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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Neues Massaker verhindert:   
00 
	0., 
rll r s rr 
Palästinensergruppe mit Attentatskommando von Israelis aufgerieben 
„Existenz- 
„VN"-Korrespondent Y ehuda Svoray berichtet Einzelheiten über Terrorpläne 
IC 
Bandl" 
myefallreemeek 
Von,Wll fiel 
int 
Ate 
Das ist Luxemburg: 
Sitzverteilung seit 1969: 
21 
Christlich Soziale 
Liberale 11 
Sozialisten 12 
6 
angez ogen und ihn mit Sozialdemokraten 
Kommunisten 6 
32 Koalition mit 
absoluter Mehrheit 
56 Mandate, 
künftig 59. 
Fläche: 2586 qkm 
Einwohner: 350. 000 
Staatsform: Konstitutionelle Mon- 
archie-Großherzogtum, 1-Kam- 
merparlament, auf 5 Jahre ge- 
wählt. 
Schulreformkommission legt Bilanz vor 
ereits jetzt Kritik an 
. 
bisheri er wehführung 
Seite 2 
Samstag, 25. Mal 1974 
39.AQHR19H.TEN, 
Ein Brief in englischer Sprache an die österreichische Botschaft in 
Tel Aviv wurde gestern bei Terroristen der „Demokratischen Volksfront 
zur Befreiung Palästinas", w elche Mittwoch nach ts aus Syrien in die 
Golanhöhe eingedrungen waren, aufgefunden. Laut „Maariv" hatte die 
Terroristengruppe der Rawatme-Organisation geplant, eine neue Mord- 
aktion ä la Maalot in den Kibbutzim Ein Gev und Haon am Ostufer des 
Tiberiassees auszuführen. Die österreichische Botschafterin in Tel Aviv, 
Johanna Nestor (welche gegenwärtig auf Urlaub ist), war unter den 
Botschaftern, welche nach Gefangennahme der Geiseln in den Kibbutzim 
bei den Verhandlungen mit den Israelis vermitteln sollte. 
Ähnliche Briefe warerian die Bot- 
schafter Frankreichs, Rumäniens 
und Japans vorbereitet wo rden. Die 
Terroristen hatten geplant, 30 ge- 
fangene Terroristen sowie die Leich- 
Tel Aviv (AP/AFP) Im Norden 
Israels, vor allem in den an den Li- 
banon angrenzenden Gebieten, sind 
am Freitag die Sicherheitskontrollen 
nach zwei weiteren Infiltrationsver- 
suchen palästinensischer Terroristen 
drastisch verschärft worden. 
Israelische Armeestreifen hatten 
am Donnerstag an der Nordgrenze 
insgesamt sieben Freischärler er- 
schossen, die offenbar weitere Ter- 
roranschläge nach dem Vorbild von 
Kiriat Schmoneh und Maalot vorge- 
habt hatten. In der Nähe des Sees 
Genesareth war eine achtköpfige 
Guerillagruppe zum Kampf gestellt 
und fast völlig liquidiert worden. 
Zwei der acht Guerillas waren in 
Gefangenschaft geraten, die übrigen 
'Wenn: sich in dem Großherzogtum kaum loh nend: 
Luxemburg kein politischer - Erd- 
rutsch ereignet, so kann der nächste 
Regierungschef nur 'wieder der bis- 
herige sein: Pierre Werner von der 
Christlich Sozialen Volkspartei. Seine 
Koalition mit den Liberalen in 
Luxemburgs gleichnamiger Haupt- 
stadt ist derart selbstbewußt, daß so- 
gar die Kabinettsliste für die Fort- 
set zung des Bündnisses bereits fertig 
Mentor, ist. Sie zeigt allerdings, daß den popu- 
lären Wahlkampfthemen in der be- 
absichtigten Besetzung der Ministe- 
rien Rechnung getragen wird. 
