Mai 1922 die Zahl 400. Dann erfolgte ein jäher Absturz, so daß die Zahl
im Herbst 1923 bis auf 290 sank, den tiefsten Stand seit 50 Jahren.
Wie vermochte die Stella Matutina unter solchen Verhältnissen über
haupt durchzuhalten? Nächst dem gütigen Walten der göttlichen Vor
sehung war es eine zweifache Hilfe, der dieses Durchhalten zu verdan
ken ist:
Eine sehr erhöhte Ausnützung des eigenen Bodens
und eine großherzige Hilfeleistung von auswärts. P. Johann Villiger, der
Minister des Hauses, setzte seine volle Kraft dafür ein, die Ernährungs
basis des Kollegs zu erweitern. Der Gemüsebau blieb nicht auf den großen
Garten beschränkt, sondern neben den Spielplätzen und im früheren Park
des Reichenfelder Hauses wurden weitere anderthalb Hektar umgegraben
und als Gartenland angebaut. Mit drei Hektar Kartoffelfeldern wurde die
Stella wohl der „dickste" Kartoffelbauer ringsum. Man zog die Hilfe der
Buben heran beim Stecken, Behacken und Ernten. Und sie taten es gerne.
Weil es ferner unmöglich war, von auswärts Milch zu beziehen, und an
derseits die bisher gepachteten Grundstücke in der Not der Zeit von ihren
Eigentümern selbst angebaut wurden, wandelte man die Ried- und Streue-
böden im Tisner „Schlachtfeld" in fruchtbare Äcker um durch Trocken
legung und rationelle Düngung. Wiesen wurden in Äcker umgepflügt, der
Futterbau nach Größe und Güte erheblich vermehrt, drei Silos (Grünsüß
futteranlagen) in der Ökonomie eingebaut. Auf solche Weise vermehrte
die Garinawirtschaft ihren Viehstand und konnte sämtliche Milch für den
Eigenbedarf des Kollegs liefern. Die hundert Schweine in „Garina links"
bildeten eine große Hilfe für die Küche in der fettarmen Zeit und man
konnte auch noch den fremden Leuten helfen. Denn nach Garina-Ferkeln
herrschte eine starke Nachfrage. Auch manche Patres halfen kräftig mit
und brachten mit Hilfe von Bubengruppen die reiche Obsternte ein. Der
Schweizer P. Villiger verstand es auch wie selten einer, seinen Landsleuten
jenseits des Rheines die Notlage des Kollegs anschaulich zu schildern und
so manches herbeizuschaffen, was im verarmten Österreich überhaupt nicht
mehr zu haben war..
Aber all das hätte nicht genügen können, wenn nicht eine großmütige
Hilfe guter Menschen dazu gekommen wäre.. Sie kam vor allem
von Jesuitenpatres aus Nordamerika, jenen aufblühenden Ordensprovin
zen, die einst aus der deutschen „Buffalo-Mission" hervorgegangen waren.
Jene Patres hatten ihre Studien noch in der deutschen Provinz gemacht
und kannten die Stella Matutina. Sie warben auch unter ihren amerikani
schen Mitbrüdern oder im Kreise ihrer Kollegien oder Pfarreien für die
Hilfsaktion. Wertvoll waren die zählreichen Meßstipendien (in Dollars),
welche auf diese Weise dem Kolleg zukamen. Ein Pater Mc Givney der
New-Yorker Provinz, der seine theologischen Studien in Innsbruck ge
macht hatte, ließ allein in jenen paar Jahren dem Kolleg über 10.000
Dollar an Stipendien zukommen. In ähnlicher Weise halfen Schweizer
Patres in Amerika, wie P. Gisler (Altstellaner), P. Arnold und viele andere.
Neben Gaben in Geld kamen Lieferungen von gesammelten Lebensmitteln
und Kleidern. Auch die Schweiz vergaß die benachbarte Stella nicht und 129