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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Seite 2 
Donnerstag, 11. April 1974 
schein nur durch eine Novellierung 
des ASVG eingeführt werden“. 
Mit feiner juristischer Klinge 
wehrt der zuständige Ressortchef, 
Vizekanzler Häuser, die Attacken 
der Volkspartei ab. Seine Äußerun­ 
gen sind die juristischen Leitlinien 
für den Zeitpunkt, ab dem die 
Schwangerschaftsunterbrechung bis 
zum dritten Monat erfolgen darf. 
Häuser stellt fest: Auch die me­ 
dizinische Indikation allein sei nicht 
als Krankheit im Sinne des ASVG 
zu bezeichnen. Sie stelle vielmehr 
eine medizinische Entscheidung zur 
Verhinderung allfällig ein tretender 
gesundheitsnachteiliger Folgewir­ 
kungen für das Kind bzw. das Le­ 
ben der Mutter dar. 
Häuser kann auch darauf ver­ 
weisen, daß der Begriff „Krank­ 
heit“ und die Krankenbehandlung 
nicht einschränkend, sondern um­ 
fassend im ASVG dargelegt seien. 
Er nennt Paragraph 133 des Geset­ 
zes: „Durch die Krankenbehandlung 
sollen die Gesundheit, die Arbeits­ 
fähigkeit und die Fähigkeit, für 
die lebenswichtigen persönlichen 
Bedürfnisse zu sorgen, nach Mög­ 
lichkeit wiederhergestellt, gefestigt 
oder verbessert werden...“ 
Daher, schlußfolgert der Vize­ 
kanzler, der im übrigen die Mei­ 
nung der gesamten Bundesregierung 
in dieser Frage vertritt, daß die In­ 
anspruchnahme der Krankenan­ 
staltspflege und der ärztlichen Hilfe 
für einen Schwangerschaftsabbruch 
in allen Fällen der seelischen Be­ 
drängnis der werdenden Mutter 
rechtlich möglich ist, das heißt, nicht 
dem bestehenden Gesetz wider­ 
spricht, sondern gesetzeskonform ist. 
ÖVPnahe Juristen allerdings sind 
der Meinung, daß bei einer norma­ 
len Schwangerschaft weder Gesund­ 
heit noch Arbeitsfähigkeit gerade 
durch den Abbruch der Schwanger­ 
schaft wiederhergestellt werden 
könnten, weil sie nicht gefährdet 
seien. 
Häuser meint einlenkend: „Soll­ 
te die Judikatur aufgrund eines 
Rechtsstreites zu einer anderen Auf­ 
fassung gelangen, müßten die not­ 
wendigen gesetzlichen Maßnahmen 
getroffen werden.“ Das heißt, wenn 
sich eine Mutter für einen Modell­ 
prozeß hergibt, nachdem die 
Schwangerschaft unterbrochen wor­ 
den ist, und die Juristen an Hand 
des Falles haarklein untersucht ha­ 
ben, ob es sich schlicht gesprochen 
um einen im Gesetz gedeckten 
Krankheitsfall gehandelt hat, dann 
wird die Regierung das' ASVG um 
den Schwangerschaftsbegriff erwei- 
’ tern, damit die Fristenlösung via 
Krankenschein pefrektuiert werden 
kann. 
Gibt es keinen Musterprozeß, so 
bleibt die bestehende Rechtsmei­ 
nung der Regierung erhalten. Sie 
lautet: Die Schwangerschaftsunter­ 
brechung steht jedem frei und wird 
innerhalb der 3-Monats-Frist von 
den Krankenkassen bezahlt. Die 
Fristenlösung zwingt indes keinen 
Arzt, den Abbruch vorzunehmen, er 
wird lediglich straffrei gestellt. 
Ob allerdings in einem Land, in 
dem der Bevölkerungsschwund an 
Hand des „Pillenknicks“ nunmehr 
statistisch nachgewiesen ist, bevöl­ 
kerungspolitisch richtig vorgegangen 
wird, indem jede normale Schwan­ 
gerschaft straffrei unterbrochen 
werden darf, steht auf einem an­ 
deren Blatt. 
Bern kennt Moskauer Blitz- 
kriegpläne gegen Europa 
Bern (dpa) — In der sowjeti­ 
schen Generalstabsplanung soll es 
nach Angaben der Schweizer Regie­ 
rung drei sowjetische Blitzkrieg- 
Varianten gegen Westeuropa geben. 
