Reichsratspolitik. Im Reichsrat kämpften die
Liberalen gegen das seit 1855 bestehende
Konkordat zwischen Staat und Kirche. Dieser
Vertrag sicherte der katholischen Kirche eine
Reihe von Vorrechten. Die Ehegesetzgebung
und Ehegerichtsbarkeit wurden der Kirche
unterstellt, auch die Schulen standen nun unter
kirchlicher Oberaufsicht. Als 1867 mit dem
Staatsgrundgesetz das Unterrichtswesen dem
liberalen Reichsrat zugewiesen wurde, sah die
Kirche ihre Vorrechte gefährdet. Da 1868 auch
noch die geistlichen Ehegerichte abgeschafft
und die Zivilehe ermöglicht wurde, blieb das
nicht ohne Widerhall in der Gemeinde Weiler.
Pfarrer Zech notierte im Pfarrmemoriale entrüstet:
„Der 25. Mai brachte uns die berüchtigten
‘interkonfessionellen Gesetze’. Im Nachsommer
erste Civil-Ehe in Lochau!“ Der Pfarrer
von Weiler beobachtete die nationale und
regionale Entwicklung aufmerksam und fühlte
sich zu Gegenmaßnahmen und zur Stärkung des
katholischen Standes veranlasst.
Das Kasino in Weiler
Als Gegengewicht zum Liberalismus wurden im
ganzen Land konstitutionelle katholische Kasinos
gegründet, die für die Ansprüche der
Kirche eintraten und die Auffassung der Liberalen
bekämpften, dass der Staat über der Kirche
zu stehen habe. Mit einem lebhaften ,,Vivat!“
begrüßte Pfarrer Zech diese Bewegung.
Am 27. Dezember 1868 wurde auf dem
Schlösschen Hanenberg das „katholische Kasino“
für das Vorderland konstituiert. Nach Bregenz,
Feldkirch, Nenzing, Wolfurt, Egg, Au,
Götzis, Sulzberg und Dornbirn stand Weiler
gemeinsam mit Klaus, Fraxern und Viktorsberg
mit dieser Gründung an zehnter Stelle. Noch im
August 1868 bemühte man sich um die Beteiligung
von Sulz und Röthis, die jedoch nicht
beitraten.Wohl deshalb seufzte das konservative
Volksblatt über die Gründung auf dem
Hanenberg: „Das war eine schwere Geburt“.2
50 Wähler erschienen auf dem Hanenberg, 32
davon kamen aus Weiler. Sie bestimmten den
Pfarrprovisor Josef Heinrich von Viktorsberg
zum Vorstand. In den Verwaltungsrat wurden die
Lehrer Alois Nachbaur aus Fraxern, Meinrad
Gut aus Klaus, Johann Atzger aus Weiler und
Michael Anton Längle aus Viktorsberg sowie
der Weilerer Pfarrer Johann Zech berufen. Der
Altvorsteher Franz Josef Ludescher aus Weiler
wurde zum Vizepräsidenten gewählt.
Zweck des Kasinos war es, „dem damaligen
auch im Vorderlande herrschenden liberalen
Zeitgeist mit vereinter Kraft entgegenzuarbeiten“.3
Es wurden abwechslungsweise auf dem
Hanenberg und im Gasthaus „Engel“ Protestversammlungen
abgehalten gegen die liberalen
Schmähungen des Papsttums. 1871 wurde das
25-jährige Papstjubiläum Pius IX. auf dem
Hanenberg mit einem bengalischen Feuer gebührend
gefeiert. Vorträge wurden organisiert,
in welchen konservative Landespolitiker über
die aktuelle Situation im Lande sprachen. 1872
erläuterte einer der beiden konservativen
Reichsratsabgeordneten Vorarlbergs, Dr. Anton
Ölz, die Reichsratswahlen vor den Kasinomitgliedern.
Das Kasino blieb nicht ohne Einfluss
auf die Gemeindepolitik, was auch die Landeszeitungen
vermerkten. ,,Weiler, eine kleine Gemeinde
im Vorderlande, würde wohl wenig 238