Ferien Im unbekannten Europa:
Von Trondheim über die Lofoten ums Nordkap
Wovon man bei uns nur noch träumen kann — eine schier une nd-
liche urige Natur wie am Anfang der Schöpfung —, in Norwegen gibt
es das alles noch. Am elementarsten erlebbar im nördlichsten Regie-
rungsbezirk Finnmark, das für die meisten Binnenländer unbekannte
Europa mit seiner wilden Küste, seinen Tausenden von Inseln und zer-
klüfteten Fjorden, seinen gewaltigen Gletschern und Wasserfällen, sei-
nen fischreichen Flüssen und Seen. Hier sind die größten Seevögel-
kolonien der Welt. Hier treiben sich in der Wildmark noch Wolf und
Bär, Vielfraß und Luchs herum. Hier ziehen die Lappen mit ihren Ren-
tierherden — und hier geht tatsächlich im Mitsommer die Sonne nicht
erza
mehr unter. Verzaubert von Nordnorwegen!
e
or nor e
Der Stadtkern der alten Haf en- und Polarfahrerstadt Tromsö Ist seit 1960 mit einer 1036 Meter langen und
43 Meter hohen Brücke mit dem Festland verbunden. Mit 2400 qkm Ausdehnung ist Tromsö die räumlich
größte Stadt Norwegens mit heute fast 40.000 Einwohnern und der nördlichsten Universität der Welt.
Wie überall auf den Lofoten stürzen die Wasser von den gewaltigen Gebirgsmassiven ins Tal und bilden
dort oft in unmittelbarer Nähe des Meeres — wie auf unserem Foto auf Svolvaer gleich hinter dem Hafen
— die schönsten Süßwasserseen.
(Fotos: Metzler)
Samstag, 27. April 1974
„VORARLBERGER NACHRICHTEN".
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400 qkm Gletscher
und 100 Höhlen
In den Ohren eine Beethoven-
Sonate, gespielt auf einem Piano-
Spinett aus der Zeit des Meisters,
und vor den Fenstern des hoch über
dem Fjord gelegenen Gutshofs Lade,
Norwegens drittgrößte Stadt Trond-
heim vor Auge n. Alle Trondheim-
besucher werden auf dieses Musik-
historische Museum aufmerksam ge-
macht, in dem auch exotische In-
strumente aus aller Herren Länder
zusammengetragen sind. Eine histori-
sche Stätte, an der Norwegens erster
König, Harald Harfagre, seine Resi-
denz aufgeschlagen hatte. Lades
Kirche wurde um 1200 gebaut, und
der Nidaresdom inmitten der Park-
anlagen der von einem Wikinger-
könig gegründeten Stadt um 1100
begonnen. Heute 130.000 Einwohner,
Universität, Theater, Museen mit in-
teressanten Lappen- und Eskimo-
sammlungen, blühendes Wirtschafts-
und Kulturleben.
Touristisches Entre für Finn-
marken.
Entre? Touristenchef Petter
Sdiultz-Persen breitet die Karte auf
dem Tisch des Skansen-Spezialitä-
ten- und Tanzlokals aus — „Spitzen-
klasse für die Jug end über 20!" —
und erklärt: „Hier das historische
Trondelag, Felsenzeichnungen, Befe-
stigungswälle, Kanonentürme, Nord-
europas größtes Holzhaus, Lagerhäu-
ser am Fluß Nid, und die schönen
alten Brücken, und hier die Cam-
pingplätze, die Seebäder, die Anlege-
stellen für die Schiffsfahrten und
FischtoUren an die Küste und zu
den Inseln. Ja, und hier unser Golf-
platz — wo können Sie sonst um
Mitternacht Golf spielen? Dann die
Ausflüge nach Roros, der alten Gru-
ben- und Gebirgsstadt. Nach Oppdal,
wo man eine Woche lang Reittouren
durch Trollheimen unt ernehm en und
einen der besten Lachsflüsse ganz
Norwegens finde n kann. Wußten Sie
übrigens schon, daß unsere Provinz
Sör-Trondelag 18.000 Quadratkilo-
meter Küsten und Fjorde, Wälder
und Täler und an die 10.000 Inseln,
Schären und Riffe umfaßt? A llein
der Trondheimfjord ist da schon 124
Kilometer lang."
