Skip to main content

Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

HEIMAT? 
Montag, 1. April 1974 
Seite 3 
Wird Österreich keine Ölsorgen mehr haben? 
Mexikaner entdeckte größte 
Ölvorkommen in der Silvretta 
Besonders unsere älteren Leser werden sich sicher noch daran 
(VN) 
erinnern, als in den fünfziger Jahren der damals 30jährlge mexikani­ 
sche Geologe Fernandez Alvarez die aufsehenerregende Meinung ver­ 
trat, daß unter dem Silvrettasee ein riesiges Qireservoir vorhanden sein 
m üsse. Man hatte dies aber zunächst eher für eine Übertreibung des 
nach E rfolg strebenden jungen Mannes gehalten und die Sache auch 
nicht weiterverfolgt. Trotzdem gab es aber im Lande Leute, die mein­ 
ten, wer weiß, vielleicht wären wir einmal froh, Uber einen solchen 
Bodenschatz zu verfügen. Man hat sich den jungen Mexikaner gemerkt, 
seinen Namen notiert und blieb mit ihm auch in Briefkontakt, was sich 
erst 20 Jahre später richtig lohnen sollte. 
Schon lange vor dem Oktober­ 
krieg im Nahen Osten ließen die 
Araber ihre Absicht durchblicken, in 
Zukunft auch mit ihrem scheinbar 
unversiegbaren öl Amerika und auch 
Europa das Gruseln zu lehren. Sie 
hatten bemerkt, daß die Abnehmer­ 
länder doch sehr stark vom öl ab­ 
hängig sind. Wir haben dies auch 
in Österreich zu spüren bekommen. 
Nicht zuletzt sind die starken Stei­ 
gerungen der Treibstoff- und Heiz­ 
ölpreise auf diesen Umstand zurück­ 
zuführen. 
Dies war Anlaß, um sich erneut 
— diesmal im Expreßweg — mit dem 
heute 53jährigen, auch schon längst 
für einen riesigen Ölkonzern in 
Mexiko tätigen Fernandez Alvarez 
ins Einvernehmen zii setzen. Er sagte 
sein Kommen auch sofort zu. Inner­ 
halb von 24 Stunden traf -Alvarez 
via New York—London in Zürich- 
Kloten ein, von wo er von seinen 
Vorarlberger Mittelsmännern abge­ 
holt wurde. Sein erster Aufenthalt 
war nur sehr kurz, nicht einmal acht 
Stunden weilte Alvarez im Inner­ 
montafon, besser gesagt, auf der 
Bieler Höhe. Das war im vergange­ 
nen August. 
Probebohrungen seit 
Monaten 
Alvarez teilte den Montafonern 
lediglich mit, was er für eine Probe­ 
bohrung benötige und daß er diese 
nach seiner Rückkehr in 14 Tagen 
vornehmen wolle. Um die Öffentlich­ 
keit aber möglichst mit diesen Bohr­ 
versuchen nicht konfrontieren zu 
müssen, fanden sie in den Abend- 
und Nachtstunden statt. Sie erstreck­ 
bis 
ten sich über den Herbst und Winter 
Ende Februaj. Alvarez, der, wie 
er versprochen hatte, nach 14 Tagen 
wieder zurückgekommen war, brach­ 
te auch ein erfahrenes Team seines 
mexikanischen Konzerns mit, das die 
Bohrungen leitete. Von der Öffent­ 
lichkeit unbemerkt, wurden Bohrun­ 
gen durchgeführt, ölproben entnom- 
ALSISUISSE, 
die bekannte SchweizerUhr 
men und in eigens präparierten Fäs­ 
sern nach Mexi ko gef logen. Heute 
soll der letzte Transport quer durch 
Vorarlberg zum Flughafen München 
gebracht werden, von wo aus er nach 
Mexi ko geflogen wird. 
Geheime Kommandosache 
Der harmlose Ausflug eines „VN“- 
Redakteurs (es war am Sonntag, 19. 
