** Vorarlberger
llieter- Zeitung
Organ des Landesverbandes der mlieterschjutzvereine von Vorarlberg.
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Erscheint vorläufig jeden Monat. — Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Landesverband der Mieterschutzvereine von Vorarlberg.
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vereine von Vorarlberg in Bludenz, Untersteinstrasze 1. — Druc von E. Rusz in Bregenz.
folge 6-8 Bludenz, Juni-Rugus 1932. 6. Jahrgang.
Weg mit der Zwangswirtschaft. —
Die radikalen Mieterprogramme.
In den „Innsbrucker Nachrichten" veröffentlichte Herr
Dr. Philippovich, Sekretär des Hauss und Grundbesitzer-
vereines, die Forderungen der sozialdemokratischen Mie-
tervereinigungen unter der Ueberschrift: „Bürgerliche
Mieter, was sagt ihr dazu?" und schlosz seine Ausführun-
gen folgend: Bürgerliche Mieter, die ihr in den Reihen
der Metervereinigung steht, billigt ihr den Wahnsinn die-
ses Programmes?" ------------
Der Landesverband der Mieterschutzvereine brachte
als Antwort auf diese Anfrage, unter Hervorhebung des
„bürgerlichen Charakters", die in Bludenz am 18. Juli
d. 3. in der gemeinsamen allgemeinen öffentlichen Mie-
terversammlung gefaszte Entschlieszung im Auszuge in den
„Innsbrucker Nachrichten" zur Veröffentlichung. Darauf-
hin kamen zwei scharfe Erwiderungen, und zwar eine von
„S. N." und die andere von Dr. Philippovich.
Der „S. N.", der als „wirklich bürgerlicher" Mieter
bezeichnet wurde, meint das der Verfasser der Einsendung
unseres Landesverbandes „nicht viel aus dem Ländle hin-
ausgekommen sei", und daßz Oesterreich keine „innere An-
leihe erhalte", wenn es nicht sicher sei, ob dem Sparer sein
auf Hypotheken angelegtes Geld auc einmal „angefor-
dert" werden könnte, — und schreibt: „Freie Wohnwirt-
schaft", dies fordern die wirklich bürgerlichen Mieter, nicht
zuletzt auc zum Vorteile der in die Mieterschutzvereine
hineingezwängten „Mieter", die „aus Unverstand" den
Sozi Sekundantendienste leisten", -----------Pumps! —
Also, geehrte Mitglieder des Landesverbandes und
„bedauernswert Hineingezwängte!" Leider hat der weit-
gereiste, weit ins Ausland schauende und sich r-facver-
mehrte „S. N." (soll das vielleicht Hans Niemand heiszen?)
nicht ausgeführt, ob euc der Landesverband oder der
Hausbesitzer in den Verein „gezwängt" hat. —
Der Herr Dr. Philippovic meint aus der Entschlie-
Lung unter Hervorhebung des Bolschewismusses" als
den Höhepunkt herauszufinden! Wenn man das „bür-
gerliche" Vorarlberger und das sozialdemokratische Pro-
gramm liest, kann man nur fragen: Hausbesitzer, willst
du gesotten oder gebraten werden? — Und den arös-
ten Schlager glaubt er damit zu haben, daß er anführt,
das ihm ein Mitglied der Mietervereinigung schrieb:
Mein sehnlichster Wunsch wäre ein freier Woh-
nungsmarkt wie vor dem Kriege." —
Nun, wir wissen, dasz auc „bürgerliche" und „sozial-
demokratische" Mieter in Vorarlberg dies sagen. Dabei
ist aber die Betonung nicht so sehr auf „freier Wohnungs-
markt" als vielmehr „wie vor dem Kriege"; damals sind
ober die Herren Hausbesitzer als „Hypothekenbesitzer" den
Mietern „nachgelaufen" und haben sich recht bescheiden
gegeben, wozu auch jetzt bereits die Besitzer von „neuen
Häusern" sich gezwungen sehen. Anderseits gehört ein so
sprechender Mieter nicht in die sozialdemokratische Mieter-
vereintgung mit entgegengesetztem Programm, oder er ist
überhaupt nicht organisiert, sondern singt für sich das
schöne Lied: „Ob die Welt morgen steht und der Freund
untergeht, wenn sie mir nur heut nochält, heut ist heut."
Das sind aber weder Mieter noch Volksgenossen — da-
her wurde nachstehende Aufklärung in den „S. N." ver-
öffentlicht.
Bludenz, im August.
Da die Veröfsentlichung der in Bludenz in der allge-
meinen Mieterversammlung vom 18. Juli gefaszten Ent-
schliesyung bereits mehrere Entgegnungen — unter obiger
Aufschrift — hervorgerufen hat, von denen eine geradezu
beleidigend für den Mieterschutzverein Bludenz ist, fühlen
wir uns gedrängt, der Sache noch einige Worte zu wid-
men. Es bleibt allen „bürgerlichen" Mietern überlassen,
selbst zu urteilen, ob der Landesverband der Mieterschutz-
vereine von Vorarlberg und insbesondere der Mieter-
schutzverein von Bludenz aus „Unverstand" den „bolsche-
wistischen" Forderungen „Sekundantendienste leisten oder
ob die Gegner unserer Entschlieszung nicht aus den glei-
chen Ursachen dies gegenüber den „unberechtigten" For-
derungen der Hausbesitzer tun.
Wir wollen nur kurz aus der bisherigen Tätigkeit des
Vereines aufzeigen, was der Landesverband der Mieter-
schutzvereine von Vorarlberg geleistet hat. Der Landes-
verband der Mieterschutzvereine von Vorarlberg und der
Mieterschutzverein von Bludenz bestehen seit dem Jahre
1921. Beide wurden durch die Sozialdemokraten aus po-
litischen Gründen gespalten. Weil die — bürgerlichen und
nichtbürgerlichen — Mieter sic nicht der sozialdemokratt-
schien Partei unterwerfen und ihr anhängen wollten, blie-
ben sie selbständig als unpolitischer Verein und Landesver-
band neben der Wiener Mietervereinigung Oester-
reichs bestehen. Die Grundlagen des Mietengesetzes vom
Jahre 1922 wurden in der Mieterversammlung in Dorn-
birn aufgestellt. Der Vertreter des Landesverbandes der
Mieterschutzvereine von Vorarlberg im Nationalrat war
Dr. Drere I. nicht weil er christlich sozial, sondern weil er
der einzige Vorarlberger Nationalrat aus dem Mieter-
stande war. Den Bestrebungen und Forderungen des
Landesverbandes muszten auc die Sozialdemokraten die
„Sachlichkeit" zuerkennen, obwohl sie den Verband sonst
verschiedentlich bekämpften. Leider fanden besonders bei
den Mietengesetzabänderungen im Jahre 1925 und 1929
die Worte des Landesverbandes nicht mehr die gebüh-
rende Berücksichtigung. So wurde 3. B. die Forderung um
das Wohnungseinweisungsgeset vom Landesverbande der