Auf eine Kleine Anfrage des Par­ 
lamentsabgeordneten (Nationalrat) 
Fritz Marthaler von der Schweizeri­ 
schen Volkspartei erklärte die Re­ 
gierung, auch Österreich und die 
Schweiz seien In die Blitzkrieg-Pla­ 
nung eingeschlossen. Die Maßnah­ 
men zur Abwehr einer militärischen 
Bedrohung der Schweizer Neutrali­ 
tät würden ständig überprüft. 
Nationalrat Fritz Marthaler bat­ 
te von der Regierung wissen wollen, 
welche praktischen Folgerungen sie 
aus den Enthüllungen des in den 
Westen geflüchteten tschechoslowa­ 
kischen Generalmajors Jan Sejna 
über sowjetische Kriegspläne gegen 
Westeuropa ziehe. 
Schuler bei Bergtour 
abgestürzt und schwer 
verletzt 
Gestern unternahm eine Schüler­ 
gruppe eine Bergwanderung von 
Dornbirn aus auf den Kühberg. Da­ 
bei rutschte der elfjährige Harald 
K. aus und stürzte über steiles, fel­ 
siges Gelände etwa 30 m ab, ehe er 
schwerverletzt auf einem Felsvor­ 
sprung liegenblieb. Von seinen Be­ 
gleitern verständigte Helfer bargen 
den Verletzten und brachten ihn zu 
Tal, von wo er ins Landesunfall- 
Algerien 
krankenhaus Feldkirch eingeliefert 
wurde. 
will Verstaatlichung 
UNO-Konferenz über Rohstoff- und Entwicklungsfragen eröffnet 
New York (Reuter, AFP) In Anwesenheit von sechs Staatschefs, zwei 
stellvertretenden Regierungschefs, 45 Außen- und zehn Wirtschaftsmini­ 
stern hat UNO-Generalsekretär Dr. Kurt Waldheim am Dienstag abend 
Im UNO-Hauptquartier in New York die auf algerische Initiative zu­ 
standegekommene Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen 
über Rohstoff- und Entwicklungsfragen eröffnet. 
Diese Konferenz, von der sich vor 
allem die Entwicklungsländer An­ 
sätze zu einer Reform der Weltwirt­ 
schaft auf der Grundlage einer ge­ 
rechteren Bewertung der von ihnen 
an die Industriestaaten gelieferten 
Rohstoffe erwarten, soll rund drei 
Wochen dauern. 
„Die Verstaatlichung der Roh­ 
stoffe wird zur fundamentalen Be­ 
dingung der wirtschaftlichen Ent­ 
wicklung“, erklärte der algerische 
Staatsches Houari Boumedienne am 
Mittwoch in seiner Eröffnungsrede 
zur Generaldebatte der Rohstoffkon­ 
ferenz bei den Vereinten Nationen. 
Die Industriestaaten forderte Bou­ 
medienne als Sprecher der Block­ 
freien auf, die Konsequenzen, die 
sich aus der „Durchführung dieses 
Rechtes“ ergeben, zu akzeptieren. 
Von den Vereinten Nationen ver­ 
langte der algerische Staatschef „jede 
operationelle Hilfe“, welche die Staa­ 
ten, die ihre Rohstoffe verstaatlicht 
haben, bei der Ausbeutung und Ver­ 
Weiters 
teilung dieser Rohstoffe benötigen. 
trat Boumedienne für 
weltweite wirtschaftliche Verände­ 
rungen ein, die sowohl eine Reform 
des Währungssystems als auch die 
Streichung der Schulden einer Reihe 
von Entwicklungsländern einschlie­ 
ßen sollten, Entwicklungshilfe dürfte 
nicht länger an irgendwelche Bedin­ 
gungen geknüpft werden oder mit 
„politischer und militärischer Unter­ 
tanenpflicht“ erkauft werden müs­ 
sen. 
Ein Hilfeprogramm zugunsten der 
am meisten unterentwickelten Län­ 
der, deren Pro-Kopf-Einkommen bei 
30 amerikanischen Cents am Tage 
liege, müsse unverzüglich verabschie­ 
det und in die Tat umgesetzt wer­ 
den. 
Der französische Außenminister 
Michel Jobert warnte davor, daß die 
derzeitige Wirtschaftsentwicklung in 
eine allgemeine Rezession führe, die 
leicht eine Weltkrise größten Aus­ 
maßes heraufbeschwören könnte. Jo­ 
bert verwies dabei auf die bis auf 
die 
das Vierfache angestiegenen ölpreise, 
nach seinen Worten nur eines der 
Anzeichen für eine immer tiefer­ 
greifende Krise in den internatio­ 
nalen Wirtschaftsbeziehungen sind. 