Vor allem von den oppositionellen 
Sozialisten und den Kommunisten 
Von VN-Korrespondent 
Wolfgang Richter 
wurde zwar nicht ganz zu Recht, 
aber sehr wirkungsvoll die Inflation 
zum aktuellsten Punkt der Kam- 
pagne gemacht. Der Preisauftrieb in 
Luxemburg lag im Durchschnitt des 
Ja hres 1973 nur bei 5,6 Prozent, ein 
Wert, den so günstig kein anderes 
Land in Eur opa erreichte. Der Trend 
der Nachbarländer brachte jedo ch die 
Konjunkturpolitik in den Vord er- 
grund und verdrängte ideologische 
Fragen, führte gar zur Bildung einer 
ebenso neuen wie chancenlosen Par- 
tei der Steuerzahler, die für eine 
Minderung der Progressionslast ein- 
tritt, ohne zu sagen, wie sie dann 
einen Haushalt finanzieren will. 
Von der Verdrängung systemim- 
manenter Erörterungen profitieren 
natürlich die Linksparteien, beson- 
ders die Sozialisten. Für sie war die 
Spaltung in zwei Lager vom Dezem- 
ber 1968 kein werbewirksames Ruh- 
mesblatt. Seither gibt es die mehr 
linksgerichteten Sozialisten und die 
mehr zur Mitte tendierenden Sozial- 
demokraten. Die Alternative, die zu 
Pierre Werner angeboten wird, heißt 
daher: Koalition der Liberalen unter 
ihrer Führung mit den Sozialisten. 
Die Kommunisten Luxemburgs 
hatten bisher noch nie Chancen, auf 
ein Regierungsschiff aufzuspringen, 
V öllig unstrittig ist die Außenpoli- 
wird in 
tik, die eingebettet 
bleiben 
den Kurs des Benelux-Blockes, an- 
gelehnt wirtschaftlich an die Euro- 
päische Gemeinschaft und militärisch 
an die Nato.' Abweichende Pro- 
grammpunkte werden, so sie über- 
haupt auftauchen, nicht ernstgenom- 
men. Das einzige, was unter den 
mehr als 50 Prozent wahlberechtigten 
Frauen, die bisher nur mit zwei Ab- 
geordneten im Parlament vertre- 
ten waren,. etwas Wirbel erzeugte, 
war die überall in der Welt zu fin- 
dende' Unterrepräsentiertheit, aber 
namens der drei in Maalot getöteten 
darauf einzugehen, schien den Par- 
Freischärler zu verlangen. 
Nachdem sich zwei Terroristen 
der Gruppe am Donnerstag morgen 
ergeben hatten, gelang es den israeli- 
schen Streitkräften, den Rest der 
sechs im Verlaufe eines Feuerge- 
fech ts erschossen worden. Bei einer 
weiteren Aktion hatte in Westgali- 
läa ein Palästinenser den Tod gefun- 
den. 
Nach israelischen Angaben gehör- 
ten die Guerillas ausnahmslos der 
„demokratischen Volksfront für 'die 
Befreiung Palästinas" an, die auch 
für das Blutbad in Maalot verant- 
wortlich war. 
Die von der Regierung empfohle- 
ne Bewaffnung der israelischen Zi- 
vilbevölkerung geht inzwischen wei- 
ter. Aus • allen Teilen des Lande s 
wird ein Ansturm auf die Waffen- 
geschäfte gemeldet. In der Hafen- 
stadt Haifa waren am Freitag bereits 
alle Vorräte restlos verkauft. 
telen 
Für sie' ist die 
Zahl der Wechselwähler unter den 
deutschstämmigen LuXemburgern, 
mit ihrem moselfränkischen Dialekt - 
ohnehin begrenzt. Zwei Daten noch: 
die Staatssprache ist mittlerweile an-, 
erkannt Französisch, die Bevölke- 
rung zu 95 Prozent katholisch. 
