- 110 -
rende" Grund-Lebensrichtung des Menschen. - Das Engel-Motiv
hielt sich zu FMFs Zeit noch im praktischen religiösen
Brauchtum: „Wenn ein sogenannter 'Engel' [ein unschuldiges
Kind gleich nach der Taufel stirbt, so hat an ihm hauptsächlich
der Götte [Patel einen Fürsprecher im Himmel, der
Götte muß oder sollte daher demjenigen, der ihm den Tod
eines solchen Kindes meldet, das sogenannte Möttibrot geben
t...)"4Der Tod eines Kleinkindes wurde also als freudiges
42
Ereignis interpretiert - bei der hohen Kindersterblichkeit
eine begreifliche Reaktion, die sich auch in zahlreichen, teils
gedankenlos gebrauchten Redewendungen äußerte: „Sie hat einen
43
Engel geboren", "Paß auf, daß Du keinen Engel abgibst" usw.
Der Eingang von FMFS Autobiographie lehnt sich in Motivik
und Diktion bis zur syntaktischen Identität an jenen von
Goethes "Dichtung und Wahrheit" an, von dem FMF wie zahlreiche
Autobiographen seiner Zeit auch den Titel übernommen hat. Neben
den genauen Angaben der Daten findet sich in beiden Texten
eine Anspielung auf die Konstellation der Gestirne und
damit verbunden auf den Umstand, daß beide Autoren bei der
Geburt für nicht lebensfähig gehalten wurden. Während nun
Goethe diesen Sachverhalt ironisch den Gestirnen und tatsächlich
einer Ungeschicklichkeit der Hebamme zuschreibt,
deren Folge eine Verbesserung der Hebammen-Ausbildung sein
sollte, greift FMF an dieser Stelle ausführlich auf die geschilderte
Engel-Metaphorik zurück, stellt damit sein Leben
von Anfang an, wenn auch über humorvolle Distanz, unter den
Jenseits-Aspekt.
Solche Grunderfahrungen verbanden sich zu FMFs Zeit mit
Bildungsvorstellungen, in denen eine "fortschrittliche" Entfaltung
des Individuums in einer pluralistischen Gesellschaft
nicht gerade erstrangig gesehen wurden. Die Erwachsenen hielten
die Schule zumeist für eine Einrichtung, um künftige Arbeitskräfte
zu disziplinieren. „Wer den armen Geschöpfen die
größte Furcht vor dem Lehrer einzujagen vermag, glaubt diesem
am besten vorgearbeitet zu haben. Lust am Lernen zu wecken,
- 10 -
rende" Grund-Leb schen. - tiv
hielt sich zu FMF h i praktischen religiösen
Bra tum: " enn ein sogenannter 'Engel' [ein uldiges
Ki h er aufe] sti so hat an ihm h
sächlich der Gö te [Pate] einen Fürsprecher im Hi el, der
Gött mß der te daher demj igen, d ih od
eines solchen Kin t, d soge t tti rot ben
[ ... ]
"41.
Der T i kindes wurde also als reudiges
Er i terpretiert - bei der hohe t
rblichkeit4
ein be r eaktion, die sich auch in zahlreichen, teils
ge los chten edewendungen äußert : "Sie hat einen
En ge , " da D inen ngel abgibst" .
4
Der Ei Fs Autobiographie lehnt sich in otivik
u i tion bis r t tischen Identit t J n on
G " i rheit" von de MF wie zahlreiche
Aut hen s Zeit auch den Titel übernom en at. N
ben den gena gaben der Daten findet in beiden Texten
eine Ans ng uf ie stellation r estirne und
da i ver n stand, daß beide utoren bei er
Ge f nicht lebensfähig gehalten wurden. Wä nd nun
G e i sen verhalt i i tir en nd t
lic einer Ungeschicklichkeit der Heb me zuschreibt,
deren Folge eine Verbe serung der Hebam - usbildung sein
so lte, greift FMF a i Ste le ausführlic auf die geschilderte
Engel- t phorik zurück, stell d it en
v fang an, en auch über humorvolle Distanz, unter den
Jenseits-Solche
Grun rungen verbanden sich Fs Zeit mit
Bildu tellungen, i nen eine "fortschrittli
faltu de In iduums in einer pluralistischen esel schaft
nicht gerade erstrangi g sehen wurden. Die Erwa nen hi
ten die Schule zumeist für eine Einrichtung, um künftige Arbeitskräfte
zu diszipl ni ren. "Wer den armen Ges pfen die
größte Furcht vor de rer jagen rmag, glaubt -
se a besten t zu habe . Lust am Le en,