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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Neuerliche Abstimmungsniederlage Wilsons — Wirtschaftlicher Tiefpunkt 
Kreml: 40.000 pro Jahr 
Zusage über Emigrationsbewilligungen befriedigt nicht 
(AFP) 
Washington 
Die Sowjetunion ist 
für die Zukunft 
bereit, 
die Ausstellung von 
vierzigtausend Ausrei- 
segenehmigungen für 
jüdische Sowjetbürger 
pro Jahr fest zuzusa- 
gen. 
soll nach An- 
Das 
gaben aus kongreß- 
nahen Krei sen in Wa- 
shington Außenmini- 
ster Henry Kissinger 
Anfang des Monats 
Senator des Sta ates 
dem demokratischen 
Washington, Henry 
Jackson, erklärt haben. 
Senator Jackson ist 
der Führer einer ein- 
flußreichen Lobby im 
Kongreß, der der So- 
wjetunion die Meist- 
begünstigungsklausel 
im Warenaustausch mit 
den USA so lange 
nicht gewähren will, 
wie sowjetische Juden 
und ihnen nur be- 
diskriminiert werden 
schränkt die Auswan- 
derung bewilligt wird. 
Die Mitteilung Kis- 
singers scheint Jackson 
und seine Anhänger 
jedoch nicht befriedigt 
zu ha ben. Wie sie be- 
tonten, sind 40.000 
Ausreisegenehmigun- 
gen pro Jahr nur we- 
nig mehr als die Zahl 
der bis jetzt jährlich 
gewährten Ausreisebe- 
willigungen. 
ie Opposition sagt nein 
im. Bundesrat gegen CSSR-Vertrag 
CDU/CSU-Mehrheit 
Bundesrat hat am Freitag wegen der Hal tung der 
Bonn (AP) Der 
CDU/CSU-regierten Länder dem deutsch-tschechoslowakischen Vertrag 
die Zustimmung verweigert und mit den Stimmen dieser Länder den 
Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat angerufen. Der Be- 
eine 
schluß, der mit 
21 
gegen 20 Stimmen erfolgte, bedeutet lediglich 
des Vertrages, da der Einspruch des 
Verzögerung für das Inkrafttreten 
Bundesrates voraussichtlich schon in Kürze vom Bundestag auf einer 
Mehrheit überstimmt werden kann. Wie die 
Sondersitzung 
mit absoluter 
CDU/CSU-Fraktion im Bundestag waren auch die CDU/CSU-regierten 
Leistung und Gegenlei- 
Bundesländer der Ansicht, daß der Vertrag 
in 
stung unausgewogen sei, die Gefah r einer Legalisierung der Vertreibung 
in sich ber ge, die Rech te der Sudetendeutschen nicht genügend wahre 
durch die Bundesrepublik 
und keine ausreichende Vertretung Berlins 
ito esucht 
sichere. 
Knapp vor Bonn-Besuch wurde Kredithilfe-Vertrag zwischen Jugoslawien und BRD 
00 
über 700 Mill. DM abgeschlossen — Zusammenarbeit durch Investitionen 
Wie die „VN" berichteten, fand am Donnerstag gleichzeitig die Ak- 
kreditierung von BRD-Vertreter Günther Gaus in Ostberlin (Bild 
unten, links) 
u nten, rechts) bei Staatspräsident Willi Stoph (Bild 
(oberes 
und seines ostdeutschen Gegenstückes in Bonn, Michael Kohl 
Bild, links), bei BRD-Präsident Heinemann statt. 
Seite 2 
(Funkbild: VN/I21) 
Samstag, 22. Juni 1974 
  
London (UPI) — Großbritannien ist aus einem politischen Trägezu- 
    
stand erwacht. Am Freitag wurde zum erstenmal lautstark die Frage 
diskutiert, wann Neuwahlen ausgeschrieben werden sollen. Politische 
Beobachter vertreten die Ansicht, daß ein Wahltermin im Herbst — vor- 
aussichtlich bereits im September — als ziemlich sicher gilt, um einen 
(Fortseztung von Seite 1) 
Ausweg aus der gegenwärtig verfahrenen Situation zu finden. 
des Landes mes- 
mit dem Osten 
sen. Es ist bedauerlich, daß man 
ger ade hier allzu deutlich die 
„geistige 
„Provinz" und das 
Wien" gegeneinander stellte. Si- 
cher eine Ursache, warum sich 
Lugger so um eine gesamtöster- 
reichische Linie bemühte und um 
rang. 
einen Schuß Progressivität 
Der als armer Bub mit Polenta 
in Oberösterreich aufgewachsene 
Kirchschläger hatte es in keiner 
notwen- 
Phase der W ahl werbung 
sich erst noch als Weltmann 
dig, 
profilieren zu müssen. 
