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Full text: Vorarlberger Mieter-Zeitung. Organ des Landesverbandes der Mieterschutzvereine von Vorarlberg

Seite 2 „Bcratlberger MRieterzeitung" 
das Mietengesetz so abgeändert werden, dasz dieser Misz- 
stand behoben wird. Dazu gehört aber vor allem, das die 
schlechten Wohnungen auc billig vermie- 
tet werden müssen. Der so oft angeführte „Ruf 
nach Klein- und Kleinstwohnungen" entspringt sicher nicht 
dem Bestreben, eine kleine Wohnung zu haben, son- 
dern nur dem Bestreben, eine billige, ertragbare Woch- 
nung zu haben. Nun, und wenn das Einkommen nicht zu 
einer größeren reicht, so will sic der Mieter mit einer klei- 
nen begnügen. Um also den sozialen, kulturellen und sitt- 
lichen Bedürfnissen gerecht zu werden, bleibt nichts ande- 
res übrig, als entweder das Einkommen zu erhöhen, oder 
die Miete zu verringern. Wer dies nicht einsieht, ift ein 
Anbeter des goldenen Kalbes, Schützer der Geldsäcke und 
Volksschädlinge, unter welcher Farbe immer. 
Völlig unverständlich ist es vom Bauernbund, den 
Hausbesitzern möglichst hohe Zinserträgnisse verschaffen 
zu helfen, da doc heute jeder Bauer über den übermäszig 
hohen Zins jammert und auch mancher Bauer in unserem 
Land an dem hohen Zinsfuse feine Heimat verlor. Es 
musz doch der dümmste Bauer einsehen, dasz er auf feine 
Heimat fein billigeres Geld erhält, wenn der Stadthaus- 
besitzer aus seinem Hause einen hohen Zins herausschin- 
det, und daher auc einen hohen Zinsfuß verträgt. Da 
aber der Herrgott fein Mieter ist, dem man den Gras- 
und Kartoffelwuchs vorschreiben und steigern kann, so 
sinkt auc der Wert der Heimat mit dem Steigen des 
Zinsfusses, ganz abgesehen vom Geldmangel, der im 
Volke ausgebreitet ift. Also könnte auch nur derjenige 
für die Aufhebung des Mietengelsetzes sein und Freigabe 
der Mietzinsen, der mit wenigem Selbe taufen will, b. h. 
so lange borgen, bis er bas Anwesen und die Heimat im 
Versteigerungswege um den halben Wert zu taufen be- 
kommt. Dagegen hilft aber auc feine Hinausschiebung 
ber Versteigerung auf ein Jahr. Es ift auc schon bekannt, 
daß dieses letzte Bauernrettungsgeset bem Bauern höch- 
stens mehr Kosten verursacht und ihn noch mehr in die 
Schuldknechlschaft bringt, so dasz er nac einem Jahre an- 
ftatt auf ber Heimat bleiben zu können, noch mit lleber- 
schulden abziehen muß. 
Gerade die Mieter in Vorarlberg haben ein Inter- 
esse an ber Aufrechterhaltung des Mietengessetzes. Sind 
doc bie wichtigsten Gedanken darin in Vorarlberg gebo- 
ren worden, und haben auc bie Vorarlberger Mieter 
den Grundsatz aufgestellt, dasz das Haus und bie 
Wohnung erhalten werden musz, und haben 
auc sic zu ben entsnrechenden Opfern bereit erklärt. Sie 
sind aber auc mit ben volkswirtschaftlich denkenden 
Hausbesitzern einig, das im Mietengesetz keine Para- 
graphen entgalten fein dürfen, welche ,gelschlossene Ver- 
träge für nichtig erklären und ben Wortbruc sanktiorie- 
ven". Das kann aber nur durch bas Verbot ber „freien 
Vereinbarungen" und Bestrafung jeder llmgehung des 
Mieterigesetzes geschehen. Dann gilt erft „Gleichheit vor 
bem Gesetze". 
Und deshalb märe es gerechtfertigt, wenn nicht bie 
Hausbesitzer mit Protestversamlungen g egen bas Mie- 
tengeset auftreten würden, sondern bie Mieter für bie 
Aufrechterhaltung dieses Gesetzes im Sinne des Mieter- 
schutes und des Volksschutes, unter der Begründung: 
Weg mit ben Hirtertürparagraphen ber Zinssklaverei, 
Volksknechtung, Miszwirtschaft und Abstehlung ber Sei- 
mat. 
Aus Vorarlberg 
Anton Wehl +. 
