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Full text: 90 Jahre Landesstelle Vorarlberg. Festbericht der Gewerkschaft der Arbeiter des graphischen und papierverarbeitenden Gewerbes und Jahresbericht 1961

einem Schlage von zwanzig auf sechs herunter. Der Schachzug 
der Unternehmer gegen die organisierten Kollegen erwies sich 
allerdings wenig später als eine Fehlspekulation. Die Nicht­ 
organisierten, die an Stelle der Gewerkschafter eingestellt 
wurden, waren durchwegs sogenannte „Schuster", die ihre 
Stellungen nur ihrer bedingungslosen Unterwürfigkeit ver­ 
dankten. Im Notfall war ja den Unternehmern mit diesen Nieten 
vielleicht gedient, auf längere Dauer aber ging ihnen ihre 
Milchmädchenrechnung nicht auf. 
Es konnte auch ihnen nicht verborgen bleiben, daß die orga­ 
nisierten Kollegen durchwegs die bessere Disziplin und Qualität 
aufwiesen. Sehr bald gingen sie wieder daran, diese „Auch­ 
kollegen" gegen organisierte Buchdrucker auszutauschen, und 
schon nach wenigen Monaten war die statutenmäßig notwendige 
Anzahl von Mitgliedern wieder vorhanden, um die Sektion 
neuerdings ins Leben zu rufen. 
Am 8. März 1891 fand im Gasthaus „Storchen" in Bregenz eine 
Generalversammlung statt, in der wieder ein Ausschuß bestellt 
und die Sektion neuerdings zum Leben erweckt wurde. Mit 
großem Eifer ging man nun daran, den Verein wieder auf­ 
zubauen. Der gewerkschaftliche Gedanke war nun den Kollegen 
schon etwas vertrauter und die Hemmungen, die ja in den 
meisten Fällen in einer bereits überlebten und rückständigen 
Erziehung wurzelten, waren wesentlich leichter zu überwinden. 
Leider ergaben sich auch innerhalb der Gewerkschaft öfter 
kleine Rivalitäten. Beleidigte Leberwürste hat es zu allen Zeiten 
gegeben und gerade durch sie und durch rechthaberische Ge­ 
sellen wurden manche inneren Krisen heraufbeschworen, die 
sowohl das Ansehen als auch die Schlagkraft des Vereines un­ 
günstig beeinflußten. 
Schon im darauffolgenden Jahr fand wieder ein Wechsel in 
der Sektionsleitung statt. Der neue Obmann rührte wieder 
tüchtig die Werbetrommel und im Jahre 1893 zählte die Sektion 
bereits wieder 45 Mitglieder. In dieser Zeit kam es in Bregenz 
öfter zu tariflichen Konflikten und es mußte einige Male mit der 
damals in Übung stehenden Mitgliedersperre gegen Unter­ 
nehmer vorgegangen werden, die sich nicht an die tariflichen 
Bestimmungen halten wollten. 
Diese unverständliche Haltung ist auch heute noch nicht aus­ 
gestorben. Der Tarif ist eine Abmachung, die sowohl von den 
Unternehmern wie auch von den Arbeitnehmern akzeptiert wird, 
also auch beide Teile zur Einhaltung der darin niedergelegten 
Ordnung verpflichtet. Interessanterweise gibt es aber immer 
noch Leute, die in dem fatalen Glauben leben, daß für sie nur 
jene Abmachungsklauseln Gültigkeit besitzen, die ihnen Vorteile 
bringen, während sie jene Paragraphen, die ihnen unsympa­ 
thische Verpflichtungen auferlegen, ohne besondere Hemmun- 16
	        
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