Ober die Persönlichkeitswahl 
Kirchschläger 
waren sich und Lug- 
ger einig. Erstaunlich, daß der 
SPÖ-Vorsitzende Kreisky noch im 
Endspurt auch eine Zuwaage der 
Regierung wünschte, also ein 
Wählervotum über Kirchschläger 
plus Kabinett Kreisky. Wegen der 
MitverantWortung? Wegen der 
möglichen Ansicht, die Regierung 
ziehe besser als ihr Kandidat? 
Ebenso erstaunlich, daß die ÖVP 
auf ähnliche „Einmengung" ver- 
zichtete. Lange früher meinte man 
noch in der Kärntnerstraße, es 
dürfe bei kommenden Bunde s- 
präsidentenwahlen neben einer 
roten Regierung, einer roten Par- 
lamentsmehrheit und einem rot einem Manifest zu verstehen 
dominierten Gewerkschaftsbund 
nicht auch noch ein roter Bunde s- 
präs ident zum Zuge kommen. 
Und das sei offen zu sagen. 
Welche 
Strategie hat es den 
Schwarzen richtig erscheinen las- 
sen, mit di eser Argumentation 
nicht ins Gefe cht zu gehen? War- 
um wohl blieb ein solches Auf- 
begehren' in der Schublade? Es 
scheint, daß jene Meinungsumfra- 
gen, wonach die ÖVP gegenüber 
der Kreisky-Partei- bereits auf der 
Oberholspur sei, ihren Verkün- 
dern doch nicht ganz geheuer er- 
schienen, sonst hätte man doch 
sagen mü ssen, was zumindest hin- 
beschwo- 
ter vorgehaltener Hand 
ren wurde. 
Wie ist es denn wirklich bei 
Bundespräsidentenwahlen immer 
gewesen? Es, gab jedesmal.— man 
'Wenn, 
kann es batfileen', das Er 
7nnerungsvermögen leidet = einen 
Kampf , zwischen :.:den: beiden 
Reichshälften mit den unbere- 
chenbaren Liberalen und Natio- 
nalen in der Mitte. Jedoch zuge- 
standen, die Zeiten ändern sich, 
die ausgewaschenen Ideologien 
sind zusammengerückt und wer- 
immer verschwommener. 
den 
Deshalb werden auch die Grup- 
pen wechselnder Gunstbezeuger 
immer größer. Und das bes agt, 
weni- 
Parteien und Lager wiegen 
ger, Persönlichkeiten fallen immer 
stärker ins 
Gewicht. 
es noch vor we- 
Niemand hätte 
nigen Jahren für möglich gehal- 
ten, daß die Sozialisten einen 
Mann auf s tellen; der aus dem 
bürgerlichen Lager kommt, um 
jetzt 
den sie leidenschaftlich ban- 
gen müssen. Aber ob dieser oder 
schwarze 
der munter kämpfende 
„Provinzler" aus Tirol den Thron 
in der Hofburg besteigt, die Bun- 
desparteizentralen in Wien er- 
einen ge- 
fechten in keinem Fall 
nu ßv ollen Sieg. Auch das soge- 
nannte „geistige Wien" nicht, zu 
dem weder Lugger noch Kirch- 
schl äger zähl en. 
Politik-Unterricht in 
zehn Jahren? 
Wien (APA) In etwa zehn Jahren 
erwarte er sich die Einführung des 
Pflichtgegenstandes „Politischer Un- 
terricht" in den Schulen, ste llte der 
ehemalige Unterrichtsminister, Bun- 
ÖAAB Dr. Mock, 
desobmann des 
kürzlich • vor Jugendlichen in Wien 
fest. Dies sei deshalb notwendig, weil 
Jugendlichen, die bereits mit 19 Jah- 
ren zur Wahl gehen können, vielfach 
das Beurteilungsvermögen fehlt. Auf 
eine mögliche einseitige Darstellung 
durch die Lehrperson angesprochen, 
mein te Mack, er könne sich eine Ab- 
gabe mehrerer Interpretationen zu 
politischen Ereignissen vorstellen. Der 
Polit-Unterricht könnte durch Ein- 
schränkung des Geschichtsunterrichts 
über weit zurückliegende Epochen 
in den Lehrplan aufgenommen wer- 
den. 
Bezüglich einem parteipolitischen 
Engagement Jugendlicher begrüßte 
Mock ein bewußtes Anstreben von 
Funktionen. Dies sei nichts Negati- 
ves, eine Partei müsse auch zeigen, 
daß sie an bewußter Nachwuchsför- 
derung interessiert ist. Ein Nachteil 
sei, meinte Mock, daß die Jugend 
oft mit zu großen Illusionen zu einer 
Die sozialistische Minderheitsre- 
Partei käme. 
gierung von Premierminister Harold 
Wilson, die sich seit März im Amt 
befindet, erlitt am Freitag im Unter- 
haus eine weitere Niederlage, dies- 
mal jedoch nur in einem Ausschuß. 
