Das betriebliche Vorschlagswesen
In der September-Rusgabe 1940 des Dreihammer
nahm ic zum erstenmal Gelegenheit, in einem
kurzen Artikel meine Gefolgschaft zur Mithilfe bei
der Leistungssteigerung durch Verbesserungsvorschläge
aufzufordern. Ich habe damit gleich vieler anderer
deutscher Betriebe einen vollständig neuen Weg eingeschlagen,
Leistungssteigerung zu betreiben, und ic
kann mit dabei gut vorstellen, daß sich manches
Gefolgschaftsmitglied über den Zweck dieses Aufrufes
und den Erfolg desselben nicht ganz im klaren war.
Wenn auch bet deutsche Arbeiter und dabei die
Gefolgschaft meines Betriebes im besonderen, stets
ein guter und fleisziger Arbeiter gewesen ist und Wert
darauf legte, feinen Vorgesetzten und Arbeitskameraden
gegenüber nicht als faul unb untüchtig zu gelten, fo
sah er feine Pfllicht doch nur in her Erfüllung bet
ihm zugedachten Arbeit. Für den Betrieb uud feine
Einrichtung fühlt sich bet Arbeiter nicht verantwortlich;
diese Aufgabe war Sache des Unternehmers unb
unb feiner Ingenieure unb Techniker unb er überließ
es benen, ben Ropf barüber zu zerbrechen, too an
einer Maschine eventuell eine Verbesserung angebracht
werben könnte. Es war sogar bei bet Arbeiterschaft
nicht zu Unrecht bie Ansicht vertreten, daß bie Betriebsleitung
im Arbeiter, bet einen Verbesserungsvorschlag
einbrachte, einen vorlauten Dreinreder, bet Meister
einen nicht gern gesehenen Besserwisser unb bie nächstbeteiligten
Arbeitskameraden einen ausgeprägten
Strebet erblickten. So war es auch nicht verwunderlich,
daß troß vielfältiger Ideen biefe meiften als kleine
Geheimnisse im Wissenskreis des einzelnen Arbeiters
steckenblieben, keinesfalls über ben Meister hinaus
an bie Betriebsleitung unb damit in ben ganzen
Betrieb gelangten.
Es bebarf einer grundlegenden Umstellung in
bet Denkweise, sowohl bei bet Betriebsführung wie
auch bei ber Gefolgschaft, mit biefen althergebrachten
Ansichten Schluß zu machen unb einen neuen Weg
einzuschlagen, bet bie Arbeitsfreude unb bie Lust
zur geiftigen Mitarbeit weckt unb bie schlichte Parole
des Fühters :
„'Achtet bie Arbeit unb ehret ben Arbeiter" ber Verwirklichung
zuführt. Dazu bebarf es aber eines
Mittlers, ber sich im betrieb!. Vorschlagwesen anbietet.
Uc sehe baker im betrieblichen Vorschlagwesen
auch bie beffe Möglichkeit, bie bislang gehemmten
unb zurückgehaltenen, schöpferischen Kräfte ber Gefolgschaf
freijufegen. Der Betrieb soll ben einzelnen
Gefolgschaftsmitgliedern mehr als nur Arbeitsplatz
fein. Dieses Ziel zu erringen ift nur möglich, wenn
bie Aufgabe des einzelnen Gefolgschaftsmitgliedes
nicht allein barin befiehl, feine mechanisch gestaltete
Arbeit zu erfüllen. Es muß ihm nicht nur baß Recht
gegeben, sondern auch bie Pflicht auferlegt werben,
bei ber Erfüllung biefer Arbeit mitzudenken unb dazu
beitragen, wenigstens leinen eigenen Arbeitsplat
fo zu gestalten, daß auf demselben bei kleinstem Aufwanb
an Arbeitskraft bie höchstmöglichste Leistung
bei bestem Warenausfall erzielt werben kann.
Dieses Ziel zu erreichen, betrachte ich als eine
ber größzten Aufgaben, bie einer Betriebsführung
gestellt werben können unb ich habe daher auch in
Erkennung ber Wichtigkeit biefer Aufgabe im Betrieb
eine Betriebswirtschaftsstelle ins Leben gerufen, welche
sich vorwiegend mit bem systematischen Studieren
unb Bestgestalten ber einzelnen Arbeiten, Arbeits-Plätze
unb Arbeitsverfahren beschäftigt. Uc glaube
hier werben mir nun alle Gefolgschaftsmitglieder recht
geben wenn ich annehme, baß gerabe das Gefolgschaftsmitglied,
welches schon feit Jahren an einem
bestimmten Arbeitsplat arbeitet unb dabei ben Kopf
bei ber Arbeit hat, über feinen Arbeitsplatz am heften
Bescheid wissen muß unb daher am heften in ber Lage
ift, entsprechende Vorschläge, ober vielleicht auch nur
zur Bessergestaltung seines Arbeitsplatzes zu geben.
Biele Gefolgschaftsmitgtieder haben sic in ber
letzten Zeit vielleicht noch davon abhalten laffen, Vetbesserungsvorschläge
einzureichen, ba fie sich nicht
fähig genug fühlten, in einer schriftlichen Form eine
technische Beschreibung ihrer Idee zu machen. Hierzu
möchte ich betonen, baß es nicht barauf ankommt,
wie ber Aufsatz, aussieht, sondern baß einzig unb allein
bie Ober, um bie es sich banbelt, ausschlaggebend ifi.
Es genügt mir auch vollständig, wenn solche Ideen
mir ober meinen Berufsbeauftragten mündlich DOEgebracht
werben. Uc laffe bann biefe Ideen in Anwesenheit
des betreffenden Gefolgschaftsmitgliedes
durch eine berufene Kraft zu Papier bringen.
In diesem Zusammenhang möchte ich betonen,
baß jeber eingegangene Vorschlag, gleichgültig ob vom
bewährten Facharbeiter, neu angelernte Arbeitern ober
Lehrling, ohne jebe Voreingenommenheit überprüft
unb bewertet wirb.
Ein guter Vorschlag eines Mitarbeiters (Gefolgschaftsmitgliedes)
löst bei mir dieselbe Freude aus,
wie ein eigener guter Gedanke. Verbesserungsoorschläge
können nicht nur auf technischem Schiet, sonbern
genau fo gut auf kaufmännischem, organisatorischem,
unfallverhütendem, sozialpolitischem unb werkstoffeinsparenden
Schiet gemacht werben. Alles, waS
irgendwie mit bem Betrieb im Zusammenhang steht
unb waS zur Verbesserung, Verschönerung, Leistungssteigerung,
Unkostenverminderung usw. beiträgt, ift
wert, in einem Verbesserungsvorschlag weitergegeben 5