hunderts, welche Weiler, was die Bevölkerungsdynamik
betraf, an die Spitze der Vorderländer
Gemeinden brachte, war dieser Wirtschaftszweig
in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
in den Vorderländer Gemeinden praktisch
nicht mehr existent.
Die Seidenspinnerei in Weiler
(Herrengasse 9 + II)
1876 kauften die Herren Merian, Custer und
Comp. aus Thal in der Schweiz die Säge Franz
Josef Ludeschers und bauten sie zu einer Seidenspinnerei
sowie Zwirnerei um.20 „Herr
Merian in Thal, Kanton St. Gallen, Schweiz,
erbaute in diesem Jahr in unserer Gemeinde
eine Seidenfabrik, welche für viele eine gute
Verdienstmöglichkeit bot.“2' Die Gründung
wurde in der Dorfchronik von Johann Vith positiv
vermerkt. Merian war Jagdpächter in Weiler.
Er kannte deshalb die örtlichen Verhältnisse und
war im Dorf kein Unbekannter.
Die Seidenspinnerei wechselte bereits Anfang
der 80er Jahre ihren Besitzer. Nunmehr hatte
die Firma Seeburger und Co. in Zürich die Umlagegebühren
für die Fabrile zu zahlen. 1886
gelangte die Seidenfabrik in den Besitz von
Edwin Springer aus Isny.22
Im selben Jahr geriet das Unternehmen durch
die gesetzliche Regelung der Kinderarbeit in die
Schlagzeilen der Feldkircher Zeitung: ,,Vorderland,
9. Februar. Kinderarbeit. In der Seidenfabrik
Weiler waren bisher eine Anzahl Kinder
im Alter von 12 bis 14 Jahren täglich nach der
Schulzeit von 5 bis 7 Uhr Abends mit einer spielend
leichten Arbeit beschäftigt, wobei sie soviel
verdienen konnten, dass sich manche arme
Familie durch diesen Erwerbszweig wenigstens
ihr tägliches Brod anschaffen konnte. Diese Arbeit
der Kinder wurde vorige Woche gänzlich
eingestellt. Das wird vielfach als ein Schlag für
die Gemeinden Klaus und Weiler angesehen
und besonders arme Hausfrauen sind darüber
untröstlich, dass sie ihre Kinder nicht mehr zu
nur zweistündiger Arbeit in die Seidenfabrik
schicken können, die ihnen durchaus nichts geschadet
hätte, weil in genannter Fabrik gesunde
Localitäten sind und die sorgfältige Reinlichkeit
und Ordnung in jeder Beziehung herrscht.“23
Die Behörden hatten mehr Verständnis für die
Eltern als für die Kinder. Schon im Juli 1886
konnte „so manches Kind armer Eltern wieder
einige Kreuzer verdienen, worüber gewiß jeder
vernünftig denkende Bürger sich freut“.24 Die
Abschaffung der Kinderarbeit stieß demnach
nicht nur auf den Widerstand der Fabrikanten,
sondern auch auf das Unverständnis der Eltern,
die sich durch den Lohn eine Besserung ihrer
ökonomischen Situation erhofften.
1899 übernahm Ludwig Ritter das Unternehmen.
Zu seinen Mitgesellschaftern zählten die
beiden Harder Stickereifabrikanten Max Birnbaumer
und Wilhelm Rohner. Im Jahr 1900 erfolgte
der Umbau der Seidenfabrik in eine
Stickerei. Im gleichen Jahr wurden die Mitgesellschafter
durch Dr. Albert Ritter abgelöst.
Der Großbetrieb ging nach fünf Jahren an dessen
Schwager, Alfred Kirchmayer, über. 1912
übernahm Leo Ritter, ein Bruder der Stickereigründer,
das Unternehmen. Zwei Jahre nach diesem
Besitzwechsel brannte die Fabrik ab. Nach
dem Wiederaufbau fiel das Anwesen an Johann
Venust Bawart, der darauf eine Holzkohlenpro- 228