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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Landesverteidigung geht alle an 
HU 
%kJ 
"Politische Bildung — Geistige Landesverteidigung" hieß 
The- 
das 
ma einer Tagu ng, die gestern im Burgrestaurant Gebhardsberg in 
Bregenz über die Bühne ging. 	 (Fotos: 
R. Zündel) 
Armeekommandant General Emil Spannocchi und Minister Dr. 
Fred Sin owatz in angeregtem Gespräch. 
en 
ru 
Genschers 
außenpolitisches Debüt 
gelungen 
Luxemburg / Bonn — 
Der neue 
Bonner Außenminister, Hans- 
Dietrich Genscher (FDP), hat sei- 
nen Ruf als einer der besten po- 
litischen „Macher" in der Bun- 
desrepublik jetzt auf der EG-Mi- 
nisterratstagung in Luxemburg 
unter Beweis stellen können: Der 
erfolggewohnte Sachse, der nur 
seinen Dialekt und das Hochdeut- 
sche beherrscht, hatte die Fäden 
voll im Griff, als er in der Nach- 
folge Walter Scheels den Rat prä- 
sidierte, eine Rolle, die ihm tur- 
nusmäßig noch bis zum 31. Juli 
zufällt. Im Anschluß an sein er- 
stes Auftreten auf internationa- 
lem Parkett meinte Genscher, es 
sei nichts anderes gewesen, als 
eine Sitzung mit seinen früheren 
Innenministerkollegen der deut- 
schen Bundesländer zu leiten. Ein 
„Elefant im Porzellanladen" war 
er mit Sicherheit nicht in Luxem- 
burgs Hauptstadt. 
Er vermochte seinen britischen. 
Enge zu treiben, daß dies er an- 
Amtskollegen Callaghan so in die 
schließend vor heimischer Presse 
nicht einmal mehr Englands 
Weltmachtansprüche überzeugend 
vertreten konnte, auf den Londo- 
ner Forderungskatalog nach Neu- 
verhandlungen über die EG-Mit- 
gliedschaft angesprochen. Daß das 
Von Bernd-Dieter Fridrieh, Bonn 
EG-Parlament erstmals auf den 
Haushalt der Gemeinschaft Ein- 
fluß haben soll, war zwar nicht 
Genschers Verdienst, doch ein 
weiteres gutes Omen für seine 
jetzige Rolle. 
Der äußerst vitale Rechtsan- 
walt müßte nur noch etwas für 
Englisch und Französisch tun, um 
auch im privaten Kreis der Au- 
ßenminister und sonstigen aus- 
ländischen Gesprächspartner als 
sonst so hervorragender Unter- 
halter und Überzeuger brillieren 
zu können. Nicht die besonders 
intellektuelle Art zu reden zeich- 
net ihn aus, sondern das notwen- 
dige in sachlicher Kürze treff- 
siche r zu bringen — die richtigen 
(deutschen) Worte fehlen ihm da- 
Es geht u 
s eld,wenn 
Tito nach 
Samstag, 8. Juni 1971 
mi kommt 
Seite 4 
Wien 
Während die Not- 
(WH) 
wendigkeit der militärischen Lan- 
desverteidigung in Österreich vom 
überwiegenden Teil der Bevölke- 
rung bejaht wird, leidet die 
Schweiz unter einem Verlust der 
Wehrbereitschaft. Dies wurde ge- 
stern in Diskussionsbeiträgen der 
Veranstaltung „Politische Bildung 
— Geistige Landesverteidigung" 
im Burgrestaurant Gebhardsberg 
in Bregenz zum Ausdruck ge- 
bracht, zu der wie zuvor in den 
anderen Landeshauptstädten das 
Bundesministerium für Unter- 
richt und Kunst eingeladen hatte. 
