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Bregenz — Bereits in naher Zukunft könnte im Rahmen eines
Schulversuches das „Vorarlberg-Modell" einer Schule verwirklicht
werden, deren Struktur nach den Spielregeln der Demokratie aufge-
baut ist. Dies teilte Landesschulreferent Landesrat Dipl.-Vw. Siegfried
Gasser am Donnerstag abend vor dem „VN"-Jugendforum mit. Im
Rahmen des Forums diskutierten Junglehrer aus Vorarlberg, und
Junglehrer, die vom Schuldienst im Lande in die benac hbar te Schweiz
abg ewander t sind, mit Landesrat Gasser, dem Schulinspektor des Be-
zirkes Feldkirch, BSI Dr. Häfel e, Prof. Sperandio von der Pädagogi-
schen Akademie Feldkirch sowie „VN"-Redakteuren über die Situa-
tion der Schule und der Lehrer in Vorarlberg.
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Landesrat Ga sser (Mitte) sowie BSI Dr. Häfele und Prof. Sperandio (links) diskutierten mit jungen Leh-
rern und „VN"-Redakteuren über aktuelle Schulprobleme
(Foto: Oskar Spang)
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Dr. Rudolf Kirchschläger in Vorarlberg
Sonntag, 9. Juni 1974
10.15 Uhr Bludenz, Rathausplatz
11.00 Uhr Feldkirch, Arbeiterk.
18.00 Uhr Dornbirn, Rathausplatz
20.00 Uhr Bregenz, Gewerk-
schaftshaus
Weitere Veranstaltungen mit Dr.
Rudolf Kirchschläger finden in
zahlreichen Gemeinden des Lan-
BRITISH
des statt.
BRITISH
LEYLAND LEYLANCI
British. Leyland
in Vorarlberg
Öffentliche Bekanntmachung
British Leyland Austria KG freut sich, mit dies er Veröffentlichung
allen Besitzern und Interessenten von Austin- und Morris-Fahr-
zeugen eine gute Nachricht übermitteln zu können.
Die Konzernleitung hat für Vorarlberg die Zusammenlegung der
Markenvertretungen Austin und Morris mit sofortiger Wirkung
genehmigt.
Dies bedeutet, daß British Leyland mit den Marken Austin und
Morris jetzt überall gemeinsam vertreten ist.
Die Firma Anton Hagen, Pontenstraße 3, 6890 Lustenau, wird ab
sofort Morris verkaufen und betreuen. Das Autohaus Eugen
Bohl e, Im Schwefel 44, 6850 Dornbirn, ist mit sofortiger Wirkung
Austin-Vertreter.
Samstag,
15679
uf
8. Juni 1974
Seite 5
Wie Landesrat Gasse r ausführte,
sei der Wun sch nach einer „demokra-
tischen" Schule aus verschiedenen
Lehrerkreisen an ihn herangetragen
worden. Er halte einen Versuch für
sehr wertvoll. Der Landesschulrefe-
rent benützt, wie es gestern hieß,
den Bes uch von Unterrichtsminister
Dr. Sinowatz im Lande an diesem
Wochenende zu einem Gespräch über
dieses Projekt. Die Installierung die-
ses „Vorarlberg-Modells" hängt zu-
dem noch von der Stellungnahme
Von Willy Hillek
der Schulaufsichtsbehörde des Lan-
des ab, die voraussichtlich in einigen
Wochen vorliegen wird.
Ziel eines solchen Schulversuches
wird es sein, Formen der Zusammen-
arbeit zwischen Lehrern und Schul-
leiter zu finden, die zeitgemäß sind
und den immer wieder artikulierten
Forderungen nach Demokratisierung
und Mitspracherecht auch in der
Schule entsprechen. Wie Landesrat
Dipl.-Vw. Gasser anführte, könne er
sich dabei ein rotierendes Verfahren
bei der Schulleiterposten-Besetzung
vorstellen, wie dies derzeit bereits
bei der Bestellung von Chefärzten in
großen Spitälern üblich ist. Auf
Grund der bestehenden Gesetzeslage
ist es derzeit nicht möglich, den
kooperativen Führungsstil zu erpr o-
ben und damit Erfahrungen zu sam-
meln. Eine Erprobung ist nur im
Rahmen eines Schulversuches mög-
lich, stellte der Schulreferent des
Landes fest. Konkrete Kontakte mit
den in dieser Frage kompetenten
Stellen bestehen bereits.
