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Full text: Jung-Vorarlberg. Organ für die schulentlassene Jugend, insbesondere für Jugendvereine

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Einwohner; 1910 zählte man über 65 Millionen Einwohner des Deutschen 
Reiches, also eine Zunahme von 24 Millionen. Am 21. März sprach 
Kaiser Wilhelm in feiner Thronrede den bedeutsamen Satz aus, daß das 
neue Deutsche Reich, wie es aus der Feuerprobe des Krieges hervorgegangen 
fei, ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens fein werde. Damit 
war deutlich gesagt, daß das Deutsche Reich nicht eine Weltherrschaft erreichen 
wolle, wie man in andern Staaten, vornehmlich in Frankreich und England 
meinte, sondern mit dem Erreichten vollständig zufrieden fei und nur an den 
Ausbau des Reiches denke. 
Die gröszte Gefahr für das junge Deutsche Reich bestand in feiner 
Sage mitten in Europa, umgrenzt von Staaten, bereu Freundschaft erft 
erworben werden muszte. Frankreich stand dem Deutschen Reiche, trotz 
dessen sehr ritterlichen Benehmens, allezeit feindlich gegenüber. Der Erbit- 
terung über bie erlittene Niederlage, ben Gebietsverlust (Elsasz Lothringen) 
unb bie Zahlung einer damals als sehr hoch geltenden Kriegentschädigung 
(5 Milliarden Fr.), gefeilte sich ber Schmerz beS französischen Volkes über 
bas verlorene Ansehen Frankreichs gegenüber ber Welt. Allüberall in Frank- 
reich erwachte ber Gedanke ber Wiedervergeltung, den noch bie 
Regierung nach Kräften förderte. Die rasche Wiederherstellung ber französischen 
Armee, fortwährende Rüstungen unb planmäszige Hetze gegen alles Deutsche, 
konnte bei ber Gereiztheit des französischen Volkes bie Gefahr eines Rache- 
krieges nur erhöhen. Die Gefahr wuchs, wenn es Frankreich gelang, in 
Europa einen Bundesgenossen gegen bas Deutsche Reich zu gewinnen unb 
dem muszte von deutscher Seite vorgebeugt werben. Die Gefahr wich, als 
es gelang, zwischen dem Deutschen Reiche, Österreich Ungarn unb 
Nuszland schon 1872 ein Bündnis, baS Dreikaiserbündnis, zustande 
zu bringen, bas, wenn auch in lofer Form geschlossen, doch einen Krieg von 
Seite Frankreichs vorläufig unmöglich machte. Unser geliebter Kaiser hat 
bei biefer Gelegenheit in besonders ritterlicher Art, in deutscher Treue das 
Jahr 1866 (Königgrätz) vergessen unb ben Grund zu unferm Bunde mit 
bem Deutschen Reiche gelegt, ber jetzt durch Blut zu einem unauslöslichen 
gekittet worben ist. Auch mit Ruszland verständigte sich Österreich trotz ber 
Schwierigkeiten, bie bie Frage ber Vorherrschaft auf bem Balkan schon 
damals bereiteten. 
Mit Italien unb ben Ländern im Norden Europas 
gelang eS ebenfalls ein freundschaftliches Verhältnis herzustellen unb bie 
Stellung zu England würbe für bas das Deutsche Reich erft von Wert, 
als eS in wirtschaftlichen Wettbewerb mit ben bie Weltherrschaft heischenden 
Engländern trat. Davon fallen aber beS Genaueren erft in einer spätern 
Nummer hören. 
Das Jahr 1875 brachte neuerdings ernste Gefahr eines Krieges 
zwischen bem Deutschen Reiche unb Frankreich, bas sich durch bas auch 
England verhaszte Dreikaiserbündnis bedroht fühlte unb gewaltige Rüstungen 
betrieb. Der Krieg unterblieb, weil sich ber Bund zwischen bem Deutschen 
Reiche unb Ruszland als fest erwies unb bie Hetze, Österreich unb Italien 
zu Frankreich zu ziehen unb vom Deutschen Reiche abwenbig zu machen, 
besonders Dank ber Treue unseres Kaisers vollkommen scheiterte. Der 
Krieg, ein ausgesprochener Rachekrieg Frankreichs unterblieb, aber er war 
näher als man eS damals wuszte. (Fortsetzung folgt) Dr. S. Dornbirn.
	        
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