Wien (ÖPK) Die parlamentarische 
Schulreformkommission wird in der 
kommenden Woche, am Donnerstag, 
eine Bilanz der Ergebnisse behan- 
deln, die bei den Schulversuchen vor- 
liegen. An diesen Schulversuchen, die 
seit rund drei Jahren laufen, sind 
rund 3500 Lehrer und 100.000 Schü- 
ler beteiligt. In Zusammenhang mit 
dieser bevorstehenden Sitzung der 
Schuh•eformkornmission üben einige 
ihrer namhaften Mitglieder nachhal- 
tige Kritik an der bisherigen Durch- 
führung der Schulversuche. Sie sind 
der Auffassung, daß durch nicht ver- 
tretbare wissenschaftliche Methoden 
der Zweck der Schulversuchsaktion 
verfehlt wird. 
Ein Hauptpunkt dieser negativen 
Stellungnahme liegt darin, daß die 
gesetzliche Bestimmung, zwischen 
den Versuchsschulen und den nor- 
malen Schulen (Vergleichsschulen) 
gleichwertige Arbeitsbedingungen si- 
cherzustellen, nicht eingehalten wird. 
auf- 
Die 
Arbeitsbedingungen sind 
Gruppe — sechs weitere Hawatme- 
grund der personellen und räumli- 
Leute — zu entdecken. Sie wurden in 
einem schweren Duell getötet. 
Einer der Gefangenen, genannt 
Abdalla, erzählte, die Gruppe habe 
den Aktionsbefehl 24 Stunden vor 
Beginn des Grenzübertritts bekom- 
men. Zuvor durften sie in den Ver- 
gnüg ungsl okal en von Damaskus 
eine „good time" verleben. Sie wa- 
ren für die Terrortat mit Kalaschni- 
kow-Maschinengewehren, mit 30 
Handgranaten, 4 Revolvern und 10 
Kilogramm Sprengstoff ausgerüstet 
gewesen. Außerdem hatten sie Me- 
gaphone, um sich mit den Israelis 
unter ha lten zu könne n. 
Der in Jeans und bunt gescheck- 
ter Bluse gekleidete Terrorist 
kommt aus Alleppo. Er sagte, seine 
Gruppe habe sich in zwei Untergrup- 
pen geteilt, mit der Aufgabe, in Ein 
Gev und Haon Hä user zu besetzen, 
Geiseln zu packen und die Heraus- 
gabe der Gefangenen zu fordern. 
„Im Falle, daß die Israelis unsere 
Forderungen zurückgewiesen hätten, 
wären die Geiseln umgelegt worden." 
Auf die Frage, ob er auch Kinder 
getötet hätte, sagte Abdalla: „Ich 
hätte das nicht getan, aber meine 
Kameraden hätten das alles getan." 
Die zwei gefangenen Terroristen 
wurde gestern früh im Süden der 
Golanhöhe gefaßt und ihre Aussage 
erleichterte die Jagd der anderen. 
Auf meine Anfrage erklärte der 
Sprecher der österreichischen Bot- 
schaft in Tel Aviv, man habe dort 
nichts von dem Schreiben, welches: 
  
bei den Terroristen aufgefunden 
wurde, 
Er sagte, es gäbe 
gewußt. 
Allgemeinanweisungen für 
keine 
Fälle dieser Art, und sollte sich je 
eine solc he Situation ergeben, müsse 
man Anweisungen aus Wien bekom - 
men. 
Inzwischen hat sich das „Kissin- 
ger-Wetter", welches noch gestern 
trübe war, wied er ein wenig erhei- 
tert, und man erwartet nunmehr 
doch noch den Abschluß des Ent- 
	, 
fleghtungsabkommens - 
:Serintagt. 
-der 
bever 
- amerikanische Auße n- 
minister nach. Washington zurück- 
kehrt. Für Sorintag_ist • das, Knesset 
einberaumt 
- worden, wohl um das 
Abkommen zu bestätigen. 
Laut den amerikanischen Beam- 
ten, welche Kissinger begleiten, sei 
der springende Punkt nunmehr nur 
noch die Ausmaße der Truppenver- 
minderung, da die Probleme der 
Grenzlinie sowie die Frage der UNO- 
Truppen gelöst seien. 