BSI Häfele:
Schulunterrichtsgesetz
bring t Demokratisierung
BSI Dr. Häfele verwies im Ver-
laufe der Diskussion darauf, daß be-
reits das mit 1. September dieses
Ja hres in Kraft tretende Schulunter-
Daß man sich nach neuen Wegen
im Schulwesen umsehen wird müs-
sen, veranschaulicht das düstere
Bild, das in der Diskussion des
"VN"-Jugendforums skizziert wurde:
Derz eit f ehlen in Vorarlberg nicht
weniger als 800 Lehrer (9, dies ent-
spricht einem Drittel des Sollstandes.
Verschärft wird die Situation da-
durch, daß 120 Vorarlberger derzeit
als Leh rer im Schweizer Schuldienst
stehen.
Mit Beginn des kommenden Sch ul-
jahres wird sich die Situation auf
dem ,.Lehrermarkt" weiter zuspit-
zen: Wie Prof. Sperandio von der
PÄDAK Feldkirch darlegte, sind 43
Studenten zur Lehramtsprüfung zu-
gelassen, alles in allem ges ehen wer-
den davon 30 in den Vorarlberger
Schuldienst treten, nachdem einige
Absolventen sofort in den Schul-
dienst in der benachbarten Schweiz
treten werden . Bei an deren Absol-
venten liegen familiäre bzw. per-
sönliche Gründe vor, nicht in den
Schuldienst zu treten. Dem steht ein
Abgang von 70 Lehrern gegenüber,
die in Pension gehen werden.
Die Bemühungen von LR Gasser,
Lehrer aus anderen Bundesländern
für den Schuldienst in Vorarlberg
zu gewinnen, haben Erfolg gezeigt,
14 Wiener haben sich für den Sc hul-
dienst im Lande gemeldet, ebenso
drei Junglehrer aus dem Burgenland.
Angesichts der Tatsache, daß jedoch
mit kommendem Schuljahr die Schü-
lerzahl weiter steigen wird, ist der
Neuzugang an Leh rern lediglich der
viel zitierte „Tropfen auf dem hei-
ßen Stein".
Der Lehrermangel wird zusätzlich
dadurch akutisiert, daß 60 Studenten,
richtsgesetz
die nach dem bisherigen Schema
wesentliche Verbesse-
ru ngen und eine gewisse Demokrati-
sierung an den Schulen bringt. Häfele
(„Der Versuch ist es wert") meinte,
es komme vor allem auf die Aus-
strahlungskraft an, die ein solches
„Vorarlberg-Modell" zu bewirken
vermag.
Prof. Hans Sperandio, der die
Schaffung eines solchen Modells
ebenfalls begrüßte, brachte die Frage
des Wahlmodus in die Debatte. Wie
Sperandio meinte, solle man es nicht
nur dem Lehrerkollegium überlas-
sen, den Schulleiter zu wählen, weil
die Leiterstelle sicher auch eine
Frage darstelle, welche die Eltern
berühre. Sperandio gab zu bedenken,
daß diese „demokratische" Bestel-
lung des Direktors zwangläufig zum
Wahlkampf an den Schulen führt,
„was sicher nicht durchwegs _negativ
sein muß".
In der Diskussion wurde von sei-
ten der Junglehrer auch der Vor-
schlag gemacht, ein Führurbgs-Team,
bestehend aus mehr eren Lehr ern, zu
wählen, das die Verantwortung trä gt.
Das gibt es schon in den. Pfarrge-
meinden.
Eine andere Wortmeldung sprach
sich für den „Direktor auf Zeit" aus,
der nach dem bisher g eltenden Be-
stellungsmodus in dieses Amt einge-
führt wird, aber nicht auf Lebenszeit,
sondern auf höchstens vier Jahre.
Nach die ser Zeit könne er sich erneut
der Wahl stellen.
