Sonntag, 18. Jänner 1970
1. We lche Arten von Anfallserkrankungen gibt es?
Anfälle, bei denen der Pa tient das Bewußtsein v erliert, k önnen durch verschiedene
Er krankunge n bedingt sein. So z. B. durch
1. Herz- und Kreislauferkrankung;
2. Stoffw ec hsel e rkr ankungen, wie Zuck erk rank heit und B lut-H arn-Vergiftung;
3. Anfälle, die durch eine St örung der Gehirnfunkti on entstehen und die man
allgemein als epileptische Anfälle zu bezeichnen pflegt .
In der vorliegenden Schriftenreihe interessieren uns nur jene Anfälle, die in
den epileptischen Formenkreis hineingehören.
Unter epilept ischen Anfällen hat man früher — und fälschliche rwei se vielmals
auch heute noch — nur jene Anfallsart versta nde n, bei der der Patient wie
vom Blitz getroffen zu Boden stürzt, sich in die Zunge beißt und dadu rch blutigen
Schaum vor den Mund b ekommt und mit Armen und Beinen zuckende Bewegungen
vollführt. Inzwischen hat die W issenschaft erkannt, daß es außer
diese m „großen epileptischem Anfall“ noch sehr viele andere Anfa llsformen gibt,
die ebenfalls dem epileptischem Formenkreis zuzuordnen sind. Wir ste hen heute
auf dem S tandpunkt, daß die Epilepsie nicht eine Krankheit für sich allein im
engeren Sinne darstellt, sondern daß es sich um eine Reaktionsbereitschaft des
menschlichen Geh irns handelt, die jedem Menschen eigen ist. Das heißt also, daß
unter besti mmten Umstä nden oder als Reakt ion auf bestimmte Medikamente bei
jedem von uns ein solcher Anfall auftreten kann. Wir w issen z. B., daß wir bei
jedem noch so gesunden M enschen durch ein Einspritzung von Coramin oder
Cardiazol in die Vene einen typische n große n epileptischen Anfall auslösen
können.
Wenn wir uns das menschli che Gehirn als eine Ansammlung von Milli onen
kleine n elektrischen Batterien vorstellen, entsprechend den einzelnen Gehirn ¬
zelle n und Gehirnzellgruppen, so könn te man sich vorstelle n , daß bei irgendeiner
Tätigkeit die Entladung einer Batterie oder einer kleinen Batteriegruppe zu einer
be stimmten Funkti on, z. B. zur Bewegung des Armes oder des Be ines füh rt. Wenn
wir uns nun vorstelle n , daß durch eine Art Kurzschluß oder durch eine Art über
geordneten Schaltvorgang plötzlich alle Batterien gleichzeitig ihren Strom entlade
n, so kommt es zu einer gew itt era rtigen Entladung des gesamte n Pote ntials
des menschlichen Gehirns, der Patient verliert das Bewußtsein und es entstünde
das, was wir als großen e pileptische n An fall mit tiefer Bewußtlosigkeit und zukkenden
Bewegungen in Armen und Beinen kennen.
Der Begriff „Epilepsi e “ muß für den moder nen und aufgeklärten Mensche n
den geradezu anrü chigen und furchterregenden Charakter verlieren. Wir werden
spät er sehen , daß es sich bei diesen Anfallsformen a bsolut nicht immer um das
handelt, was man frü her als erbliche Fallsucht bezeichnet hat, wir werden weiter
sehen , daß diese Reaktionsbereitschaft weitaus mehr verbreitet ist als allgemein
angenommen wird, und wenn wir erst einmal erkannt habe n, wie viele ha rmlose
Form en von Kopfschmer z en und ähnlichen Erschein ungen ebenfalls zur selben
Familie diese r Erkrankung gehören, so werden wir alsbald die Voreingenommenheit
und Scheu vor d ieser E rkrankungsf o rm verlieren.
In den Kliniken, in den Spezialkrankenhäusern für Nervenerkrankungen, und
in den verschiedenen Ambulatorien sind in Österreich allei n über 60.000 Anfalls¬6700
bludenz
dornbirn bahn hofplatz tel. 2075