Skip to main content

Full text: Vorarlberger Mieter-Zeitung. Organ des Landesverbandes der Mieterschutzvereine von Vorarlberg

Sete 2 „bccatlbeeget Rietezzeitung" 
Und der Hausbesitzer? Wie viele waren denn 
eigentlich „Besitzer?" Haben nicht die meisten von frem- 
dem Gelde das Haus gebaut ober getauft und damit 
gewuchert unb vom Mieter gelebt? Was gaben biefe 
dafür ihren Gläubigern? Unb was verlangen fie vom 
Mieter? 
Aus diesen kurzen Anführungen fann man ersehen, 
dasz ber Bolschewismus schon lange unb vielfach besteht. 
Das Neue ist nur dieses, dasz ber Bolschewismus, wie 
ihn die „Grosze n" unb Hohen seitundenk- 
lichen Zeiten betreiben, trotz des Geschreies 
ber beraubten Räuber, nun auc von ben Niederen als 
ebenfalls zuständiges „Recht" verlangt unb dasz darum 
gekämpft wird, genau fo, wie bie Sklavenbefreiungs- 
kriege ober bie Revolution gegen bie Adelsvorherrschaft. 
Und sind mir Mieter babei bie „Schlimmsten"? 
D nein! Im Gegenteil, bie „Zahmsten". Wir verlangen 
nur bas Recht auf eine Wohnung; eine menschenwür- 
dige, unb unferer Kulturstufe angemessene Wohnung. 
Wir halten uns nur auf gegen bie Ausbeutung ber 
Zinsgeier, ber Wuchergeschäfte mit ben Wohnungen, 
unb sind noch lange nicht fo weit, dasz mir bie Häuser 
„enteignen". Ja nicht einmal ben Boden für eine Woh- 
nung, benn sonst müszten bie Mieter oerlangen, daß 
ebensogut als für eine Eisenbahn ober Fabrik auc zur 
Erstellung unb Beschaffung oon Wohnungen ber Grund 
enteignet werbe. Wir oerlangen nur ganz bescheiden, 
dasz oom Ueber flusf e einige Brosamen, anstatt un- 
benützt zu verderben, ben Mietern zukommen. Unser 
Entgegenkommen geht aber noch weiter. Wir sind unb 
sorgen auc für die Erhaltung ber Wohnung, auc als 
fremdes Eigentum, obwohl wir uns bewuszt 
sind, daß dieses Eigentum bem Besitzer in 99 oon hun- 
bert Fällen vollständig ober grösztenteils „gratis" in 
den Schosz gefallen ift unb dasz gerade biefe Haus- 
besitzer durch ihr Geschrei um bie Aufrechterhaltung bes 
durch bie Inflation geschaffenen Zustandes bie „ärgsten 
Bolschewiken" sind, nur rufend: „Was bein war, ift jetzt 
mein, unb was mein ift geht dich nichts mehr an!" 
Für diejenigen aber, welche neu „ihr Selb in alten 
Häusern angelegt" haben, tonnen wir nur sagen: „Lie- 
ber Moises unb Veilchenduft, handelt wieder mit Zünd- 
hölzchen unb alten Hhoisen, in Häusern ift nix a Geschäft 
zu machen !" 
Den Mietern aber rufen wir zu: Wenn wieder ein 
Hausbesitzer euch als „Bols chewi t" beschi mpf en 
will, fo bietet ihm bie Hand und sprecht: „Komm an 
mein Herz, Bruder in Christo, unb lehre mich, benn 
was bu schon lange bist, muß ich erft werben! Aber wir 
„Wilde" sind boch noch bessere „Menschen". 
Darum, Hausherren, verlangt Ihr „Religion", fo 
übet selbst dieselbe; seid hilfreich, so wirb euch geholfen; 
brohet Ihr mit bem Liktorenbündel, begegnet Ihr bes 
Schwertes Spitze! Das ift ber „Bolschewismus" ber un- 
politischen Mieter! 
Landesverbandstagung 
Die Landesverbandstagung am 6. Jänner 1928 in 
Lustenau, Safthaus „Weinstube", vormittags 10 Uhr, 
war von allen Ortsvereinen beschickt. Es waren an- 
wesend: Für Bregenz: Dr. Gaszner, für Lustenau: Wie- 
berin unb Hämmerle, für Dornbirn: Toth, für Götzis: 
Lüthi, für Bludenz: Amann, Für bie Verbandsleitung: 
Obmann Ruepp unb Schriftführer Oberdörfer. Der 
Kassier Sprenger war entschuldigt. Als Säfte waren 
mehrere Ausschuszmitglieder bes Vereines Lustenau 
anwesend. 