Bregenz. Am Sonntag, 27. Nov. 1932, starb in Bre- 
ganz Herr Anton W ehl. Er mar feit Neugründung des 
Mieterschutzvereines Bregenz (1928) dessen Kassier und 
auc schon früher verdienstvoll in der Mieterbewegung 
tätig. Mit Herrn Wehl verliert ber Mieterschutzverein 
Bregenz wohl sein eifrigstes und treuestes Mitglied und 
eine feiner Hauptstützen, denn er mar als Kassier gerade- 
zu vorbildlich unb es wirb sich nicht leicht ein Ersatz für 
ihn finden lassen. Genauigkeit unb absolute Zuverlässig- 
feit, zwei Wesenszüge, bie im Charakter Herrn Wehls 
besonders hervortraten, befähigten ihn in einzigartiger 
Welse zu feiner Vertrauensstellung im Verein, besser ge- 
fagt, für Vertrauensstellungen überhaupt. Er war des- 
halb auch ein mustergültiger Beamter unb es ift bitter 
zu beklagen, das er noch während feiner aktiven Dienst- 
zeit in verhältnismäßig frühen Jahren dahingerafft 
mürbe. Unb wer erft ben guten Herrn Wehl persönlich 
gekannt hat, wer es erfahren hat, wie liebenswürdig, zu- 
vorkommend unb gütig dieser Mersch allezeit gewefen ift, 
ber kann es faum faffen, dasz er jetzt auf einmal nicht 
mehr ba fein soll. Vor allem wendet sich unser innigstes 
Mitleid ber treuen, jetzt vereinsamten Gattin des Ver- 
blicheren zu. Ihr und uns allen, die trauernd an seinem 
Grabe stehen, mag zum Troste gereichen, dasz nicht alles 
on ihm sterblich mar, dasz fein unvergänglicher Teil hin- 
übergegangen ift in eine beffere Welt, als bie unsrige es 
ift, unb daß wir ihn unfern Wehl, bort einmal, will’s 
Sott, wiederfinden werben. Fiducit! 
Hard. (Hausbesitzerversammlung.) Ueber 
bie in Hard abgehaltene Versammlung des Haus- unb 
Grundbesitzervereines wirb verlautbart, dasz ^. Nat.-Rat 
Sch midt- Bludenz einen längeren Vortrag über bie 
Bedeutung von Währung unb Arbeitsbeschaffung hielt. 
Verbandsobmann Sh. Lingg-Bludenz beschäftigte sich mit 
bem Mietengesetz unb hob besonders dessen Auswirkun- 
gen hervor. Auf Grund dieser Vorträge gab in einer 
Entschließung die Versammlung ihrer Entrüstung über 
ben zehnjährigen Bestand des Mieterschutzgesetzes Aus- 
druck unb verlangte bie Durchführung der beim National- 
rat liegenden Anträge wegen Eigenbedarf und freier Ver- 
einbarung. Außerdem lehnte1 sie den sozialdemokratischen 
Antrag auf Wiedereinführung des Cinweisungsrechtes 
ab. 
Wir wissen zwar nicht, ob diese Versammlung unb 
Entschlieszung auf ben „Pistorbefehl" ber „Massen" ver- 
sammlungen" zurückzuführen ift, aber jedenfalls fühlen 
mir Harder uns barüber sehr geschmeichelt, dasz sogar ein 
Nationalrat aus den höheren Gefilden des Landes uns 
Harder beehrte. Dasz gerade die Harder Hausbesitzer 
unter bem Mietengesetzie allzuviel „zu leiben hätten" kön- 
nen wir nicht feststellen. Aber daß ein christlich soz. Abge- 
ordneter Ifo für bie Erhöhung der Mietzinse eintritt, — 
auf dieses geht doch bas Ganze hinaus, — ist jedoch be- 
merkenswert. Ob dessen Ausführungen christlich unb so- 
zial sind, überlassen wir ben Mietern zur Beurteilung. 
Hard. (Schwarz rot und Rot-schw arz.) In 
ber Hausbesitzerversammlung sprachen Lingg unb 
Schmidt. Die „Bürgerlichen" halten sich auf, dasz bie 
christlichen" Mieter in Vorarlberg sich mit ben „sozial- 
demokratischen" vereinigten zur gemeinsamen Abwehr. 
Wir möchten fragen, ob nicht auch „sozialdemokratische" 
Hausbesitzer sich in ber „christlichen" Hausbesiterorgani- 
sation befinden, unb sich nicht freuen, wenn bie Schwar- 
zen auch für sie „Erfolge" erringen?" 
Dornbirn. (Der Hagebund und bie Mie- 
ter.) Der Obmann bes Hagebundes, Herr Niederer, be- 
nützte die Anwesenheit besi Handelsministers Sh. Jakoncig, 
um für eine Revsion bes Mietengesetzes zu sprechen. Er 
wünschte eine Zinserhöhung zum Zwecke der Arbeitsbe- 
schaffung durch Hausreparaturen, usw. — Diese Begrün- 
bung wäre sicher sehr schön! Aber! Wenn man dazu bas 
Verhalten bes K. Nieberer in ber heurigen Hagebund- 
versammlung vergleicht, in welcher er bie Mieter gar 
nicht zu Worte kommen liesz, kann man sich vorstellen, ob 
er bei dieser Arbeitsbeschaffung auc auf bie Mieter, 
welche bem Gewerbe- und Handelsstande angehören, ge- 
dacht hat. Denn damals hat er bewiesen, dasz nicht nur 
ber Mensch, sondern auch ber Handels- unb Gewerbetrei­
	        
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