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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Seite 12 
Donnerstag;, 
Spaniens Passionsumzüge zunehmend umstritten 
11. April 
1974 
Tradition oder 
nur 
Touristen- 
Wirbel? 
Die inbrünstige Religiosität der Semana Santa (Karwoche) in Spa* 
nien ist zwar auf dem Rückzug. Dazu trugen nicht nur der Trend zur 
„äußerlichen Attraktion für die Touristen“ und die Tatsache bei, daß 
viele Städter die Woche vor Ostern zu „Miniferien“ umwandeln. Den­ 
noch wird an vielen Orten das alte Spanien in berühmten wie in namen­ 
losen Prozessionen und Umzügen um diese Zeit wieder lebendig. 
In Sevilla begleiten 20.000 Büßer 
in Mönchskutten unter spitzen Ka­ 
puzen, die nur die Augen freigeben, 
die Umzüge der 53 Passionsbruder­ 
schaften der Stadt. Star unter den 
oft auf 100 Schultern oder mehr ge­ 
tragenen Passionsbildern ist dabei 
am Karfreitag die Jungfrau von 
Mazarena. 
Granadas berühmteste Prozes­ 
sion gilt am Gründonnerstag dem 
„Cristo de Consuelo“ (Christus des 
Trostes). In. Malaga gibt es noch 
ein altes Privileg, nachdem die Ju­ 
stiz einer privilegierten Prozessions­ 
bruderschaft alljährlich einen reu­ 
igen Strafgefangenen freigibt. In 
Segovia geleiten nur Männer die 
Passionsumzüge des Gründonners­ 
tags und Karfreitags. 
Um alte Traditionen nicht in 
Vergessenheit geraten zu lassen, hat 
der Staatsrundfunk einen Wett­ 
bewerb für die „Saetas“ ausgeschrie­ 
ben. Es sind dies improvisierte 
Klagelieder aus dem Spalier der 
Zuschauer. Gewonnen wurde der 
Wettbewerb von den Sevillanern, 
die sowohl den ersten als auch den 
zweiten Platz belegten. 
Während die Prozessionen in 
Andalusien vermutlich infolge des 
Touristenzustroms von Jahr zu Jahr 
berühmter werden, ist in vielen an­ 
deren Orten Spaniens ein lang­ 
sames Aussterben der traditionellen 
Es 
Karwochenumgänge zu beobachten. renz zu den Oberammergauer Pas- 
fehltan Nachwuchs und Sub­ 
ventionen öffentlicher Stellen. 
Aber nicht nur das, manche Bi­ 
schöfe und Pfarrer halten derlei 
Umgänge nicht mehr für zeitgemäß. 
So sagte der Bischof von Melilla die 
Umzüge in seiner Diözese einfach 
ab. „Als Ausdruck des Volksglau­ 
bens geben sie nicht mehr die wahre 
Antwort Was Zeugnis des Glau­ 
bens sein sollte, hat sich in eine 
Schau verwandelt“, sagte er von der 
Kanzel herab. 
Nicht überall ist man dieser Mei­ 
nung. So ziehen in der 3,3-Millio- 
nen-Stadt Madrid auch heuer 12 
Prozessionen von den Kirchen aus 
durch die menschengesäumten Stra­ 
ßen, unter ihnen barfüßige Büßer 
mit klirrenden Ketten um die Fuß­ 
gelenke, wobei die Szenen des Lei­ 
densweges Christi nach. alter Tra­ 
dition in . der Art lebender. Bilder 
dargestellt werden. 
Uriges Bayern 
In ländlichen bayrischen Barock­ 
kirchen soll urige bayrische Folklore 
wieder zum Leben erweckt werden, 
nicht nur zur Unterhaltung der Tou­ 
risten mit „Gstanzeln“, sondern um 
den Fremden ernste Themen nahezu­ 
bringen. So gibt es jetzt die Leidens­ 
geschichte Christi als kleine Konkur­ 
Viele 
große Städte haben ihre Vergnügungsstätten für große und kleine Kinder rechtzeitig bis Ostern auf 
Hochglanz poliert und Verbesserungen angebracht. Das Frühlingswetter bringt erste geschäftliche Höhe­ 
punkte, und für das luft- und erlebnishungrige Publikum eine willkommene Abwechslung nach den doch 
eher trostlosen Wintermonaten in den städtischen Häuserschluchten. Die Freude steht den Buben — und 
VN/UPI) 
natürlich auch den Mädchen — ins Gesicht geschrieben. (Funkbild: 
sionsfestspielen in Form einer „Bay­ 
rischen Passion“, bei der Zither, 
Hackbrett und Jodler erklingen und 
die Texte in reinem bajuwarischen 
Dialekt vorgetragen werden. 