LR Gasser: "Nicht auf
dem Rücken der Kinder"
Alle diese Fragen werden nun-
mehr abgeklärt werden . In dem er-
wähnten „Vorarlberg-Modell" —
vorausgesetzt es kommt zustande —
sollen zielführende Wege erprobt
werden . "Ich bin überzeugt, daß es
solche Versuche geben soll. Wir müs-
sen neue Wege in Angriff nehmen",
erklärte LR Gasser und schränkte
ein: „Aber nicht auf dem Rücken
der Kinder."
heuer in den Schuldienst eingetreten
wären, derzeit die sechssemestrige
Hauptschullehrerausbildung in Feld-
kirch absolvieren und erst ein Jahr
später als üblich die Akademie ver-
lassen werden.
Anlaß zu optimistischeren Zu-
kunftsaussichten gibt dagegen die
hohe Zahl der Neuanmeldungen an
die PÄD AK: Während in den Jahren
bisher zwischen Ende Mai und An-
fang Juni Anmeldungen von ca. 50
Maturanten vorgelegen sind, haben
sich heuer bereits 128 junge Vorarl-
berger in der Pädagogischen Akade-
mie angemeldet.
länder stagnierende oder gar rück-
Während die östlichen Bundes-
läufige Bevölkerungszahlen aufwei-
sen, hat Vorarlberg eine übe raus
dynamische Bevölkerungsentwick-
lung aufzuweisen. Diese Dynamik
stellt eine der Hauptursachen für
den Lehrermangel dar, wurde in der
Diskussion festgestellt. Durch ge-
bremstes Bevölkerungswachstum in
den kommenden Jahren in Vorarl-
berg und einer höheren Anzahl von
Abgängen an der Pädagogischen
Akademie kann jedoch mit einer
Linderung des Lehrermangels ge-
rechnet werden, heißt es. Wie aus
einschlägigen Dissertationen zu ent-
nehmen ist, hat es in Vorarlberg im-
mer schon einen Lehrermangel ge-
ge ben, mit A usnahme in den zwan-
ziger und dreißiger Jahren.
Abwanderung verschärft
die Situation
In der Diskussion des „VN"-
Jugendforums war man sich jedoch
auch darüber einig, daß nicht aus-
schließlich die Bevölkerungsexplo-
sion den Lehrermangel derart akut
macht, sondern daß es eine ganze
Reihe von Faktoren gibt, die junge
Leute davon abhalten, in den Schul-
dienst einzutreten. Dazu kommt, daß
Junglehrer aufgrund von verschie-
densten Vorkommnissen und nicht
zu übersehender Unzufriedenheit
"den S prung über den Jord an, spri ch
Rhein, wagen" (so ein Junglehrer in
der Diskussion).
Es wurde dabei die Auffassung
ausgedrückt, daß es zu einfach wäre,
allein die finanzielle Seite als Ur-
sache für die Abwanderung von
Junglehrern in die Schweiz hinzu-
stellen. Unbestritten ist, daß es auf
der finanziellen Ebene „nichts zu be-
schönigen gibt", wie es LR Gasser
formulierte.
Im Verlaufe der Diskussion im
„VN"-Jugendforum wurde eine ganze
Reihe von Fragen aufgeworfen, wel-
che sich für den Lehrer in der täg-
lichen Arb eit ergeben.
Der Dorfschullehrer ist
gestorben
Bezahlung. Wenn man die Be-
zahlung als Gradmesser für die
Wertschätzung des Lehrers heran-
zieht, so sieht die Situation in Öster-
reich tris te aus. Lediglich drei Län-
der in Eur opa entlohnen ihre Lehre r
schlechter als der österreichische
Staat, nämlich Griechenland, Italien
verstärktem
und Portugal. Von Lehrern wird in
Maße die Forderung er-
hoben, auf politischer Ebene Bemü-
hungen anzustellen, die Lehrerbesol-
dung in die Kompetenz der Länder
überzuführen.
Stellung des Lehrers. Die gesell-
schaftliche Stellung des Lehrers hat
sich im Verlaufe der letzten zwei bis
drei Generationen grundsätzlich ge-
ändert. Der Dorfschullehrer von da-
mals ist tot. Die Gesellschaft ist sich
jedoch der verantwortungsvollen
Aufgabe und der Bedeutung der Leh-
rer voll bewußt. Durch die Wissens-
explosion und die nie dagewesenen
Möglichkeiten der breiten Informa-
tion „sehen heute dem Lehrer immer
mehr Leute in das Handwerk" (so
ein Lehrer).
