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Full text : Vorarlberger Mieter-Zeitung. Organ des Landesverbandes der Mieterschutzvereine von Vorarlberg

Seite 2

„Bcrarlberger Mllieterzeitung"

Wohnungselend abhelfen können. Ganz abgesehen von
der ganz ungerechten Verteilung dieses Geldes ist die
Mietzinsbildung so, dasz eben die Armen die verlangten
Mietzinse nicht mehr zahlen können. Auf der aniseren
Seite werden aber diese Mietzinse, welche über das Doppelle
 der Friedenszinse hinausgehen, als Grundlage der
Mietzinsbildung für Mieterschutzwohnungen ober Althauswohnungen
 herangezogen. Es iff also zwar „gesetzlich"
 ein Mietzins von rund 60—80 Prozent des Friedenszinses
 festgelegt, tatsächlich wird aber ein Mietzins
von 200—300 Prozent des Friedenszinses vom Mieter
verlangt.

Weiters wird behauptet, daß der Unternehmungsgeist
 in Oesterreich durch Kapitalarmut abgewürgt werde,
während bei einer Aufwertung des Wiener Hausbesitzes
ohne Schwierigkeit eine Milliarde Schilling an Hypotheken
 aufgenommen und der Wirtschaft zugeführt werden

könnte.

Kurz gesagt: Es ist ber alle Schwindel mit der „Wirtschaft"
 und Hypothek. Richtig ist nur, daß Oesterreich an
Kipitalsarmut leibet. Daran ist aber richt das Mietengesetz
 ober her niedere theoretische Mietzins schuld, sondern
ganz andere Sachen, wobei wir nur die Creditanstaltgeschichten
 erwähnen wollen.

Dann „Hypotheken"möglichkeit. Gerade in unserem
Lande erscheinen diese Auslandshypotheken von abschrekkender
 Wirkung. Mit welcher Freude wurden die Schweizer
 Hypotheken aufgenommen, unb welche Hoffnungen
wurden daran geknüpft! Und jetzt? Wer ist betreibende
Partei bei den zahlreichen exekutiven Liegenschaften Bersteigerungen,
 und wer ist Käufer zum halben Schätzungswerte?
 Leider kann ber wehmütige Kinderspruch: „Ich
habe gemeint", nicht mehr helfen. Aber mir wollen solche
Sachen für die Zukunft vermeiden und erheben daher
neuerdings unsere Forderung: Lieber feine Hypotheken
und billige Häuser und Not, als untragbare Hypotheken
und Verlust des gesamten Hausbesitzes.
Denn diejenigen, welche nuc Hypotheken unb Aufwertung
 schreien, haben fein Interesse am Hausbesitz, an ber
Erhaltung von Haus unb Wohnung, an Volkswirtschaft,
 sondern nur an ber Geldverwertungs- und Gewinnmöglichkeit
 der Häuser, gleichwie an den Börsenpapieren,
 unb anstatt daß Wasser-, Licht-, Kohlen- ober Elektrizitätspapiere
 gehandelt werden, werden eben Häuser
verbörsert.

Leider haben wir in unseren Ausführungen verschiedenes
 bereits früher Gesagte wiederholen müssen, aber
wenn von der anderen Seite immer und immer wieder
Falsches vorgebracht wirb, müssen wir halt ebenso oft
dessen Unrichtigkeit und die Volkswirtschaftsschädigung
hervorheben. Nicht durch Fortbestehen des Mieterschutzes
wirb Oesterreich ein armes Land, aber durch Aufhebung
 des Mieterschutzes unb Freigabe bes Zinsenwuchers
unb Hypothekenbelastung wirb es ausverkauft.

Tagung des Landesverbandes der

Mieterschutzvereine von Vorarlberg

Dornbirn, 19. Jänner. (L a ndesverband be r
Mieterschutzvereine von Vorarlberg.) Der
unpolitische Landesverband ber Mieterschutzvereine von
Vorarlberg hielt am letzten Sonntag im Gasthause zum
„Sägerhof" 'feinen diesjährigen ordentlichen Verbandstag
 ab. Es waren sämtliche Ortsvereine oertreten. Aus
dem Berichte des Obmannes, H- Ruepp, tonnte man
entnehmen, dasz die Mieter zwar bann, wenn fie in Nöten
 sind, die Mieterschutzvereine schnell finden, sonst aber
leider sehr gerne abseits stehen. Der Mitgliedsbeitrag von
jährlich 3 S ist ihnen zu teuer, aber monatlich 30 Schilting
 Mietzins, das Doppelte des gesetzlichen Mietzinses,
tonnen sie leisten, und wenn dieses dann dem Hausbesitzer
 noc zu wenig ist und er ein ungnädiges Gesicht macht.