August 1973) schien die „geheime 
Kommandosache“ aber doch arg zu 
gefährden. Ihm war nämlich aufge­ 
fallen, daß sich um etwa 17 Uhr — 
der Touristenverkehr war bereits 
vorbei — ein regelrechter Bohrtrupp 
in Richtung Zentrum des Silvretta­ 
sees in Bewegung setzte. Obwohl 
man dem Redakteur seine Vermu­ 
tung unbedingt ausreden wollte, kam 
dieser dann doch dank seiner Hart­ 
näckigkeit darauf, was hier vorging. 
Ein Gentleman-Agreement zwischen 
dem „VN“-Redakteur und dem Mexi­ 
kaner Alvarez li eß;1 danh aber die 
Bohrversuche, die bereits 'ei nige Tage 
später, am 21. August, den ersten 
Erfolg brachten, weiterhin geheim 
vor sich geh en. Alvarez seinerseits 
mußte sich allerdings verpflichten, 
den „VN“ als erster Zeitung ein Ex- 
Langeweile und viel Geld 
Ein Telefonat gestern nachmit­ 
tag mit der Beschwerdestelle des 
ORF: „Wie ist der ,Tip' angekom­ 
men?" - Antwort: „Wir dürfen 
nichts s agen, nicht einmal privat." 
- „Wer darf dann etwas sagen?" 
- „Die Vorgesetzten, aber die 
sind nicht da. Rufen Sie, bitte, 
morgen vormittag an." - „Dan­ 
ke." Weil aber einer immer re­ 
det - davon ist auch der ORF 
nicht ausgenommen -, war doch 
in Erfahrung zu bringen, daß noch 
Samstag nacht an die 900 Anrufe 
registriert wurden, die in den 
nächsten Tagen ausgewertet wer­ 
den sollen. 
Die Hausmänner aus der BRD, 
der Schweiz und Österreich taten, 
was sie konnten, um dieser lang­ 
atmigen und mit Gewalt gebauten 
Show, oder was es sonst sein 
sollte, etwas Schwung bzw. Le­ 
bensnähe zu vermitteln, vergeb­ 
lich. Wie sollten sich das Publi­ 
kum und die Fernseher mit den 
Chromosomen auskennen, wenn 
Präsentator Günther Ziesel, der 
sich ja monatelang auf diese Sen­ 
dung vorbereitet hatte, kaum et­ 
was davon verstand? Ziesel selbst 
stand dem G esc hehen in der Wie­ 
ner Donauparkhalle fast desinter­ 
essiert gegenüber, er war weder 
schlagfertig noch erläuternd oder 
aufklärend, er ließ die Dinge ein­ 
fach an sich herankommen. 
Aber er wußte ja, was an ihn 
herankam, denn er hat ja schl ieß­ 
lich gegen das Drehbuch kein 
Veto eingelegt. Das Musical über 
die Zusammenführung der Chro­ 
mosomen war sicherlich etwas 
Neues, ob es etwas Gutes bzw. 
Informatives oder Unterhaltsames 
war, überlassen wir dem Urteil 
derjenigen, die es gesehen haben. 
Es werden sich gewiß nicht 
macht 
wenige darüber Gedanken ge­ 
haben, wie leicht man bei 
so einer Sendung Geld verdienen 
kann, viel Geld, soviel Geld, wie 
Hunderttausende nicht in einem 
Jahr verdienen. Ohne etwas ge­ 
leistet zu haben. Das war gewiß 
die bitterste Erkenntnis dieser ver­ 
wirrenden „Familiensendung". 
JM 
Hast du Tip gesehen? 
Manchmal gibt es.Tage, da re­ 
den alle Leute vom Wetter. Ge­ 
stern war es anders. Da sprachen 
alle vom Fernsehen. Von Tip. Und 
vom Ziesel ... 
„Hast du auch vor Schluß der 
Sendung abgedreht?", fragte mich 
Willi, der mich als konsequenten 
Men schen kennt. 