0 Stellung des Lehrers im Sy-
stem. Eng verbunden mit dem
Image des Lehrers in der Öffent-
lichkeit ist seine Stellung im System.
Gerade hier wird von den jungen
Lehrern heftige Kritik angebracht,
und mitunter wird die totale Um-
änderung des Schulsystems verlangt.
Junge Lehrer sprachen mitunter von
einer „völligen Rechtlosigkeit" des
Lehrers, die besonders dann über-
aus drückend wird, wenn ein Vor-
gesetzter nicht die erforderlichen
Qualitäten im Umgang mit Men-
schen aufzuweisen hat. Recht deut-
lich wurde auf dem „VN"-Jugend-
forum zum Ausdruck gebracht, daß
es ein Manko des bestehenden
Schulsystems ist, daß beispielsweise
Schulleiter auf ihre Aufgabe der
Menschenführung in keiner Weise
vorbereitet werden. Die Schule ist
heute als ein Großbetrieb anzuspre-
chen, weil man es hier ja mit Hun-
derten von Schülern zu tun hat.
Während in der Privatwirtschaft auf
Management und Menschenführung
größtes Augenmerk gelegt wird,
fehlt diese Vorsorge im Schulbereich.
Die Definitivstellung des Beam-
ten, so wurde festgestellt, bringt es
mit sich, daß vorhandene Mängel
vielfach noch eklatanter sich auswir-
ken, weil ein einmal bestellter Schul-
leiter kaum mehr absetzbar ist. Auch
dann nicht, wenn sich herausgestellt
hat, daß er schwerwiegende Füh-
rungsmängel aufweist. Man ist sich
jedoch darüber im klaren, daß Kri-
tik an den Schulleitern in keiner
Mißstände an einigen Schulen des
Landes jedoch nicht zu übersehen
sind.
Begrüßenswert ist die starke Stel-
lung des Direktors aus dem Ge-
sichtspunkt, daß er — so Prof. Spe-
randio — „vor politischem Zugriff
bewahrt wird".
... dann bin ich nur
Stundenhalter
Einhellig bedauerten die Teilneh-
mer am „VN"-Jugendforum, daß das
pädagogische Moment des Lehrberu-
fes bedingt durch die hohe Unt er-
richtsstundenzahl in den Hinter-
grund gerückt wird. „Wenn ich 40
Wochenstunden halten muß, bin ich
kein Pädagoge mehr, sondern ein
Stundenhalter", meinte ein Jung- .
lehrer.
Aufgeworfen wurde in der De-
batte auch der Aspekt, mehr für die.
Weiterbildung des Lehre rs zu tun,
weil seine Stellung im wesentlichen
auch davon abhängt, in welchem
Maße er gewillt ist, mit der allge-
mei nen gesellschaftspolitischen Ent-
wicklung Schritt zu halten.
Während von den verantwortli-
chen Schulbehörden oftmals Klage
darüber geführt wird, die Lehrer
würden Weiterbildungsangebote zu
wenig nutzen, führt die andere Seite
an, es werden zu wenig Weiterbil-
dungsmöglichkeiten vorgelegt. Wenn
der Wille zur Weiterbildung und das
damit verbundene Engagement dem
Lehrer „im Augenblick auch keine
Torte verschafft", ver wies BSI Dr.
Häfele darauf, daß die Weiterbildung
letzlich dem Lehrer zugut e komm t,
und bei seiner Qualifikation und Ein-
stufung im Schuldienst Berücksichti-
gung finden würde.
Wiederholt wurde am Donners-
tag abend die Hoffnung geäußert, daß
das „Vorarlberg-Modell" einer Schu-
le mit neuen Strukturen Verwirk-
lichung findet. Gerade im Kreise
junger Lehrer erwartet man sich
davon neue Aspekte für die Arbeit.
Wenn auch die Stellung des Lehrers
weitgehend davon abhängt, was er
aus sich und seiner Tätigkeit macht,
ist man sich darüber im klaren, daß
die echte Entfaltung nur in einem
nach modernen und demokratischen
Gesichtspunkten gestalteten System
Weise verallgemeinert werden darf, ermöglicht wird. wird.