Die Neustrukturierung des Ge­ 
treidemarktes muß nach den Vor­ 
stellungen Joberts von dem Willen 
geleitet sein, „das Schreckgespenst 
des Hungers“ aus der Welt zu ver­ 
bannen. 
Auf dem Energiesektor forderte 
der französische Außenminister eine 
Nur 
„rationelle Organisation der Märkte“. 
einer sparte Energie 
New York (AP) Vertreter aus 
135 Staaten fuhren am Dienstag 
mit benzinfressenden, PS-starken 
Limousinen vor dem Gebäude 
der Vereinten Nationen vor, um 
an der Rohstoffkonferenz teilzu­ 
nehmen. Der Vertreter von Mau­ 
ritius begnügte sich mit einem 
PS — er kam in einer von einem 
Pferd gezögenen Kutsche, die er 
bereits vor fünf Wochen bestellt 
hatte. „Ich helfe den Vereinigten 
Staaten, Energie zu sparen“, er­ 
klärte Krishna Ramphul, UNO- 
Botschafter von Mauritius, der 
den Pferdewagen mit dem 
Schriftzeichen „Mauritius — Zuk- 
kermacht“ verziert hat te. 
Überln mitehr Lbnsqualitä! 
Schambeck warnt vor 
einer Parteienfinanzierung 
ohne Konsequenzen 
Wien (ÖVP-PD) — Sollten die 
politischen Parteien, wie es Bundes­ 
kanzler Dr. Bruno Kreisky auf dem 
letzten SPÖ-Parteitag vorgeschlagen 
hat, ohne in der Verfassungs ver­ 
ankert zu werden, vom Staat ihre 
Finanzierung erhalten, wäre dies 
eine weitere Ausdehnung des Par­ 
teienstaates in Österreich auf Kosten 
der Erfordernisse des demokrati­ 
schen Verfassungsstaates und daher 
abzulehnen, erklärte der rechtspoli­ 
tische Referent des ÖAAB, Bundes­ 
rat Univ.-Prof. Dr. Herbert Scham­ 
beck gestern vor Parteifunktionären 
So 
in Niederösterreich. 
diskussions- und erwägens­ 
wert die Parteienfinanzierung im 
heutigen Staat sein mag, so proble­ 
matisch wird sie, wenn dem nicht die 
verfassungsrechtliche Verankerung 
der politischen Parteien vorausgeht. 
Schambeck verwies dabei vergleichs­ 
weise auf das Bonner Grundgesetz, 
in dem die Gründungsfreiheit, Or­ 
ganisation, innerparteiische Willens­ 
bildung nach demokratischen Grund­ 
sätzen und die Finanzierung der Par­ 
teien geregelt ist. Ein dazu erlasse­ 
nes Parteiengesetz unterzieht neben 
anderem auch die finanzielle Re­ 
chenschaftslegung einer eingehenden 
Prüfung. 
Hans Sima gestern den 
letzten Tag in seinem Amt 
Klagenfurt (APA) Seinem Ver­ 
sprechen gemäß tritt nun Hans 
Sima von seinem Posten als Lan­ 
deshauptmann, den er zehn Jahre 
lang bekleidet hat, zurück. Freitag 
früh wird sein Sekretär Hofrat 
Dr. Schreiber das Demissions­ 
schreiben Simas dem Landtags­ 
präsidenten Tillian überreichen. 
Der gestrige Tag war der letzte, 
den Sima in seinem Büro ver­ 
brachte. Am Vormittag statteten 
ihm die Generalkonsuln Italiens 
.und Jugoslawiens, Dr. Venier und 
Lubej, einen Abschiedsbesuch ab, 
wobei sie ihm für die von ihm be­ 
triebene Politik der guten Nach­ 
Sima 
barschaft dankten. Lubej dankte' 
im besonderen für seine Be­ 
mühungen um die Erfüllung der 
auf die slowenische Minderheit in 
Kärnten bezug nehmenden Be­ 
stimmungen des österreichischen 
Staatsvertrages. 