Wie der stellvertretende Ar- 
meekommandant und Delegierte 
Österreichs bei der Genfer Sicher- 
heitskonferenz, General Wilhelm 
Kuntner, erklärte, ergab eine Ifes- 
Umfrage, daß 79 Prozent aller 
Österreicher an die Notwendig- 
keit einer militärischen Landes- 
verteidigung glauben. Allein auf 
die männlichen Befragten bezo- 
gen, liegt der Prozentsatz sogar 
bei 84 Prozent. Demgegenüber 
führte Dr. Rolf Biegler aus Zü- 
rich, langjähriger Chefredakteur 
der „Weltwoche", Autor der mi- 
litärwissenschaftlicher Publikatio- 
nen und im Zweitberuf Major der 
Reserve in der Schweizer Armee 
das Ergebnis einer jüngsten Re- 
präsentativumfrage unter Mittel- 
schülern in der Schweiz an: 52 
Prozent vertraten die Ansicht, 
man solle an der bewaffneten 
Neutralität festhalten. Während 
15 Jahren 70 Prozent der be- 
vor 
fragten Mittelschüler auf die Fra- 
ge, ob sie ihren Wehrdienst gerne 
leisten, mit „Ja" (weitere 15 Pro- 
zent mit „Ja mit Einschränkung") 
antworteten, ergab die jüngste 
Umfrage umgekehrte Werte: Nur 
noch 15 Prozent wollen ihren 
Wehrdienst gerne leisten, 62,2 
Prozent antworteten mit „un- 
gern". 
wicklung darauf zurück, daß der 
Dr, Biegler führte diese Ent- 
Begriff „Vater lan d" der Jugend 
keine Ausstrahlung mehr zu ver- 
mitteln vermag. Deshalb kann 
man Soldaten heute nicht: mehr 
für den Kampf, sondern höchstens 
für den „Dienst am Staat" gewin- 
nen. Die geistige Landesverteidi- 
gung habe dem Rechnung zu tra- 
gen. 
Während Univ.-Ass. Dr. Hans- 
peter Neuhold die sich aus dem 
Völkerrecht ergebenden Grundla- 
gen für die Notwendigkeit der 
Landesverteidigung aufzeigte, leg- 
te Armeekommandant General 
Spannocchi die Grundzüge der 
Landesverteidigung 1974 dar. 
Umdenken mit dem 
Milizsystem 
Der Armeekommandant ver- 
wahrte sich gegen immer wieder 
	Behauptungen 
auftauchende 
,,Kein einziges Bataillon ist in 
ÖSterreich einsatzfähig". Der Ge- 
neral verwies darauf, daß auch 
die Schweiz über kein einziges 
einsatzfähiges Bataillon verfüge, 
und kam dann auf sein Haupt- 
anliegen zu sprechen: Es geht 
nach der Heeresreform nun dar- 
um, den Leuten klar zu machen, 
daß Österreich aufgrund eines 
Beschlusses auf der politischen 
Ebene vom Syst em des stehenden 
Heeres Abschied genommen hat. 
Die österreichische militärische 
Landesverteidigung basiert auf 
einer Milizarmee, die auf eine 
150.000-Mann-Dimension ausge- 
richtet ist. 
Spannocchi setzte sich dann 
mit der Bereitschaftstruppe aus- 
einander, die im Endausbau qua- 
litativ besten Standard aufweisen. 
werde. 
Dieser Truppe komme die Auf- 
rend der Mobiliserung der Wehr- 
gabe der Grenzsicherung wäh- 
fähigen zu. 
Das Rückgrat der Landesver- 
teidigung stellt jedoch die Land- 
wehr dar, meinte der General. 
Die ersten. Erfahrungen mit Land- 
wehr und der Bereitschaftstruppe, 
die mannschaftsmäßig zu zwei 
Dritteln aufgefüllt ist, sind ermu- 
tigend, konstatierte der Armee- 
kommandant. 
General Kuntner, der sich mit 
dem Thema „Umfassende Lan- 
	auseinander- 
desverteidigung" 
setzte, urgierte ein Bevorratungs- 
gesetz, nachdem vor wenigen Mo- 
naten uns die möglichen Auswir- 
kungen einer int ernat ional en 
Krise drastisch vor Augen ge- 
führt wurden. 
Sinowatz: „Ein 
p olitischer Tatbestand" 
Unterrichtsminister Dr. Sino- 
watz (für die geistige Landesver- 
teidigung ist das Unterrichtsmini- 
sterium kompetent — Anm. d. 
Red.) definierte die Geistige Lan- 
desverteidigung als einen „politi- 
schen Tatbestand". Dr. Sinowatz, 
der sich für die nüchterne, sach- 
liche Information der Bevölkerung 
über die Belange der geistigen 
Landesverteidigung aussprach, er- 
hofft sich von der Durchdringung 
verschiedenster Bereiche Erfolg: 
So habe die geistige Landesver- 
teidigung in die politische Bildung 
hineinzuwirken, im gleichen Ma- 
13e müßten die Bereiche der Er- 
wachsenenbildung sowie der au- 
ßerschulischen Erziehung erfaßt 
werden. Sinowatz meinte, daß ge- 
rade auch die Politischen Akade- 
mien prädestiniert wären, für die 
Verbreitung der Belange der gei- 
stigen Landesverteidigung Sorge 
zu tragen. 