Bereits in den letzten 48 Stunden 
waren zwei Abstimmungsniederlagen 
vorangegangen. Nunmehr wurde in 
einem Unterausschuß ein Entwurf zu 
einem neuen Lotteriegesetz zurückge- 
wiesen. 
läßt 
Aus allen diesen Anzeichen 
sich erkennen, wie schwierig die 
nächsten vier Wochen der Parla- 
mentssession werden können. 
hat in 
Die Konservative Partei 
gege- 
ben, daß sie zu Neuwahlen bereit sei, 
während ein Sprecher der Liberalen 
unterstrich, Neuwahlen seien nicht 
notwendig. Der Frak tionsvor sitz end e 
der regierenden Labour-Partei Ed- 
Nach monatelangen Virhandlun- 
gen konnte kurz vor der Ankunft 
Titos am Donnerstag noch ein Kapi- 
talhilfe-Kredit in Höhe von 700 Mil- 
lionen Mark vereinbart werden. Bonn 
vergibt die Summe je zur Hälfte für 
das Projekt eines ganz Jugoslawien 
umspannenden Energieverbundnet- 
zes und für Warenhilfe. 
Dieser Kredit, der sich zu einem 
schon früher gewährten Darlehen 
von 300 Millionen. Mark gesellt, soll 
in vier Jahrestranchen gezahlt wer- 
den, eine Laufzeit von 30 Jahren ha- 
ben und nach Ablauf von zehn zins- 
freien Jahren zwei Prozent Zins ko- 
sten. 
Tito und Schmidt werden mehr- 
mals unter vier Augen zusammen- 
ward Short sagte, daß die Opposition 
treffen. Als wichtigste Themen nen- 
den Fehdehandschuh hingeworfen 
habe. „Wir sind bereit, ihn aufzuhe- 
ben." 
Oppositionsführer Edward Heath 
hat nach drei Monaten Waffenstill- 
stand, während welch en er sich be- 
mühte, „das Boot nicht zum Kentern 
zu bringen", beschlossen, die Regie- 
rung in zwei prinzipiellen Gesetzes- 
vorlagen bis zum Letzten zu bekämp- 
fen. Deshalb stimmten die Konser- 
vativen gegen die Vorlage, durch 
welche den Gewerkschaften Steuern 
in der Höhe von 25 Millionen Pfund 
zurückerstattet werden sollten, sowie 
gegen Pläne der Labour-Regierung 
nach weiteren Verstaatlichungen. 
Premierminister Wilson hat bis- 
her offiziell noch keine Entscheidung 
getroffen. Während der Urlaubszeit 
im Sommer dürfte jedoch kaum ge- 
wählt werden. Politische Kreise glau- 
neu diplomatische Kreise die euro- 
päische Entwicklung, das Ost-West- 
Verhältnis unter besonderer Berück- 
sichtigung der Sicherheitskonferenz 
und des Truppenabbaus sowie den 
Nahostkonflikt, die Lage im Mittel- 
meer und. die Rohstoff- und Ener- 
giekrise. 
In offizieller Bonner Sicht haben 
sich die Beziehungen zwischen der 
Bundesrepublik und Jugoslawien in 
den letzten Jahren kontinuierlich 
und günstig entwickelt. Politische 
Kreise Belgrads werten den Besuch 
des 82jährigen Marschalls in West- 
deutschland als die Krönung einer 
Entwicklung, die Jugoslawien immer 
dichter mit seinem wichtigsten Wirt- 
schaftspartner verknüpft hat. Beide 
ben andererseits nicht, daß Wilson 
Seiten sind entschlossen, eine lang- 
es sich leis ten kann, zu lange zuzu- 
warten, weil durch die fortschreiten- 
de Verschlechterung der wirtschaft- 
lichen Situation auch die Chancen 
für einen Labour-Sieg geringer wer- 
den könnten. 
Die britischen Behörden gaben am 
Freitag bekannt, daß die Lebenshal- 
tungskosten in Großbritannien in 
den letzten zwölf Monaten um 16 
Prozent angestiegen sind. Dies stellt 
die höchste Inflationsrate seit Kriegs- 
ende dar. 
Auf der Börse, die am Freitag 
morgen mit den tiefsten Kursen seit 
15 Jahren eröffnet hatte, fielen im 
Verlauf des Tages die Kurse weiter. 
Makler erklärten, daß „der Markt 
vollständig demoralisiert" sei. 
