Organ für die Vorarlberger Jugend,
insbesondere für Jugeudvereine.
Nummer 11. Bregenz, Ostern 1915. II. Jahrgang.
Oftermorgen! Emanuel Geibel.
Die Lerche stieg am Ostermorgen
Empor ins klarste Luftgebiet
And schmettert’, hoc im Blau verborgen,
Ein freudig Auferstehungslied.
And wie sie schmetterte, da klangen
Es tausend Stimmen nach im Feld:
Wach’ auf, das Alte ist vergangen,
Wach’ auf, du froh verjüngte Welt!
Wacht auf und rauscht durchs Tal, ihr
'Bronnen,
And tobt den Herrn mit frohem Schall,
Wacht auf im Grühlingsglanz der Sonnen,
Zhr grünen Salm’ und Läuber all!
Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
Ihr Primeln weisz, ihr 'Blüten rot,
Ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb’ ist stärker als der Tod.
Wacht auf, ihr tragen Menschenherzen,
Dies jür im Winterschlafe säumt.
In dumpfen Lüsten, dumpfen Schmerzen
Ein gottentfremdet Dasein träumt!
Die Kraft des Herrn weht durch
die Lande
Wie Jugendhauch, o laszt sie ein!
Zerreiszt wie Simson eure Bande
Und wie die Adler sollt ihr fein!
Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
Gebrochen an den Gräbern steht,
Ihr trüben Augen, die vor Tränen
Ihr nicht des Frühlings 'Blüten seht,
Ihr Grübler, die ihr fern verloren
Traumwandelnd irrt auf wüster Bahn,
Wacht auf! die Welt ift neugeboren;
Sier iff ein Wunder, nehmt es an!
Ihr sollt euch all des Seiles freuen,
Das über euch ergossen ward!
Es ift ein inniges Erneuen
Im Bild des Frühlings offenbart:
Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte,
Jung wirb das Allte fern und nah.
Der Odem Gottes sprengt bie Grüfte —
acht auf! Der Ostertag ift da.