„Die Landesverteidigung soll 
eine Sache des Volkes werden", 
vorstellungen der Veranstaltungs- 
formulierte Dr. Sinowatz die Ziel- 
serie „Politische Bildung — Gei- 
stige Landesverteidigung". 
„Geistige Landesverteidigung 
ist eine Demokratisierungsaufga- 
be im Sinne bewußter Identifika- 
lierte der Unterrichtsminister und 
tion mit diesem Staate", artiku- 
bezeichnete die Bemühungen uni 
ein zeitgemäßes Selbstverständnis 
der geistigen Landesverteidigung 
als einen mühsamen Entwick- 
lungsprozeß, der noch sehr viel 
Arbeit erfordern wird. 
Mansfield fiel durch 
eilte auf em 
oiart 
Washington (UPI) 
Der amerikani- 
sche Senat hat am Donnerstag mit 
54 gegen 35 Stimmen eine Verminde- 
rung der im Ausland stationierten 
US-Truppen um 125.000 Mann abge- 
nator Mike Mansfield eingebrachte 
lehnt. Der vom demokratischen Se- 
Antrag hätte die Stärke der Aus- 
landstruppen auf 312.000 Mann be- 
schränkt. Gegenwärtig sind 437.000 
amerikanische Militärangehörige im 
Ausland stationiert. 300.000 befinden 
sich in Europa, der Rest verteilt sich 
annen gehen in St ellen 
auf asiatische Stützpunkte. 
(UPI/APA) Bereits am 
Tel Aviv 
heutigen Samstag sollen die ersten 
von den israelischen Truppen ge- 
räumten Frontabschnitte auf den 
Golanhöhen gemäß dem israelisch- 
syrischen Truppentrennungsabkom- 
men an die Einheiten der Vereinten 
Nationen übergeben werden. Dies 
wurde am Freitag vom offiziellen 
israelischen Armeerundfunk bestä- 
tigt. Wie es heißt, soll mit dem Trup- 
penabzug zuerst im Südostabschnitt 
(BDF) In. der Zeit vom 24. 
Bonn 
bis 28. Juni ist es soweit: Jugosla- 
wiens auf Lebenszeit bestätigtes 
Staatsoberhaupt kommt an den. 
Rhein. Marschall Josip Broz Tito 
wird der erste hohe ausländische 
Gast sein, den Bundeskanzler Hel- 
mut Schmidt seit dem Bonner Macht- 
wechsel empfangen wird. Im Vor- 
feld des Besuches hatte es ein langes 
Hin und Her gegeben — Termin- bei nie. 
schwierigkeiten, Personenwechsel in 
Bonn und ähnliches waren zu hören. 
Gast und Gastgeber aber haben mit 
diesem emsigen Geschiebe hinter di- 
plomatischen Kulissen deutlich ge- 
macht, welch e Bedeutung sie dem 
Treffen in Wirklichkeit beimessen. 
Das Kabinett Schmidt/Genscher 
wird zeigen. können, daß es ihm um 
die Kontinuität westdeutscher Ost- 
politik ernst ist — eine Besuchsab- 
sage oder -verschiebung auf unbe- 
stimmte Zeit hätte gegenteilige Spe- 
kulationen ausgelöst. Immerhin hatte 
Brandt im April vorigen Jahres wäh- 
rend se ines Besuches bei Tito auf 
Brioni den Schlußstrich unter un- 
glückselige Kriegstage im letzten 
Weltkrieg gezogen, zugleich unter 
den von Bonn 1957 nach der Aner- 
kennung der DDR durch Belgrad 
 der 
etwas unüberlegt vorgenommenen 
im vergangenen Oktoberkrieg 
von den Israelis eroberten Enklave 
begonnen und schließlich auf das 
nördlich davon liegende Gebiet von 
Deir Al-Makher nach Tel Shams 
ausgedehnt werden. Zwei Stunden 
nachdem die UN-Truppen dieses Ge- 
biet übernommen ha ben, sollen be- 
reits wieder syrische Zivilisten in 
ihre Wohngebiete zurückkehren. 