Schöpfer dieser Bayrischen Pas­ 
sion ist Sepp Resenberger, der sie 
heuer erstmals in Kochel und Bad 
Tölz vorstellt, „so wie einem der 
Schnabel gewachsen ist“. 
Neues Heim für Mini-Tibetaner 
Sie fühlen sich bereits als kleine 
Österreicher und sie sprechen auch 
schon so. Und daher werden Chimi 
und Sonam immer wieder bestaunt, 
wenn sie mit ihren „Eltern“ durch 
Straßhof bei Gänserndorf in Nieder­ 
österreich gehen. Der „flache Ort“ 
ist ein gewaltiger Kontrast zu ihrer 
Heimat, zu Tibet. Vor etwa drei Mo­ 
naten waren Chimi, das dreieinhalb­ 
jährige Bildchen, und der etwa fünf­ 
jährige Sonam noch weit weg von 
Österreich, in einem indischen 
Flüchtlingslager. 
Nächstenliebe wird im Hause des 
Glasermeisters Emst Mislik groß ge­ 
schrieben. „Alle reden nür davon“, 
sagt er selbst, „doch die wenigsten 
tun etwas. Nun, meine Frau und ich, 
wir wollten etwas tun.“ So kam es, 
daß das Ehepaar beschloß, zwei Kin­ 
der zu adoptieren. 
Deutschsprachige Kinder sollten 
es nicht sein, „denn denen geht es 
ohnedies viel besser“. Man dachte 
zuerst an Vietnam. Helga und Emst 
Mislik hatten in vielen Illustrierten 
die aufrüttelnden Artikel über das 
Elend der vietnamesischen Kinder 
gelesen. Doch alle gutgemeinten Ak­ 
tionen scheiterten am Amtsschim­ 
mel. Zu kompliziert erwiesen sich 
die Bestimmungen. Also schien der 
einfachere Weg der zu sein, sich an 
ein Land zu wenden, das diploma­ 
Die 
tische Beziehungen zu Österreich un­ 
terhält. 
Indische Botschaft vermit­ 
telte dann die beiden tibetanischen 
Flüchtlingskinder Chimi und Sonam. 
Seit der chinesischen Okkupation 
Tibets reißt der Flüchtlingsstrom 
nicht ab, und am meisten leiden dar­ 
unter, wie s tets, die Kinder. Durch 
die großzügige Hilfe des Ehepaares 
Mislik bleibt nun wenigstens zwei 
Kindern ein ungewisses Schicksal er­ 
spart. 
Doch wenn man helfen will, ist das 
oft gar nicht so einfach. Seit Mai 
1972 standen Helga und Emst Mislik 
in ständigem Kontakt mit den Be­ 
hörden, und bis zum 25. Oktober 
1973 dauerte es, bis die Verhand­ 
lungen endlich abgeschlossen waren. 
Und- erst nach weiteren Wochen 
konnte das Straßhofer Ehepaar die 
Kinder am Flughafen Schwechat in 
Empfang nehmen. Die Kinder haben 
sich mittlerweile schon an alles ge­ 
wöhnt. An die neue Umgebung, an 
die neuen Eltern, an das neue Klima, 
an die neue Sprache. 
Und auch mit dem Essen gibt es 
weniger Schwierigkeiten, als erwar­ 
tet. Beide Kinder sind inzwischen 
von der österreichischen Küche be­ 
geistert und der Appetit ist unge­ 
heuerlich. 
Die Verständigung zwischen den 
Kindern und den neuen Eltern war 
anfangs etwas schwierig. Die klei­ 
nen Tibetaner konnten kein Wort 
Deutsch, und wer kann schon tibeta- 
Eine glückliche Familie Mislik stellte sich dem Fotografen: v. 11. n. re.: 
Helga Mislik mit Chimi, Emst Mislik und Sonam und der eigene Sohn 
nisch? 
Manfred. ' (Fotos: Boedecker) 
Die einzige Brücke waren ein­ 
deutige Gesten — wenn man aufs 
Töpfchen wollte oder Hunger hatte 
— und dann ein Zettel mit tibetani­ 
schen Redewendungen, den die klei­ 
nen mitbekommen hatten. 
So brüllten Chimi und Sonam 
„Oma tunge“, wenn sie Milch woll­ 
ten, „Chu tunge“, wenn sie Lust auf 
Wasser hatten. Doch dieser Behelf 
wurde bald nicht mehr gebraucht. 
Nach zwei bis! drei Wochen lernten 
die Kinder bereits die ersten deut­ 
schen Worte und heute, nach drei 
Monaten, gibt es gar keine Schwie­ 
rigkeiten mehr. 
