Studium und waren uns gute Freunde. Ihrer
Aufgabe ganz und gar gewachsen, gewannen sie einen tiefen Einblick in
Jeden einzelnen. Es war ganz ausgeschlossen, einen an der Nase herumzuführen,
wie es Buben so gerne mit ihren Professoren machen. Sie beherrschten
das Feld, und wir hatten das Gefühl, am Zügel zu liegen. Wenn
man irgendwo die berühmte Jesuitenarmee bewundern will, dann tue man
es im Hinblick auf die Auswahl dieser Männer, denen höchste Talente
eigen waren in der Führung der Jugend."
Kurt von Schuschnigg, der österreichische Bundeskanzler (Zögling
1907—15), schreibt: „Und schon fing der kluge Meißel der Erziehung an,
die kleine Welt in uns zu formen. Langsam und unmerklich schon in der
dritten Division, die damals die ganz Kleinen vereinte, ward die egozentrische
Einstellung, die die Natur uns mitgab, abgetönt und umgewandelt.
Und je näher uns diese Jahre dem wichtigen Abschluß der ersten Lebensperiode
brachten, dessen sichtbarer Ausdruck das Reifezeugnis darstellt,
um so stärker und bewußter waren wir in die Gemeinschaft gewachsen.
Wir haben in der Stella gelernt uns einzufügen, zu dienen um einer
größeren Gemeinschaft willen. Als man in der großen Welt, zumal in
Intellektuellenkreisen, noch herzlich wenig von Demokratie und Gemeinschaftserziehung
sprach und wußte, waren wir bereits zu echter demokratischer
Führung erzogen; wir wußten bereits, daß die Überwertung des rein
Formalen sehr nebensächlich, mitunter geradezu schädlich ist, aber auch,
daß die Kurzsichtigkeit der Minderbegabten nur allzugerne jene öde
Gleichmacherei als das Wesentliche der Demokratie ansieht, die bereits
Plato und Aristoteles gebrandmarkt haben .... Die Feldkircher Patres
haben uns neben tief fundierter Religiosität auch ein hohes, geläutertes
Vaterlandsbild mit auf den Weg ins Leben gegeben und den Willen und
die moralische Kraft zur unbedingten Erfüllung der Pflicht. Keine Generation
hat dies wohl so deutlich empfunden wie die unsrige, deren Schicksal
sich besonders hart gestaltete."
Auch eine flüchtige Momentaufnahme vermag manchmal den
Geist zu beleuchten, der in einer Gemeinschaft herrscht. Ein Unbekannter,
der im Juli 1905 gelegentlich einer Urlaubsreise nach Feldkirch kam, schilderte
seine Eindrücke im „Bayrischen Vaterland" also: „Ich verließ eben
die schöne Pfarrkirche, als Musikklänge an mein Ohr drangen. In Feldkirch
liegt doch kein Militär, dachte ich mir. Da sah ich einen schier endlosen
Zug die Straße heraufkommen, dessen Spitze eine schneidige Kapelle und
eine prächtige Fahne bildeten. Als der Zug näher kam, gewahrte ich auf
der Fahne das Bild der Mutter Gottes mit der Inschrift: Stella Matutina.
Die Musikanten waren die Studenten des berühmten Erziehungsinstitutes,
ihr Dirigent ein leibhaftiger Jesuitenpater. Mit frohem Geplauder folgten
zu viert die Studenten des Kollegs. Neugierig, wohin der Zug sich bewege,
folgte ich ihm. Auf dem Perron des Bahnhofs angelangt, exekutierte die 121