Gestern morgen hat Ministerprä- 
sidents-Kandidat Rabin Präsident 
Efraim Katzir um eine weitere 
kurze Frist zur Regierungsbildung 
gebeten. Prinzipiell haben die Koali- 
tionspartner — die Arbeitspartei, die 
Unabhängigen Liberalen und die 
Bürgerrechtsliste, bereits gestern die 
Grundlage der Regierung unter- 
schrieben, doch die Verteilung 'der 
Ämter ist noch nicht beendet. 
Es wird angenommen, daß Schi- 
mon Peres Dayans Amt als Vertei- 
digungsminister bekommt.. Dayan 
wird der nächsten Regierung nicht 
angehören. Yigal Allon soll Außen- 
minister, Abba Eben Informations- 
minister werden. Die neue Regie- 
rung könnte Mitte nächster Woche 
dem Parlament vorgestellt werden. 
chen Ausstattung, der technischen 
Hilfsmittel und der Schülerzahl in 
den Versuchsklassen wesentlich bes- 
ser als in den Vergleichsklassen. Al- 
lein dies führt zwangsläufig zu bes- 
seren Ergebnissen des Lehrbetriebes. 
, Ein wichtiges Merkmal der Ver- 
suchsklassen besteht auch darin, daß 
die Lehrer, deren Einsatz auf frei- 
williger Meldung beruht, sowie auch 
die Schüler der Versuchsklassen in 
der Regel ambitionierter sind als in 
normalen Klassen, wodurch die Lern- 
ergebnisse ebenfalls beeinflußt wer- 
den. 
Namhafte Mitglieder der Schul- 
reformkommission befürchten, daß 
ohne Rücksicht auf das Fehlen ver- 
wertbarer Schulversuchsergebnisse 
die pädagogisch umstrittene Gesamt- 
schule politisch durchgesetzt und ein- 
geführt wird. Man verweist hier auch 
' auf die Erfahrungen im Ausland, 
nach denen die Gesamtschule die ihr 
gesteckten Ziele meist nicht erreicht 
und auch die angestrebte Sozialinte- 
Für Dr. Kirchschläger sei die 
gration nicht bewirkt. 
Vaterländi- 
Zugehörigkeit zur „ 
schen Front" lediglic ein „Exi- 
gewesen, das damals 
stenzbandl" 
eben jeder tragen mußte, der 
seine Stellung nicht loswerden 
versuchte Dr. Kreisky jetzt 
elegant die Klippen zu umschif- 
sich mit seiner An- 
spielung auf die Heimwehr-Zuge- 
hörigkeit des Dr. Lugger hinein- 
manövriert hatte. Ein „Existenz- 
bandl" von der Vaterländischen 
Front war harmlos, die Zugehö- 
rigkeit zur durch und durch anti- 
demokratischen und paramilitäri- 
schen Bewegung der Heimwehr 
wirklich Schlim- 
dagegen etwas 
mes, interpretierte nun Dr. Krei- 
sky die Vergangenheit. 
Die Anspielungen auf das „Vor- 
des ÖVP-Präsidentschafts- 
kandidaten mit dem folgenden 
Geständnis des SPÖ-Kandidaten 
hat dem Kanzler nur Schadenfreu- 
de eingebracht: „Was, gleich zwei 
Schwarze können wir wählen?" 
Man lasse die Präsidentschafts- 
kandidaten mit ihrem politischen 
„Vorleben" in Ruhe, denn beide 
haben sie in der Zweiten Repu- 
blik redlich und einsatzfreudig für 
unser Land gearbeitet. Und wer 
will darüber richten, was mann- 
h after ist, politische U nteror dnung 
aus Existenzangst oder Zugehö- 
rigkeit zu einer Organisation aus 
innerer Überzeugung und persön- 
licher Gesinnung? 
Und zum ,Existenzbandl", wel- 
Zeichen 
ches das f 	für jene Portion 
nach außengekehrter innerer 
so vie- 
Überzeugung darstellt, die 
bewirken kann, egal ob diese 
les 
Überzeugung tatsächlich vorhan- 
den oder nur durch Büchlein be- 
es das 
fegt ist.. Vor 1938 -gab 
axisienzbandh'nach 1945 gab es 
plötzlich zwei; ein schwarzes und 
ein rotes."Auch in den Jahren da-: 
zwischen ging es nicht ohne „Exi- 
stenzbandl". Beispiel für die hohe 
Bedeutung des „Existenzbandls" 
liefert in diesen Tagen die Affaire 
um ÖBB-Generaldirektor Dr. Kalz, 
der nur deshalb sich Unfähigkeit 
im Management nachsagen l assen 
muß und gefeuert wird, weil er 
das schwarze „Bandl" hat, 
wo 
doch jetzt ein rotes am Platze wä- 
re. 