Heute, Donnerstag, begibt sich 
Sima mit seiner Gattin zu einem 
mehrwöchigen Aufenthalt nach 
Südtirol. Er wird daher bei. der 
voraussichtlich am 19. April statt­ 
findenden Wahl seines Nachfol­ 
gers Leopold Wagner im Landtag 
nicht anwesend sein, dem er bis 
zum Ende der Legislaturperiode 
als Abgeordneter der SPÖ ange­ 
(Fortsetzung 
hören wird. 
von Seite 1) 
Eine der bisher fruchtbarsten Bei­ 
träge zu dieser Problematik lieferte 
eine OECD-Kommission, die sich auf 
folgende Sozialindikationen für den 
Begriff Lebensqualität geeinigt hat: 
Gesundheit und persönliche Sicher­ 
heit, Entfaltung der Persönlichkeit 
durch Lernen, berufliche Fortent­ 
wicklung, Selbsterfüllung in der 
Freizeit, Verfügung über Güter und 
Dienste, Kontakte, Kommunikation 
und Schutz intimer Bereiche, Quali­ 
tät der natürlichen Lebensgrundla­ 
gen und persönliche Freiheit und 
Mitgestaltung im politischen Bereich. 
Die theoretische Konsequenz dar­ 
aus lautet, daß die Wirtschaft und 
Technik auf der heute herrschenden 
in die dienende Rolle'verwiesen und 
zwischen einem nützlichen ; und 
schädlichen Wachstum unterschieden 
werden muß. In der 'Praxis bedeutet 
dies: die Politik muß korregiert oder' 
noch besser vorbeugend Eingreifen, 
wobei es insbesondere Aufgabe der 
Wettbewerbspolitik sein wird, funk­ 
tionierende Märkte vor Monopoli- 
siening'"zü '.schützen,', ühd bEr.eits 
monopolisierte Märkte, wieder' a'üf- 
zulockem. 
■ ' Als Beispiele füj .die praktische 
Anwendung erläuterte Dr. VogeT 
notwendige Maßnahmen am Beispiel 
der Ubermodemisierung vor allem 
in den großen Städten, Lärm und 
Gesundheitsschäden durch Über­ 
schallflugzeuge und die Ballung von 
Zweitwohnungen. 
Daß die Umweltprobleme, Wachs­ 
tumsfragen und technologische Ent­ 
wicklungstendenzen nicht nur ein 
„westliches” Problem sind, beweisen 
ähnliche Meldungen aus der Sowjet­ 
union. Ein Problem mit künftig welt­ 
weiten Konsequenzen ist die Frage 
der Entwicklungshilfe, die heute 
zwar noch in der Durchführung, nicht 
aber grundsätzlich umstritten ist. 
Der Referent umriß abschließend 
sein Thema mit folgenden Worten: 
„Der Mensch hat sein Zeitalter der 
Entdeckungen gehabt. Er erwies sich 
Planeten 
aufzufinden lind zu nut­ 
zen. Er wechselte damit über.in das 
Zeitalter der materiellen Ausbeutung 
dieser, Reichtümer. Jetzt ist er da­ 
bei zu entdecken, daß diese Erde 
nicht unerschöpflich ist,, daß ihre 
Ressourcen limitiert, daß seinem 
Drang zur Beherrschung, zur Ver­ 
mehrung und zur Nutzung aller 
technischen Möglichkeiten Grenzen 
gesetzt sind. Diese Grenzen sind be­ 
reits nahe, ja an manchen Punkten 
wohl schon überschritten. Deshalb ist 
jetzt ein Zeitalter der Erhaltung und 
der Wiederherstellung längst über­ 
fällig.“ 
Der Vortragsabend im Theater am 
Kirchplatz in Schaan war nicht nur 
gut besucht, sondern wies auch aller­ 
höchsten Besuch der politischen Pro­ 
minenz des Fürstentums Liechten­ 
stein auf: Der Fürst mit Erbprinz 
und Erbprinzessin, zahlreiche Ver­ 
treter der liechtensteinischen Regie­ 
rung sowie zahlreiche Persönlich­ 
keiten des wirtschaftlichen und kul­ 
turellen . Lebens des Landes waren 
anwesend. 
Künftig Matura „kostenlos” 
- Wien (SK) — Keine. Prüfüngs- 
und Maturataxen mehr wird der 
Staat ab dem kommenden Schuljahr 
von den Eltern und Schülern ein­ 
heben, teilte Unterrichtsminister 
Sinowatz gestern mit. 
Derzeit muß jeder Prüfungskan­ 
didat 300 Schilling bezahlen, um 
überhaupt zu einer Prüfung antre- 
ten zu können. Bei Nichtbezahlung 
der Prüfungsgebühr darf der Kandi­ 
dat zur Prüfung gar nicht zugelas­ 
sen werden. Insgesamt wurden im 
Vorjahr rund 7 Millionen Schilling 
an Prüfungs- und Matura faxen ein­ 
gehoben. 
