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Full text : Vom Getreide zum Brot

Die Chemie des Pflanzenwachstums führt uns hinein in die wunderbaren
Geheimnisse des Werdens unserer wichtigsten Nahrungsmittel aus der
Pflanzenwelt. Sie ist ein Teil aus dem großen Wissensgebiete der organischen
 Chemie, also ein Abschnitt jener chemischen Wissenschaft, die sich
mit den Verbindungen und Substanzen befaßt, aus welchen die organisch
belebte Welt der Tiere und Pflanzen sich aufbaut und zusammensetzt.

Bei den pflanzlichen Stoffen — dazu gehören die uns am stärksten
interessierenden Samen der getreideartigen Gräser, aus denen wir ja die
verschiedensten Mehle erzeugen, und auch die Mehle selbst und alle
müllerischen Nebenerzeugnisse, wie Futtermehle, Kleie, Keime usw. —, kann
man von folgender Unterteilung ihres stofflichen Aufbaues ausgehen:
1. dem Wasser (darunter versteht man die von der organischen Substanz

gebundene Feuchtigkeitsmenge in den pflanzlichen Stoffen, zum Beispiel
die Feuchtigkeit oder den Wassergehalt im Getreide, im Mehle, in der
Kleie usw.);

2. den organischen Substanzen, die verbrennbar sind und unterteilt werden

 in:

a) stickstoffreie organische Stoffe (Kohlehydrate und Fette),
b) stickstoffhaltige organische Stoffe (Eiweißstoffe);

3. der unverbrennbaren, anorganischen oder mineralischen Substanz, das ist

die bei der vollständigen Verbrennung der Gesamtsubstanz zurückbleibende
 Asche.

Wie sich diese Stoffe im Reiche der Pflanzenwelt aufbauen, wie die
Reservestoffe, beispielsweise die Stärke und das Eiweiß, das Fett usw.,
im Getreidekorn und der Zucker in der Zuckerrübe sich ablagern, können
wir wohl nur ahnen; es der Pflanze nachzumachen, ist uns bis heute noch
nicht gelungen, trotz all des chemischen Wissens und aller technischen Fortschritte.
 Staunend und bewundernd stehen wir vor einem der gewaltigsten
Meisterwerke der Schöpfung. Jede kleinste und unscheinbarste Pflanze gibt
uns unter dem Mikroskop ein Bild von ihrem wunderbaren Aufbau und
ihren äußerst sinnreichen und zweckmäßigen Einrichtungen. In den Pflanzen
 sind Kräfte wirksam, die mit so wunderbarer Feinheit und Genauigkeit
und unter Ausnützung aller natürlichen Hilfsmittel arbeiten, daß wir vor
ihnen mit allem unserem Menschenwitz und Verstand vor lauter Rätseln
stehen. Es ist ein wunderbares Geschehen, das sich während des Wachstums
 in den pflanzlichen Organen Vollzieht. Je mehr wir uns in diese Wachstumsvorgänge
 hineinleben und je tiefer wir in diese dringen, umsomehr
müssen wir bewundernd und in Demut unser Haupt vor der Allmacht und
Weisheit der Schöpfung neigen.

Klein und engbegrenzt ist das Reich, in welchem die Pflanze leben muß.
Sie kann nicht, wie etwa das Tier, ihrer Nahrung nachlaufen und sie suchen.
Auf dem kleinen Fleckchen Erde, aus dem sie wurzelt und an das sie gebunden
 ist, muß sie stehen und wachsen und sterben. Als Nahrung können
ihr also auch nur die wenigen Stoffe dienen, die in ihrer nächsten Umge- 137
            
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