Hätte Dr. Kalz, ein untadeliger 
Fac hmann und sozialer Mensch, 
nicht erst seit er an der Spitze der 
ÖBB steht, von Anf ang an das ro- 
te „Existenzbandl" getragen oder 
es sich wenigstens zu gegebener 
-gewiß 
Zeit besorgt, er müßte 
nicht seinen Platz räumen. 
Ausdruck des hohen Maßes'an 
Lage rmen tali tät im öffentlichen 
Leben unseres Staates ist das „Exi- 
stenzbandl", 
das die zweckgebun- 
den 
dene Nabelschnur zu 
Quellen 
von Einfluß und politischer Äm- 
terverteilung darstellt. Viele 
hohe 
Beamte und Direktoren in den 
verschiedensten Verwaltungsbe- 
reichen verdanken 
dem 
„Band!" 
den 
Sprung nach oben, 
und viele 
ihrer Kollegen blieben un ten, weil 
sie das falsche oder gar kein „Exi- 
stenzbandl" angesteckt hatten. 
Eine willkommene 
nächste, vor- 
erst freilich nur erträumte Stufe in 
unserer Demokratie 
wäre es, 
wenn es nur noch ein rotvvei ßro- 
tes „Existenzbandl" zu holen gä- 
be. Dies würde manchen, die mit 
dem Staat bzw. den parteipoli- 
tisch beherrschten Stellen zu tun 
haben, die Kraft geben, sich mehr 
auf Leistung und Können zu kon- 
zentrieren als auf das Parteibuch. 
In vielen 
Bereichen' des effentli- 
chen Lebens sähe es dann anders 
aus, und mancher ins Ausland ab- 
gewanderte Fachmann stünde 
dann 
für Posten zur Verfügung, 
die heute noch wie Lehensgut von 
den Parteien vergeben werden, 
Und dies nicht nach Qualifikation, 
sonde rn nach 
;,Existenzbands". 
Vielleicht werden sich gerade 
die beiden Präsidentschaftskandi- 
daten Gedanken darüber machen, 
daß sie in der Hofburg keine Un- 
terschriften unter Dekrete zu Po- 
stenbesetzungen leisten würden, 
bei denen das „Existenzbandl" 
Israel verstärkt Grenzen 
für den Vorschlag Bedingung war. 
Zivilbevölkerung bewaffnet — Guerillaabwehr verstärkt 
(Fortsetzung von Seite 1) 
Ahlen in Luxemburg 
und weitgehend 
Moskaus 
geleitet 
finanziert wurde. In entscheiden- 
den Fragen der Propaganda und 
Organisation haben immer die 
Kommunisten direkt eingegriffen, 
um dann möglichst schnell im 
Hintergrund zu verschwinden, 
aber 
Jenseits 
der Programme 
war die Präsidentschaftswahl ein 
Zusammenstoß der Persönlichkei- 
ten. Beide Kandidaten entstam- 
der gleichen Gesellschafts- 
men 
dem großen Bürgertum, 
schichte - 
oder, besser gesagt, dem Beam- 
tenadel. Beide sind talentiert, ha- 
ben erstklassige Studien gemacht. wollte, 
Beide sind seit frühester J ugend 
an dem öffentlichen Leben inter- fen, in die er 
essiert. 
Hier allerdings beginnt der 
grundlegende Unterschied. Mit- 
terrand ist niemals lange bei ei- 
ner politischen Überzeugung ge- 
blieben. Er war nac hei nander Mo- 
narchist, Anhänger des Marschall 
Petain, Radikalsozialist, Linksde- 
mokrat und ist seit einigen fahren 
bis auf weiteres Sozialdemokrat. 