dann sollten die Mieterschutzvereine ihnen die Suppe
auslöffeln. Versammlung wurde in jedem Ortsvereine
nur eine abgehalten. Gerichtsverhandlungen führte die
Verbardsleitung vier durch mit Erfolg. Dem §). Dr.
Drexel wurde anläszlic der Zurücklegung seines Nationalratsmandates
 der Sant für feine Tätigkeit als Mietervertreter
 ausgedrückt. Anläßlich der derzeitigen traurigen
wirtschaftlichen Lage wurde an die Landesregierung eine
Eingabe gemacht, daß fie bafür forgen möge, bah die
Gerichte feine exekutiven Delogierungen durchführen lassen.
 An die Zeitungen bes Landes wurbe ein Aufruf eingesandt,
 das die Hausbesitzer den gesetzwidrig eingehobenen
 Mehrzins entweder nachlassen ober für die Winterhilfe
 hergeben mögen. Gegen die Mietergesetzabänderungsanträge
 bes H- Pistor wurde Stellung genommen.
Die Vorarlberger Mieterzeitung hat verschiedentlich Beachtung
 gefunden. Die Tätigkeit ber Verbandsleitung
wurbe einstimmig anerkannt und verdankt. Ebenso einstimmig
 wurde die bisherige Verbandsleitung wiedergewählt
 und ersucht, die Geschäfte wie bisher weiterzuführen.
 Es handelt sich hauptsächlich um die Armen, deren
Zahl aber durch die Arbeitslosigkeit unb Gehaltskürzungen
 immer gröszer wird. Der Jahresbeitrag wurde bei
3 S belassen, ebenso die Beitrittsgebühr mit 1 S. Die
,,Vorarlberger Mieterzeitung" fall weiter ausgegeben
werden. Die Mitgliedsbeiträge Jollen im ersten Vierteljahr
 eingezahlt werden. Allenfalsige Einzugsgelder einzuheben
 bleibt den Ortsvereinen überlassen. Die Rückerstattung
 ber Feuerversicherungsprämiennachlässe der Vorarlberger
 Landesfeuerversicherungsanstalt an die Mitglieder
 wirb bei ben Ortsvereinsversammlungen erfolgen.
 Die Zinsgroschenerhöhung und die Verwendung
dieses Geldes bei der Bundeswohnbauförderung wurden
behandelt. Sämtliche Beschlüsse erfolgten einstimmig.

Dornbirn. (Zur Tagung des Landesverbandes
 her Mieterschutzvereine von Vorarlb
 er g.)

In Folge 24 bes „V. V." nahm ein Hausbesitzer von
Bregenz zum Berichte über den Verbandstag des Landesverbandes
 der Mieterschutzvereine von Vorarlberg
Stellung und hielt sich über bas „Gesicht-machen" auf. Es
wundert ihn, dasz dieses nicht auch noch mit Strafe belegt
ist. — Wir Jagen ganz ruhig: Ja, es sollte auc noc mit
Strafe belegt werben, unb zwar nach § 43 des M.G.!
Denn es dürfte wohl wenige Hausbesitzer geben, welche
nicht wissen, daß gerade in Vorarlberg die Mieter nur um
bes „lieben Friedenswillen" dem Hausbesitzer viel mehr
an Miete zahlen als Jie gesetzlich verpflichtet sind. U nd
warum ist kein Friede im Hause? Weil
der Hausbesitzer denselben stört! Und zwar
nur, weil er immer noch zu wenig Mietzins erhält. Auc
wenn er den doppelt valorisierten Friedenszins erhält,
findet er immer noch eine Begründung über das Zuwenig.
 Der Einsender hat auch unrecht, wenn er behauptet,
 dasz vor dem Kriege fein Mieter auf die Strasze geworfen
 wurbe. Recht hatte er gehabt, wenn er behauptet
 hätte, dasz es vor dem Kriege fein streitbares JZusammenleben

 gegeben hat. Denn kaum hat der Mieter den
Hausbesitzer oder dessen Frau in einer schlechten Laune
geärgert, so ift er am nächsten Ersten aus ber Wohnung
gewesen. Unb ob ber Mieter auf der Strasze lag ober
nicht, das kümmerte den Hausbesitzer sehr wenig. Zumindestens
 hat er sich nicht darum geflimmert, ob ber
Mieter eine andere Wohnung erhält, wenn er nicht gar
vielleicht durch sein Schimpfen über die Partei das Seinige
noch dazu getan hat, daß dieser Mieter feine Wohnung
mehr erhielt. Auc die Behauptung, das beim Aufhören
bes Mietengesetzes mehr und billige Wohnungen vorhanden
 seien, ‘ist unrichtig. Die Hausbesitzer haben bereits
zur Auflassung des Wohnungsanforderungsgesetzes dies
behauptet, und das Gegenteil ift eingetreten. Heute richtet
 fiel) bereits ber Preis der alten „mieterschutzfreien"
Wohnungen nach dem Preise (ober drüber!) ber neuer­
            
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