Sogar zählen können die beiden 
schon. Probleme gibt es so gut wie 
keine. „Vorläufig“, schränkt Ernst 
Mislik ein, „natürlich rind wir uns 
bewußt, daß es nicht immer so rei­ 
bungslos abgehen wird. Doch wir 
werden es schon schaffen!“ 
Der eigene Sohn, der fünfjährige 
Manfred, zeigte sich entgegen den 
Erwartungen kein bißchen eifersüch­ 
tig auf die Geschwister. Nicht nur 
die beiden Flüchtlingskinder sind 
glücklich über das neue Zuhause. 
Auch das Ehepaar hängt bereits mit 
großer Liebe an den Kleinen. Dafür, 
daß das Glück erhalten bleibt, sorgt 
schon der Name des Buben: Sonam 
bedeutet „glücklich“. 
Schlechtes TV-Programm 
50 Pfund hatte dem Londoner 
Tony Warner die Reparatur seines 
Fernsehgerätes gekostet. Das war 
ihm zu viel. Als am Dienstag Bau­ 
arbeiter in seiner Straße auftauch- 
ten, nutzte er die Gelegenheit und 
legte das defekte Gerät unter einen 
schweren Bulldozer. „Das Programm 
war sowieso immer schlecht“ , mein­ 
te Warner, „ich war. froh, das Ge­ 
rät nun los zu sein“. 
„Osterhase“ abgebrannt 
Ausgerechnet zu Beginn der Kar­ 
woche brannte im Schweizer Kan­ 
ton St. Gallen durch einen Kurz­ 
schluß im Kühlsystem das Ausliefe­ 
rungslager einer Eiergroßhandlung 
aus. Durch die Flammen platzten 
700.000 für den Osterhasen bestimm­ 
te Hühnereier und übrig blieb ein 
riesiger Eierkuchen, der allerdings 
ungenießbar ist. Infolge' der „lieb­ 
lichen Düfte“ mußte die Ortsfeuer­ 
wehr sogar mit Gasmasken zur 
Brandstelle anrücken. Wo werden 
die Osterhasen nun ihre bunten 
Zwei 
Eier hernehmen? 
holländische 
Abgeordnete des Eu­ 
ropäischen Parlaments 
wollen in einer schrift­ 
lichen Anfrage an die ' 
Kommission der Eu­ 
ropäischen Gemein­ 
schaft (EG) in Brüssel - 
offiziell erfahren, ob 
die Gemeinschaft ihre;'* 
zahlreichen Veröffeilt--" ’* 
'lichungeh’urid Verord-?lt' 
nungen künftig außer 
in • englisch, . franzö-". ■' 
sisch, deutsch, italie­ 
n isch, holländisch, dä­ 
nisch und irisch auch 
in latein vorlegen 
wolle. - - 
Latein als Amtsspra­ 
che der Gemeinschaft 
war kürzlich vom 
französischen Histori­ 
ker Jaques Chastenet, 
einem Mitglied der 
Academie Frangaise, 
vorgeschlagen worden. 
inder 
In einem Artikel gebräuchlich sei, könne 
Pariser Zeitung 
„Le Monde“ hatte er 
dargelegt, daß die Ge­ 
meinschaft einer ge-. 
meinsamen Sprache 
bedürfe, wobei gegen­ 
wärtig „Englisch oder 
genauer gesagt Ame­ 
rikanisch“ die meisten 
Aussichten .*' “s habe;' 
Amerikanisch^ ist' je- 
doch kein sehr genaues! 
Idiom, außerdem wür­ 
de seine Verwendung 
Europa endgültig in 
ein Abhängigkeitsver­ 
hältnis von den US 
bringen, was viele 
nicht wollen“, hatte 
Chastenet erläutert. 
Er wies ferner dar­ 
auf . hin, daß. Latein 
jahrhundertelang die 
gemeinsame Sprache 
Europas gewesen sei. 
Wenn man einwende, 
daß es^heute nicht 
man 
dem entgegenhal­ 
ten, daß die Israe lis 
das Hebräisch, eine 
weit schwie riger e 
Sprache, wiederbelebt 
hätten. 
Die Abgeordneten 
Schelto Patijn u. Arie 
van. der. Hek wollen 
nun .wissen,. .• ob , die 
Kommission gedenkt, 
„Latein als erste Lehr­ 
sprache innerhalb der 
Gemeinschaft zu emp­ 
fehlen und es als aus­ 
schließliche Sprache bei 
parlamentarischen De­ 
batten zu verwenden“. 
Die Kommission be­ 
nötigt in der Regel ei­ 
nige Wochen. für die 
Beantwortung solcher 
Anfragen, die dann in 
franzöisisch, englisch, 
■ deutsch, italienisch und 
holländisch gegebe n 
wird. 
Fast perfekt österreichisch spricht die dreieinhalbjährige Chimi bereits 
nach wenigen Monaten Aufenthalt bei ihren neuen Eltern in Niederöster­ 
reich.
	        
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