Freitag,
21. November 1986
Erich Fried
über
Österreich
und die Wahlen.
Wer
Vranitzky
will,
muß
ihn
auch wählen.
LISTE 1
X
SPÖ
Frage:
Herr Fried, Sie sind
Mitglied
der gerade entstandenen
„Initiative für
Bundeskanzler Dr. Franz
Vranitzky".
Wie kommen Sie als Linker
dazu,
Vranitzky zu unterstützen, der doch den Linken
als
Exponent
des rechten
SP-Flügels gilt?
Fried: Wissen
Sie,
es kommt derzeit
weniger
darauf
an,
welcher
Flügel
in der SPÖ
dominiert; wichtiger
ist,
daß die SPÖ dominiert!
Frage:
Sie leben in London,
beobachten auch etwas
distanzierter die österreichische Politik.
Fried: Erstens merkt man auch im Ausland sehr
deutlich,
wie
wichtig
die SPÖ für Österreich ist Sie
ist die
einzige Partei,
die die österreichische Neutralität
wirklich nützen
kann,
die ÖVP ist da zu einseitig.
Ich habe bei mehreren hohen Staatsmännern der
westlichen Welt die
Meinung gefunden,
daß Österreich
seine
Vermittlungsmöglichkeiten
zwischen
West und Ost verschenkt, wenn es zu einseitig an
den Westen
anschließt,
weil es dann nur mehr mit
einer
Seite
gut
reden kann. Und zweitens bin ich
ja
oft
genug
in Österreich.
Frage:
Welche
innenpolitische
Gründe
sprechen für
Vranitzky?
Ein A
rgument,
das von vielenfür, von den
Linken
gegen
ihn gebracht wird, ist
ja, daß er nur die
bessere ÖVP-Politik macht.
Fried: Eine bessere ÖVP-Politik ist eben immer
noch besser als die schlechtere
Politik,
die die ÖVP
selber machen
würde,
nicht? Die ÖVP ist eine reine
Wirtschaftspartei
-
was ja
nicht
heißt,
daß sie besser
wirtschaftet,
das tut sie sicher nicht,
sondern daß sie
halt Unternehmerinteressen vertritt. Wenn die Menschen
in Österreich sich auf ihre wahren Interessen
besinnen
würden,
statt auf ihre
Vorurteile, gäbe
es
hier eine klare sozialdemokratische Mehrheit! Und
Vranitzky
ist zwar ein
Wirtschaftsmann,
aber eben
nicht nur für die Unternehmerverbände.
Frage:
Das ist doch ein sehr viel
pragmatischerer
Standpunkt,
als Sie ihn
früher
vertreten haben.
Fried: In Wirklichkeit konnte man ohne Zusammenarbeit
mit der Sozialdemokratie nie etwas erreichen.
Und
außerdem, vieles,was
wir damals
Kreisky
vorgeworfen haben,
hat sich
später
als von ihm richtig
gehandelt erwiesen. Nehmen Sie das Beispiel
Friedrich Peter: Wir haben es damals alle für einen
Fehler gehalten,
daß
Kreisky
sich so mit ihm
eingelassen
hat. Aber er hat ihn z. B. nach Auschwitz mitgenommen,
Peter hat
dazugelernt.
Heute sehen
wir,
daß er in einer nach rechts
gerückten
FPÖ keinen
Platz mehr hat.