Wie der Unterrichtsminister be­ 
tonte, stelle das Einheben von Prü­ 
fungstaxen im Zeitalter des Gratis­ 
schulbuches und der kostenlosen 
Schulbildung einen Anachronismus 
als Meister, die Reichtümer seines dar. 
Brandt gegen Juso-Papier 
Bonn (AP) Bundeskanzler Willy 
Brandt hat sich in der gestrigen; 
ZDF-Sendnng „Bilanz“ von dem 
jüngsten Diskussionspapier nord­ 
rhein-westfälischer Jungsozialisten 
distanziert. Er kenne das Papier bis­ 
her nur aus Pressemeldungen, sagte 
Brandt. Wenn diese Meldungen aber 
Ein HauchvoWlk mpfbeBrandtreise in Niedersachsen 
Bonn/Hannover (BDF) Die Bonner Journalisten waren noch selten 
so gut laufend über den Inhalt der Reden informiert, die Bundeskanzler 
Brandt während der letzten drei Tage in Niedersachsen hielt, wo 'am 
9. Juni Landtagswahlen stattfinden. „Wahlkampf ist nicht verboten”, 
konterte Brandt auf die Äußerungen von CDU-Generalsekretär Bieden­ 
kopf, der die offizielle Informationsreise des SPD-Vorsitzenden in dieses 
Bundesland schlicht als getarnten Propagandafeldzeg bezeichnet hatt e. 
Wie auch immer die Reise quer 
durchs Land zu bewerten sein mag, 
ein Hauch von Wahlkampf lag über 
ihr. Durch alle Reden zog sich wie 
ein roter Faden der Aufruf an die 
Bevölkerung: Resigniert nicht, haltet 
durch: Überhaupt setzte Brandt 
überall auf den „Bürgerstolz“. Auf 
„Rechts 
die CDU anspielend, scherzte er: 
hat immer noch Überholver­ 
bot.“ 
Der Kanzler mußte nicht selten 
seinen schon sprichwörtlichen Opti­ 
mismus zur Schau tragen, wenn er 
mit Buh-Rufen und Pfeifkonzerten 
empfangen wurde. Aber der „Willy" 
merkte doch, daß alles Terrain noch 
wie 
nicht verloren ist, oft kam so etwas 
Volksfeststimmung auf, gerade 
bei den Arbeitern oder den Kumpeln 
im Braunkohlenrevier Helmstedt. 
Er hatte es dennoch schwer, es 
vielen recht zu machen. Den einen 
mußte er versprechen, die Reformar­ 
beiten zügig voranzutreiben, den an­ 
deren die Gewißheit geben, daß eine 
Berufsbildungsreform nur im Ein­ 
vernehmen mit der Industrie- und 
Handelskammer kommen werde. Den 
Gewerkschaftsvertretern machte er 
Mut, daß ein paritätisches Mitbe­ 
stimmungsgesetz nicht mehr lange 
auf sich warten lassen werde. Den 
Bonner Koalitionspartner forderte 
er auf, das bisherige Modell erneut 
zuträfen, 
miteinander durchzugehen. 
so stehe der Inhalt des Dis­ 
kussionspapiers eindeutig nicht im 
Einklang mit dem marktwirtschaft­ 
lichen Inhalt des Godesberger .Pro­ 
gramms. 
Im übrigen wundere er sich, daß 
oftmals „obskure Papiere“ von „ir­ 
gendwelchen kleinen Gruppen“ in 
den Zeitungen in großer Aufmachung 
auf den ersten Seiten zu finden s eien, 
während' wichtige sozialpolitische 
Gesetze nur in zehn Zeilen abge­ 
handelt würden. . 
; Das Diskussionspapier, da? durch 
Indiskretion bekanntgeworden' war, 
fordert'unter anderem weitgehende 
Verstaatlichungen und die Abkehr 
von der „Ideologie der sogenannten 
. freien Marktwirtschaft“. .. 
Imanuel Unger tot 
Wien (APA) Der Verband, der 
Auslandspresse in Wien gab gestern 
das Ableben seines langjährigen 
Mitglieds Dr. Imanuel Unger be­ 
kannt.' In einem Nachruf erklärte 
der Vorstand des Verbandes, daß 
Dr. Unger einer der erfahrensten 
Journalisten im Verband der Aus­ 
landspresse war und sich hohen An­ 
sehens erfreute. Sein Ableben be­ 
deute für die in Wien akkreditierten 
Ausländskorrespondenten einen gro­ 
ßen Verlust. 
Dr. Unger vertrat eine Reihe von 
, israelischen Zeitungen und den is­ 
raelischen Rundfunk „Kol Israel“ in 
Wien. Wien.
	        
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