In der Vorwoche hatte Großbri- 
tannien das größte Handelsdefizit al- 
ler Z eiten bekanntgegeben: die Ex- 
porte liegen um 481 Millionen Pfund 
unter den Importen. 
Die einzige positive Entwicklung 
auf dem Wirtschaftssektor liegt in 
der Tatsache, daß die Zahl der Ar- 
beitslosen auf 54 3.036 gesunken ist. 
Das ist die geringste Arbeitslosenzahl 
seit vier Jahren. 
fristige Zusammenarbeit durch In- 
vestitionen zu fördern. 
Mit der Gewährung des Kapital- 
hilfekredits ist nach Auffassung 
Bonns das Problem der Wiedergut- 
machung von Kriegsschäden. ausge- 
räumt.' Man ,betrachtet die zwischen 
Brandt und Tito getroffene Verein- 
barung von Brioni, in der d ieser 
Weg vorgezeichnet wurde, als erfüllt. 
Zum Wirtschaftsaustausch wird 
betont, daß dem jugoslawischen De- 
fizit der Handelsbilanz eine Zah- 
lungsbilanz gegenüberstehe, die durch 
FM-SSIER 
Einnahmen aus dem Tourismus und 
GUOSSIERT 
Wackelige Pressefreiheit 
Die Zeitschrift „Profil" wurde 
diese Woche von einem und demsel- 
ben Veranlasser zum drittenmal der 
Beschlagnahme zugeführt. Zweimal 
vor seinem Prozeß wegen Betrugs 
und nun auch nach seiner gericlu., 
liehen Verurteilung. Der Mann heißt 
gefälschte 
Siegfried Heiß und hat 
Dokumente über die Finanzierung 
von „Profil", die in der „AZ" er,. 
schienen, dem Kreis um Bürgermet. 
ster Sla vik zugespielt. Die Bericht. 
erstattung über Slavik in dieser 
Zei. 
tune sollte scheinbar mundtot ge- 
macht werden. 
Nun gab es schon fast unüber. 
windliche formale „Hindernisse", 
diesen Prozeß nur in Bewegung 
zu 
bringen, aber schließlich wurde Heiß 
verurteilt und „Profil" holte sich zur 
Berichterstattung darüber ein Nicht. 
redaktionsmitglied. Trotzdem wieder 
Beschlagnahme! 
Damit ist haarscharf markiert, 
wie 
es um die Pressefreiheit, besonders 
in Wien, steht. Die Beunruhigung 
geht durch viele Redaktionen, denn 
>las. 
es ist offenkundig, daß man so 
senmedien auch materiell ruinieren 
kann, zumindest aber in der Bericht. 
erstattung und freien Me inung vor- 
sorglich einschüchtern. Wir sind be- 
reits soweit, daß Kriminellen mehr 
Rechtsmittel zur Verfügung stehen 
als den Medien. 
Überweisungen der jugoslawischen 
Gastarbeiter positiv sei. 
Staatspräsident Tito wird außer 
Bonn auch Düsseldorf und Hamburg 
besuchen. Verträge sollen in Bonn 
nicht unterzeichnet werden. 
Arabische Koordination 
(AFP) Parlamentarische 
Damaskus 
Delegationen aus neun arabischen 
Staaten haben in der Nacht auf Frei- 
tag in Damaskus die Bildung einer 
„Interparlamentarischen Arabischen 
Union" beschlossen. Mit dem Vor- 
sitz wurde auf ein- Jahr der Präsi- 
dent des syrischen „Volksrats", Mo- 
harned Ali Al Halabi, betraut. Außer 
einem Erfahrungsaustausch hat sich 
die Arabische Interparlamentarische 
und Ver- 
einheitlichung der Gesetzgebung der 
arabischen Länder und die Vertie- 
fung des demokratischen Gedankens 
zum Ziel gesetzt. An der Gründungs- 
versammlung der Union nahme n De- 
legierte aus Ägypten, Libanon, Jor- 
danien., Kuwait, Sudan, Tunesien, 
Mauretanien, Bahrein und Syrien 
Bonn (dpa) Jugoslawiens Staatspräsident Josip Broz Tito wird am 
teil. 
Montag zu einem viertägigen Staatsbesuch In Westdeutschland erwartet. 
Tito will mit Bundespräsident Gustav Heinemann zusammentreffen und 
Gespräche mit Bundeskanzler H elmut Schmidt, Außenminister Hans- 
Dietrich Genscher, Wirtschaftsminister Hans Friderichs und dem SPD- 
Vorsitzenden"Willy Brandt, führen, der ihn im 'April vorigen Jahres als Union die Koordinierung 
Kanzler in Brioni besucht hatte.' hatte.'
	        
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