Sein Gesinnungswechsel entsprach 
der augenblicklichen politi- 
stets 
Opportunität. Diesbezüglich l eben" 
schen 
hat er ein sehr gutes Gespür ge- 
ge- 
habt. Auch ist ihm jedesmal 
lungen, sich seine früheren Auf- 
fassungen verzeihen zu lassen, ja 
sogar die peinlichsten Skandale 
mit Eleganz zu überspielen. Seine 
charakterliche Flexibilität hat sich 
auch darin ausgedrückt, daß er 
dem jeweils stärkeren Pa rtner hö- 
rig war, bis er ihn verließ. Das 
zeigt sich auch heute wi eder in 
seinem Verhältnis zu dem Kom- 
munisten Marchais. 
W ährend also Mitterrand je- 
weils seine Vergangenheit „ver- 
gess en" muß, kann man das g/ei- 
che von Giscard d'Estaing nicht 
sagen. Er ist seiner ursprünglichen 
Gesinnung immer treu geblieben, 
hat sich 
aber im Sachlichen stets 
anpassungsfähig gezeigt. Er hat 
niemals seine konservativ-libera- 
len Grundsätze verraten. Darin 
war er der Familientradition der 
Giscard d'Estaings ,treu, insbeson- 
dere seinem Väter, dem AkadeM 1-- 
ker Edm ond Giscard d'Estaing. 
Seit Generationen hat übrigens, 
seine Fainilie den gleichen Wahl- 
bezirk in der Auvergne vertreten. 
Eine besondere Charakteristik 
des neuen Präsidenten ist die Tat- 
sache, daß er, ob wohl er aus ei- 
ner politischen Familie stammt, 
als Sachverständiger in die Regie- 
rung gelangte. Sein 
der 
frühere Finanzminister Antoine Pi- 
nay, dessen Name für die Franzo- 
mit Ver- 
sen gleichbedeutend ist 
trauen, Redlichkeit und Stabilität, 
hatte den jungen Techniker her- 
immer, 
bedeutenderen Auf gaben betraut. 
Pinay, wie de Gaulle, waren bald 
der Ansicht, daß Giscard d'Estaing 
der beste Kopf seiner Generation 
im Lande sei. Daher wurde er auf 
die Stelle Pinays berufen, als letz- 
te rer, infolge von Unstimmigkei- 
ten mit dem General, zurücktrat. 
Dieser Weg erklärt die große 
Vorsicht, mit der der neue Präsi- 
an jene 
dent Probleme 
herangeht, 
bei denen er kein beso nderes 
Fachwissen hat. Lange hat man 
Giscard d'Estaing vorgeworfen, er 
interessiere sich nicht für Außen- 
und Europapolitik. Er hat zu die- 
sen Fr agen geschwiegen, obwohl 
er gefühlsmäßig schon längst Stel- 
lung bezogen hatte; erst nach lan- 
gen Studien und zahlreichen Ge- 
sprächen kam seine Erklärung zur 
Europa-Politik zustande, die uns, 
weil sie gut fundiert ist und der 
Überzeugung entspricht, eine bes- 
sere Garantie für kommende Ini- 
als leichthin hinge- 
tiativen gibt 
worfene demagogische Formeln. 
Das gleic he gilt auch für die 
Sozialpolitik. In den letzten Ta- 
gen des Wahlkampfes haben sich 
Mitterrands Erklärungen weitge- 
hend darin erschöpft, für alle 
Schwierigkeiten die multinationa- 
len Gesellschaften und deren an- 
geblichen Einfluß auf die Regie- 
rung verantwortlich zu machen. 
So leicht hat es sich Giscard 
d'Estaing nicht gemacht. Er hat 
konkrete Vorstellungen erarbeitet, 
die sich von denen seines Vorgän- 
gers unterscheiden. Wenn nicht 
alles täuscht, wird Giscard wieder 
einmal den Satz wahrmachen, 
daß die ech ten Konservativen je- 
ne Reformen durchführen, von de- 
nen 
ander e sprechen. sprechen.
	        
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