„Nein", mußte ich bekennen 
und fühlte beinahe so etwas wie 
einen Schuldkomplex in mir hoch­ 
steigen. Mit Willi hab 'ich mips 
ve rscher zt. Aber wie soll man 
über eine Sendung schreiben, 
wenn man sie nicht zu Ende ge­ 
sehen hat? Journalistenschicksal. 
„Hast du Tip gesehen?" fragte 
mich ein strahlend aufgelegter 
Kurt Er wollte von mir wissen, 
wie es war, denn er hatte nicht. 
Wahrscheinlich hat ihm das die 
Laune erhalten. 
„Also das Fernsehen war ge­ 
stern ausgezeichnet!" stellte mei­ 
ne Schwiegermutter fest. 
Ich erbleichte, obwohl ich nichts 
gegen Schwiegermütter habe. 
„Wie bitte?" 
„No, der Willy Birgel, der ist 
doch noch immer Spitzenklasse." 
„Ach so!" - 
Mein Freund Herbert■ seufzte: 
„Seit gestern weiß ich, wie gut 
der Schönher war!" 
„Ich auch." Herbert und ich 
klusivinterview 
verstehen uns. sch 
zu geben, wenn die 
Bohrungen abgeschlossen sind. Dies 
war nun der Fall. Alvarez hielt sich 
ebenso wie die „VN“ an die Ab­ 
machung. Was in Vorarlberg, ja so­ 
gar in ganz Europa durch diese Ent­ 
deckung Furore machen wird, näm­ 
lich die Unabhängigkeit vom arabi­ 
schen Erdöl, wird das folgende Inter­ 
view mit Fernandez Alvarez deut­ 
lich m achen. 
Interview mit Alvarez 
„VN“: Wie sind Sie eigentlich An­ 
fang der. fünfziger Jahre gerade auf 
die Bieler Höhe gekommen und was 
bestärkte Sie schon damals in Ihrer 
Annahme, daß unter dem Silvretta­ 
see riesige Ölreserven vorhanden 
sein müssen, was sich in der Zwi­ 
schenzeit ja auch bestätigt hat? 
Alvarez: Ja, Sie werden es kaum 
glauben, aber ich habe mich in 
Mexiko-City bei einem Preisaus­ 
schreiben betätigt, wo es galt, den 
höchsten Berg Vorarlbergs zu erra­ 
ten. Da meine Mutter eine Feldkir- 
cherin ist, war dies für mich nicht 
schw er, mit dem Piz Buin die rich­ 
tige — übrigens auch die einzige — 
Lösung zu finden, womit ich den 
zweiwöchigen Aufenthalt im Silvret­ 
tahotel gewonnen hatte. Daß unter 
dem Silvrettasee Ölreserven vorhan­ 
den sein müssen, war für mich klar, 
weil die Bodenbeschaffenheit, ja auch 
fast die gesamte umliegende Berg­ 
welt mit einem mexikanischen See 
fast identisch war, bei dem riesige 
Ölreserven festgestellt und inzwi­ 
schen auch gefördert wurden. 
„VN": Für wie viele Jahre wird 
Ihrer Meinung nach das Ölreservoir 
unter dem Silvrettasee ausreichen? 
Alvarez: Schon die ersten Probe­ 
bohrungen vom August des Vorjah­ 
Bereits 
res haben vermuten lassen, daß das 
die ersten Bohrversuche im August des vergangenen Jahres (unser 
Bild) bestätigten die Annahme von Alvarez, wo nach unter dem Silvretta­ 
see ein riesiges Ölreservoir vorhanden sei. 
