Das Wissen um die Vitamine in Mehl und Brot
Man mag wohl denken, daß Erfindungen und Entdeckungen der medizinischen
Wissenschaft in erster Linie den Arzt und die Kranken angehen
und Müllerei und Bäckerei kaum davon berührt werden. — Und doch! —
Es sind noch gar nicht sehr viele Jahre her, etwa um die Zeit des ersten
Weltkrieges, als man erstmals in der breiteren Öffentlichkeit von Vitaminen,
welche als besondere Lebens- und Ergänzungsstoffe im Kostgemisch unserer
täglichen Nahrung enthalten sein müssen, zu hören bekam. Bis dahin
war man allgemein der Ansicht, daß auf dem Gebiete der Nahrungsmittelkunde
mit dem Wissen um den Kaloriengehalt in unseren Nahrungsmitteln
diese Wissenschaft praktisch erschöpft und kaum mehr eine Neuigkeit
auf diesem Gebiete zu erwarten sei.
Allein, es hat sich aber dann sehr bald schon gezeigt, daß es in unserer
Nahrung auch noch lebenswichtige Ergänzungsstoffe gibt, ohne die unser
Körper auf die Dauer nicht auskommen kann und bei deren Fehlen sowohl
der menschliche als auch der tierische Organismus von den verschiedensten
Gebrechen, man nennt sie Mangelkrankheiten oder Avitaminose, befallen
wird.
Man hat in der jüngeren Vergangenheit sehr viel und ernsthaft über
Vitamine und den Vitamingehalt in unseren Nahrungsmitteln geschrieben
und hiebei auch unsere müllerischen und bäckerischen Erzeugnisse immer
wieder mit in diese Erörterungen einbezogen. Daher muß sich heute der
Müller und Bäcker neben vielem anderen auch noch mit dieser Materie
vertraut machen.
Als man einmal von der Wichtigkeit der Vitamine für die Gesunderhaltung
unseres menschlichen Organismus überzeugt war, stellte sich so
manches in unserer Ernährung um. Man ließ zunächst Kranke und selbst
Säuglinge im zartesten Alter schon die aus rohen, ungekochten Früchten
und Pflanzen ausgepreßten Säfte trinken und neben Gemüse, Rüben,
Kartoffeln und Obst vor allem auch das Vollkornmehl und Vollkornbrot
mit in den Vordergrund der Volksernährung aufsteigen.
Während des vergangenen zweiten Weltkrieges machte man auch bei
uns wie in Deutschland die größten Anstrengungen, den natürlichen Vitamingehalt
in unseren Nahrungsmitteln zu erhalten.
Truppenteile in besonders gefährdeten Gebieten, auf hoher See, in den
Tropen oder im hohen Norden erhielten eigene Wehrmachtsrationen, in
denen fehlende Vitamine durch Zusatz starker Vitaminträger (Hagebutten,
Apfelsinenschalen, Aprikosenmark) in Nahrungsmitteln mit besonders hohem
Kaloriengehalt ergänzt worden waren. Kampftruppen erhielten Vitamindrops
und den Feldküchen wurden strenge Anweisungen gegeben, wie die
Gemüse gekocht werden müssen, um den Verlust an wasserlöslichen Vitaminen
so gering wie nur möglich zu halten. Die Bedarfsdeckung während
des Krieges fand bei uns eine beachtliche Berücksichtigung und man war
immer aufs neue bedacht, um ergänzende Vitaminquellen zu finden. 189