Aus bem Verlaufe ber Verhandlungen fei kurz 
mitgeteilt: 
1. Nac bem Berichte ber Verbandslei- 
tu n g hat ber Verband sic im vergangenen Jahre auf 
eine neue Grundlage gestellt, eine erhöhte Tätigkeit ent­ 
faltet unb bie „Vorarlberger Mieterzeitung" heraus- 
gegeben. Der Kassestand beträgt 39 S. Beim Zeitungs- 
konto mürben über 100 S gegenüber bem Voranschläge 
erspart. Verbandstagungen würben im vergangenen 
Jahre zwei abgehalten, Verbandssitzungen waren vier, 
j Zeitungsausschuszsitzungen 13. Von ber Verbands- 
ileitung besuchte, bezw. abgehaltene Versammlungen 
|waren in Lustenau zwei, in Dornbirn zwei, in Götzis 
, eine, in Schruns eine, in Bregenz eine in Feldkirch eine. 
Schriftstücke waren ungerechnet bie Einsendungen für 
jbie „Vorarlberger Mieterzeitung" eingelangt 80, im 
; Auslaufe 110 Nummern, davon zwölf in Rechtsschutz- 
. angelegenheiten. Die Anzahl ber Vereine ift mit fünf 
;gleichgeblieben; anstatt bes aufgelöften Vereines in 
iSchruns hat sich ber Verein Bregenz wieber gebildet. 
: Die Mitgliederzahl ift gegen 40 Prozent gesunken, unb 
: zwar einerseits aus Gleichgültigkeit ober Kurzsichtigkeit 
iber Mieter, andererseits durch bie bekannte politische 
1 Partei-Praktik ber Werbetätigkeit ber ber Mieterver- 
■einigung Desterreichs angeschlossenen Lokalorgani- 
'sationen. An Reisen zu Versammlungen, Rechtsange- 
)legenheiten, Besprechungen u. dgl. waren gegen 50, 
. baoon Dom Obmann allein 39, grösstenteils auf feine 
* eigenen Koster, vermerkt. Der Verkehr mit ben Behör- 
den, Dr. Drexel unb anberen Organisationen wickelte 
: fiel) in freundschaftlicher Form ab. Segen bie einseitige 
|Bevorzugung ber anberen Organifationen burch bie Ar- 
;beiterkammer mürbe Stellung genommen. Angriffe er- 
. fuhr unser Verband feitens ber Landesorganisation ber 
' Mieterschutzvereinigung Desterreichs. 
Die Verbandszeitung „Vorarlberger Mieter- 
‘Zeitung" fand Anklang, menn auch verschiedene Mieter 
|infolge Miszverständnis ober unrichtiger Aufklärung 
|bie Zeitung wieder rücksandten. 
2. Gefaszte Beschlüsse: 
Die „Vorarlberger Mieterzeitung" erscheint not- 
wendig unb wird weitergeführt. Der Mitgliedsbeitrag 
imürbe für bas Jahr 1928 wieber mit brei Schilling, bie 
!Beitrittsgebühr mit einem Schilling festgesetzt. Der Be- 
zug ber „Vorarlberger Mieterzeitung" ift babei inbe- 
. griffen. Der Vereinsbeitrag ift im erften 
Kalenderviertelzuentrichten. Für säumige 
ober später beitretende Mitglieder steht es ben Orts- 
|vereinen frei, in allenfallsigen Rechtsschutzsachen zu ent- 
ischeiden. Die Entschlieszung ber Versammlung in 
, Lustenau vom 13. November 1927 mürbe zur Kenntnis 
genommen unb entsprechend behandelt. Zur Verbands- 
|leitung mürbe wieder Bludenz gewählt, und zwar als 
! Obmann: Ruepp Josef, als Schriftführer unb Kassier: 
Oberdörfer Hans. Die Stellvertreter merben erft 
noch burch den Verein Bludenz gewählt. Der Verbands- 
:leitung murbe für ihre Tätigkeit ber Dank unb bie An- 
'erkennung ausgesprochen. Sämtliche Beschlüsse erfolgten 
i einstimmig. 
Hämmerle lud bie anwesenden Ortsvertreter zur 
;nachmittägigen Ortsvereinshauptversammlung von 
i Lustenau 'ein. Die schön unb einmütig verlaufene Ta- 
• gung mürbe um 1 Uhr 45 Minuten unter ben üblichen 
, Schluszworten unb mit ber Mahnung unb Aufforde- 
'rung, dasz nur opferfreudiges, gemeinsames unb ver- 
ständnisvolles Mit- unb Zusammenarbeiten aller Mie- 
ter auf unpolitischer Grundlage zu einem gedeihlichen 
Ziele führen fann, geschlossen. 
Berichte aus Vorarlberg 
Bludenz. (Wie hier bie Sozialdemokraten für bie 
Verminderung ber Wohungsnot Abhilfe schaffen wol- 
5 len.) In ber Stadtvertretungssitzung vom 30. Dezember 
1927 stellte der H, Salzmann namens ber sozialdemo- 
kratischen Partei anläszlic ber Beratung über bie kosten- 
lose Uleberlassung bes alten Friedhofgrundes zum Kir­
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.