2 Sonntag, den 3. Jänner 1965
Mirbür gerinnen und Mitbürger!
Es ist nun schon das zwanzigste Mal, daß mir als Bürgermei ster dieser Stadt die ange¬
nehme Aufgabe gestellt ist, aus Anlaß des Jahreswechsels allen lieben Mitbürgerinner
und Mitbürgern namens der Gemeinde , der Gemeindeverwaltung und im eigenen Names
Glück und Gottes Segen für das kommende Jahr zu wünschen. Gerne komme ich diesr
Aufgabe auch heuer wieder nach in der Hoffnung, daß das Jahr, 1965 sich wiederum insie
Zahl jener vielen vora ngeg a ngenen Jahre reihe, von denen wir sagen können, daß es fich
den Sch recken des K rieges gute Jahre waren. Wollen wir dem Herrgott dafür d anbar
sein und ihn bitt en, uns seinen Schutz auch für das kommende Jahr angedeihen zu lésen .
Wirtschaftlich, auch vom St andpu nkte u nserer Stadt aus, dürfen wir das verga ngeé Jahr
als durchaus zufriede nst ellen d bezeichnen. Der allgemeine Wohlstand, d essen wiyuns er¬
freu en können, hielt an. Doch ist die Frage b erec htigt, ob wir nicht in einer Zeit, fi der es
allen bess er geht als je zuv or, auch die richtige Ei nstellun g gegenüber dem Shat, dem
Land und der Gemeinde, aber auch gegenüber dem hilfesuch ende n Nächsten fiflen. Wer¬
den nicht die Ansprüche, die insbesondere an die öf fentli che Hand gestellt w erden, von
Jahr zu Jahr größ er und unbescheidener, obwohl für viele die Mögli c hkeit befeht, solc he
selb st zu erfüllen. Müssen wir nicht mit einem gewissen Selbstvorwurf in vefangene Zei¬
ten zu rückbli cken, als caritative, Sporf- und Unterhaltungsvereine auf sich elbst gestellt
durch das Opfer der Interessierten die erforderlichen Mit tel selbs t aufbrasten , währe nd
heute die öffentliche Hand einen Großteil dieser Wünsche erfülle n soll.
Ist es ein mahnendes Z eichen der Zeit, wenn ein caritat iver Verein, aisen wohltäti ges
Wirken seit vielen J ahrzehnten allseits anerkan nt wird, im G egensatzsu früher die Mit
tel für seine Tätigkeit aus freiwilligen Spende n nicht mehr aufzubring verma g und sich
zur Erfüllung seine r Aufgabe n an die Stadt wen den muß? Oder wenrfin Sportverein mit
beschrä nkter M itglie derzahl die Mittel zum Vereinsbetrieb nicht mif selbst aufbringen
will, sonde rn glau bt, bei der Gemeinde bittlich we rden zu müssen/on dem n ahezu ver¬
siegenden Hilfswerk der Geme inde gar nicht zu reden!
Hier ist zweifellos etwas nicht in Ordnung und stehen d erartige yfkommnisse in krassem
Wi derspruc h zum allgemeinen Wohlsta nd. Nicht nur, daß der Gnei nde durch derar tige
Ansinn en Mittel, die sie zur Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabl braucht, entzogen wer
den, führt jeder derartige Schri tt näher zum „Kollektiv".
„Brüderlichkeit ist ein. Gebot der Stunde“ ruft der Heilige Vfr in seiner Weihnachtsbot¬
schaft der M enschheit zu. Diese Mahn ung gilt auch für unse kleine Gemei nschaft, für
unser Verhältnis zum Mit bürger und für die Unterstützunger Armen, Bedrängten und
Kranken. So wollen wir an der Schwelle des kommendenfhres der Weihnachtsbotschaft
des Heiligen Va ters ein offenes Ohr leih en und den Näcen, der u nsere Hilfe nötig hat,
an unserem Wohlstand teilhabe n lassen .
G ottes Segen für das neue Jahr wird unser Lohn seif
Dr/A. MOOSBR UGGE R, Bürgermeister