..«irü 
Von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt, erfolgte vor,drei Wochen die 
letzte Ölentnahme, deren Ergebnis geradezu sensationell ist. .Untersuchun­ 
gen in Mexiko, haben nämlich ergeben, daß es sich dabei um. das derzeit 
beste,,öl„auf äsLiWelt. ijbetiUjUpt handelt,, was .uns, Vorarlberger,-,noch 
mehr aber die mexikanischen Förderer natürlich besonders freut. Unser 
Bild zeigt den mexikanischen Bohrtrupp nach erfolgter Ölentnahme. Die 
im Vordergrund liegenden Fässer wurden unverzüglich zur Untersuchung 
nach Mexi ko geflogen. (Alle Fotos: „VN“) 
In seiner gewohnt temperamentvol­ 
len Art erläuterte der Mexikaner 
Fernandez Alvarez den „VN“ in 
einem Exklusivinterview wie es nun 
wirklich um das große Ölreservoir 
unter dem Silvrettasee steht, das 
er bereits in den fünfziger Jahren, 
damals noch 30jährig und als G eolo­ 
Reservoir.nöch 
ge tätig, vorausgesagt hatte. 
größer ist als ich ur­ 
sprünglich angenommen habe. Vor 
etwa drei Wochen haben wir die 
ersten Proben entnommen, um sie 
zur Untersuchung nach Mexiko zu 
bringen. Es hat sich dabei herausge­ 
stellt, daß es sich bei dem Ölvor­ 
kommen unter dem Silvrettasee um 
das derzeit beste der Welt überhaupt 
handelt. Um Ihre Frage konkret zu 
beantworten, das Ölreservoir reicht 
bestimmt für 100 Jahre für ganz 
Europa aus. , 
„VN“: Wer bekommt nun die För­ 
hen 
bereits konkret, mit der Ölför­ 
derung zu beginnen? 
Alvarez: Die Förderrechte hat sich 
bereits der mexikanische ölkonzem, 
für den ich tätig bin, imwiderruflich 
gesichert. Es liegen auch schon fixe 
Pläne vor, wonach parallel zur. 
Druckleitung Partenen—Tromenier 
eine Pipeline verlegt werden soll, die 
bis Ingolstadt führen wird, wo die 
weitere Verarbeitung vorgenommen 
werden wird. Mit den Grundver- 
handlungen werden wir bereits im 
kommenden Monat beginnen. 
derrechte und welche Pläne beste­ „VN“: Wäre, es denkbar, daß für 
Vorarlberg eine Sonderregelung zu­ 
treffen könnte, die sich etwa in 
einem begünstigten Preis nieder- 
schlagen würde?. 
Alvarez: Ja, das wird ganz be­ 
stimmt zutreffen, denn wir mü ssen 
den Vorarlbergern ja dafür ein Lei­ 
tungsrecht geben, daß sie uns das 
öl fördern lass en. 
„VN“: Wann wird es nun mit der 
Ölförderung auf der Bieler Höhe 
wirklich ernst? 
Alvarez: Sobald wir alle Grund­ 
verhandlungen abgeschlossen haben, 
was ich bis Ende d ieses Jahres hoffe, 
wird mit der Ölförderung begonnen, 
allerdings nur in beschränktem Rah­ 
men. Der richtige große Abbau wird 
erst dann einsetzen können, wenn die 
Pipeline fertiggestellt ist. Ich rechne, 
daß dies bis Ende 1978 der Fall sein 
wird, ohne die Illwerke zu beein­ 
trächtigen. 
„VN“: Wir danken für dieses Ge­ 
spräch und wünschen Ihnen weiter­ 
hin viel Erfolg. 
Alvarez: Ich danke Ihnen vor al­ 
lem für die Einhaltung des Gentle­ 
man-Agreements und hoffe auf die 
generelle Zustimmung der Vorarl­ 
berger Bevölkerung zu unserem 
künftigen Fördervorhaben. 
Parallel 1 zur Druckleitung Partenen—Tromenier (unser Bild) wird bis 
Ende des Jahres 1978 die Pipeline vom Silvrettasee, die weiter nach 
Ingolstadt führt, fertiggestellt sein, so sehen es zumindest die fix und 
fertigen: Pläne vor. Die. Grund Verhandlungen stehen unmittelbar bevor.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.