Das Bundesministerium für Lan- 
in. 
desverteidigung 
Wien, gibt be- 
Abbruch der diplomatischen Bezi e- 
hungen zu Jugoslawien. 
Das Ganze wurde damals neben 
einer Kapitalhilfe von 300 Mill. DM 
durch eine Kreditzusage in Höhe von. 
700 Mill. DM versüßt. Wiedergut- 
machung, jetzt als Wirtschaftshilfe 
deklariert, da man Belgrad gegen- 
über ersteres nicht in den Mund neh- 
men wollte. 
Nach dem Motto „Es ist besser, 
wenn Kapital zur Arbeit ko mmt, als 
umgekehrt" hat Tito in Bonn sein 
Ziel erreicht. Was er jetzt zur Kon- 
solidierung seines Titoismus braucht, 
ist zweierlei: wirtschaftlichen Erfolg 
als Bestätigung des jugoslawischen 
Selbstverwaltungskommunismus, der 
besser ist als andere östliche Syste- 
me, und Demonstration für seine 
Politik der Blockfreiheit. 
So gesehen ist Titos Reise an den 
Rhein nicht etwa nur ein Höflich- 
keitsakt, sondern der Bes uch bei 
einem gewichtigen Partner, von dem 
Belgrad bisher mehr bekommen hat 
als andere kommunistische Staaten. 
Tito wird sich bemühen, mit Helmut 
Schmidt gemeinsam die weiterge- 
steckten außenpolitischen Zielvor- 
stellungen weltweit zu unterstrei- 
chen. Das bilaterale Verhältnis ist 
 kannt: 
dabei nur wesentlicher Grundstock. 
Trup- 
Zur Überwachung des 
zwischen 
pentrennungsabkommens 
Israel und Syrien übernimmt das 
österreichische UN-Bataillon Sams- 
tag vier Stützpunkte im Raume 
nördlich Saasa, einschließlich der 
Straße Kuneitra—Damaskus. Dazu 
ist bereits am 5. Juni 1974 eine ver- 
UN- 
stärkte Jägerkompanie des 
Bataillons mit 179 Mann aus Ägyp- 
ten nach Syrien verlegt worden. 
Weitere Teile des bisher in der 
Suez-Kanalzone eingesetzten öster- 
reichischen UN-Bataillons sollen in 
den nächsten Tage n, ebenfalls im 
Landmarsch, das neue Einsatzgebiet 
erreichen. 
Innerhalb des sozialistischen 
Baath-Regimes in Syrien soll wegen 
der Truppenentflechtungsabmachun- 
gen mit Israel ein. Konflikt ausge- 
brochen sein, berichtete am Freitag 
die libanesische Linkszeitung „Bzi- 
rut". Eine Reihe hoher Parteifunk- 
tionäre lehne die Abmachungen ab. 
Ihr Wortführer, das Partei-ZK-Mit- 
glied Abdallah Achmed, sei festge- 
nommen worden. In Aleppo sollen 
zahlreiche Teilnehmer einer Protest- 
demonstration festgenommen wor- 
den sein. In Damaskus trat am Frei- 
tag der Nationalkongreß der Baath- 
Sozialisten zu einer außerordent- 
lichen Sitzung zusammen. 
Die erst am 28. Mai gebild ete Re- 
gierung unter dem neuen Präsidenten 
Valery Giscard d'Estaing hat damit 
ihre erste parlamentarische Hürde 
 sta 
genommen. Der Abstimmungssieg 
nd allerdings von vornherein fest, 
da sich die Regierung bei den gegen- 
wärtigen Mehrheitsverhältnissen in 
der Nationalversammlung nicht nur 
auf die 
auf die Gaullisten und deren Mehr- 
heitspartner, sondern auch 
bisher oppositionellen Reformatoren 
und Zentrumsgruppen stützen 
konnte. 
Premierminister Chirac hatte in 
seiner Erklärung am Mittwoch die 
Drosselung der Inflation und den 
Außenhan- 
Ausgleich der defizitären 
delsbilanz als vorrangige Ziele der 
Paris (AFP) Die französische Nationalversammlung hat am Donners- 
Regierung proklamiert. 
tag abend nach zweitägiger Deba tte über die Regierungserklärung der 
neuen Regierung von Ministerpräsident Jacques Chirac das Vertrauen 
Vertrauen für seine Regierung klar 
ausgesprochen. Das Abstimmungsergebnis lautete 297 gegen 181 Stimmen. 
Chirac nahm nun die erste Hürde Hürde
	        
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