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10 Uhr hieß es aufbrechen. In der Nacht fiel ic einigemale und verlor dabei
meinen Kommis. Am morgen des 13, November tarnen wir an den Sanflußz, den
wir auf einer Notbrücke überschritten. Nun naht die Geuerlinie, zugsweise gings
in Schwarmlinie vorwärts, die feindlichen Kugeln sausten über uns her; nac einer
Stunde muszten wir zurück, bann wieber links vorwärts. Links unb rechts schwirrten
bie Äugeln an meinem Kopf vorüber, wir muszten uns eingraben. Nachts 10 Ahr
tonnte man endlich Tee, Suppe unb Fleisch holen, bann legten wir uns wieber in
ber Deckung nieber. Das weitere Vorrücken vollzog sich in prächtigen Deckungen,
bie feindlichen Kugeln überflogen uns. Alls wir später wieber Schützengräben aufwarfen,
ging ich Stroh holen; ba waren nun 3 Bauernhöfe, hinter einem derselben
sah ich einen toten Solbaten, auf beffen Bruft ein Gebetbüchlein lag, bas ber falte
Wind durchblätterte. Ich nahm dasselbe, um ben Namen zu suchen, doch es war
umfonft; ich legte dasselbe dem für Gott unb das Vaterland Gefallenen wieber auf
bie Bruft, ber Wind blätterte in demselben fo ftart, daß ich glaubte, es fliege davon,
aber es blieb dennoch auf ihm liegen. Dieser Anblick machte auf mich einen eigenen
Eindruck. Sabe ben Toten auch untersucht, fand aber teine Verwundung, woraus
ich schloss, daß er wohl ber Ruhr erlegen fein bürfte. Nun nahm ich zwei Garben
Gtroh, ging in bie Deckung zurück unb warf das Stroh in ben Graben. Da es
schon Nacht geworben war unb zu schneien anfing, schnallte ich Wolldecke unb Zelt
ab unb fuchte mich möglichst vor bem fatten Winde zu schützen. Ich zündete bie
Pfeife an unb wäre vor Rauch beinahe erstickt; nachher schlief ich famos. Der
fommenbe Tag sollte nun das Verhängnis bringen. Unter starkem Kugelregen
stürmten wir vorwärts, ba, ein Schritt, bevor ich in bie Deckung gelange — „Au!"
Eine Kugel hatte mid) getroffen unb niedergehaut, bas Blut floß schon burch bie
Gosen. Der Zugsführer, gleich neben mir rechts, fragt: „Was ift mit bir?" „Serr
Zugführer, ich hab’ einen Schußdurch beibe Oberschenkel." Die Schmerzen würben
immer größer unb falt war’s auch. Der Zugführer schnallte mir bie Decke ab, ich
warf ben Tournister weg unb froch langsam in einer Furche, etwa 200 Schritte
zurück in eine Schupfe; ba legte ich mich nieber unb verfror beinahe. Unweit stand
ein Wohnhaus, in baS mich nun zwei Jäger hineinführten unb in bem bereits
brei Verwundete lagen. Die Kinder ber Familie holten uns Wasser, benn wir
hatten fürchterlichen Durst gelitten. Doch balb kam ausgiebigere Silfe: Die Sanität
legte Verbände an, bie Hausfrau verabreichte eine Kartoffelsuppe. Dann fam noch
ein August Blum von Söchst herein, ber einen Schuß in ber linfen Sand unb eine
Schrapnellverletzung am Bacfenbein erhalten hatte. Später gingS zum Verbandplatz,
von bort zu einer Verpflegstation. Wegen Einbruch ber Nacht tonnten Wir aber
letztere nicht finben. In irgenbeiner Sütte übernachteten wir unb in irgenbeinem
Dause geftattete man uns, ben Morgenkaffee zu kochen. Endlich fanben wir eine
Eisenbahnstation, wir fuhren mit unb wußten felbft nicht, wohin es ging. Wie froh
waren wir, als wir schliesslich Korako erreichten.
Ein Maiserjäger aus bem Unterland, ber verwundet in Wien liegt, beschreibt etwa
folgendermaßen feine Kriegserlebnisse: Zuerst erzählt er, wie sie sich in Brixen noch 4 Wochen
lang auf ben Waffentanz vorbereiteten unb endlich unter Sang unb Klang mit festlich
verziertem Eisenbahnzug bie Bischofsstadt verließen. Auf einzelnen Stationen würben sie
von Erzherzoginnen begrüßt unb mit „Zigaretten unb Gnadenpfennigen" beschenkt. „Nach
langer, langer Fahrt kamen wir endlich in Lemberg an; am 28. August 8 Uhr abends.
Wir marschierten durch bie Stabt unb schlugen auf einer Wiese bas Nachtquartier auf.
Der Sternhimmel war unfer Gelt, ber Geschützdonner unfer Aveläuten. Morgens gings
gegen bie russische Grenze: es war ein Gewaltmarsch von zwei Tagen unb Rächten. Alls
Crainbedeckung mußten wir Feldwache beziehen und Schanzgräben aufwerfen. So gings
von einem Ort zum andern, lauter schlechte Straßen mit 5 cm tiefem Staub; und erft
wenns regnete! Am 8. September war Abmarsch zum Gefecht. Illit aufgepflanztem Bajonett
durchstreiften wir ben Wald. Wie wir aus demselben famen, sandten uns bie Russen bie
erften Grüsze mittels Schrappnell, Granaten unb Gewehrfeuer zu uns herüber. Sprungweife
gingen wir vorwärts. Die Geschosse schwirrten um uns herum, aber fie schossen schlecht.
Dor uns lag eine Infanterie Schwarmlinie; bie hatten wir eingeholt, während bie Russen
drauflosschossen wie wilb unb viel munition vergeudeten. Der Hauptmann ruft: „Kaiserjäger,
vorwärts!" Schnell waren wir auf ben Beinen unb rannten, fo gut wir konnten.
Da ein Schrei —■ ich lag schon auf bem Boben, ich hatte einen Oberschenkelschus erhalten.
Ein Kamerab, Anünz aus Sulz, zog mich famt bem Gewehr, bas ich festhielt, in einen