Fjell-Reitwochen und
Mitternachtsgolf
Wie man nach Trondheim kommt?
Autostraße, Küstenschiffe, Bahn,
Flugzeug — wie man will. Vielleicht
am schönsten mit den „Hurtigruten"-
Schiffen, mit denen man von Ber-
gen herauf ums ganze Nordkap bis
nach Kirkenes weiterschaukeln kann.
Unterwegs werden fast fünf Dutzend
Häfen angelaufen, auch auf den Lo-
foten. Alles in allem 2500 Seemeilen
in elf Tagen hin und reto ur — aber
während der Hauptsaison meist
schon lange im voraus ausgebucht.
Dafür gibt es meist Platz in der
Zeit vorher und nachher, das dazu
noch und fast um die Hälfte bi lli-
ger.
Mo i Rana — auch noch nie et-
was davon gehört? Dabei liegt der
alte Lappenmarkt mitten im Schnitt-
punkt der Europastraße 6 — 2200
Kilometer sind es auf der E-6 von
der Grenze, cl. h. von Oslo, bis zum
Nordkap!
der Nordlandsbahn und
des dicht unter dem Polarkreis sich
hinziehenden „Blauen Wegs", der
durch Schweden als „Via Lappia"
und durch Finnland als „Via Karelia"
bis nach Kuopio führt. Der eisfreie
liefen am Ende des Ranfjords und
die nahen Gruben-, Stahl- und Koks-
werke, mit ihrem Staub und Ge-
stank — was bedeutet das alles
schon in einer „Gemeinde", die mit
ihren 26.000 Einwohnern fast vier-
einhalbtausend Quadratkilometer In-
sel-, Fjord- und Berglandschaft um-
faßt?
i
Rens bis zu Norwegens zweitgröß-
tem Gletscher (400 qkm!) mit den
Hauptgebieten „Vestisen" und
',Ostisen", deren eisfreie Gipfel 1600
Meter hoch das Glamdalen-Tal über-
ragen. Das Rana Tourist-Büro hat
auf 15 DIN-A-4-Seiten alle Ausflugs-
möglichkeiten im Gletschergebiet zu-
sammengestellt. „Nur einige von vie-
len Möglichkeiten" und: „Gummi-
stiefel mitnehmen!"
Gummistiefel braucht man auch
für den Besuch der 1500 Meter lan-
gen und 22 Kilometer von Mo
i
Rana entfernten Gronligrotten, de--
ren „Kristallhöhle" erst 1965 ent-
deckt wurde und als die schönste
Tropfsteinhöhle Skandinaviens gilt.
Eine von den 100 bekannten und gut
noch einmal sovielen unerforschten
Höhlen Ranas, dessen „Grottenklub"
gerne allen angehenden Späologen
mit Rat und Tat zur Seite st eht.
Zur Zeit beherrschen noch englische
Amateurforscher diese „an keiner
anderen Stelle Europas heute noch
so viele Geheimnisse bergenden"
Unterwelt 80 Kilometer südlich des
Polarkreises.
übrigens: Noch selten einen so
exzellent mit Multibeeeren zuberei-
teten Rentierbraten gegessen wie in
dem inmitten' einem Park, unter al-
ten Bäume n, eingenisteten gemütli-
chen Meyergarden-Hotel!
Fischen im Mahlstrom
Die auf einer Halbinsel zwiscleen
Landego- und Saltfjord weithin mit
vielen neuen Steingebäuden und
Hochhäusern verstreute Stadt Bodo
(im letzten Krieg zerstört) ist End-
station der Nordlandsbahn. Wie in
Mo I Rene gibt es auch hier einen
Flugplatz, und eine Tagesreise mit
Fähre und Bus entfernt einen neuen
Riesengletscher, den „Svartisen", der
die Wasser des Beiarn in einem Sei-
tenarm des Saltenfjords speist. Die
von Wikingern gegründete Gemein-
de Gildeskal an der Mündung des
Fjords besteht aus 660 wildzerklüf-
teten Inseln, die von knapp 4000 Ein-
wohnern bew ohnt werden.
Eine andere typische nordnorwe-
gische Küstengemeinde von Bodo ist
Inseln inmitten dreier Fjorde, heute
Meloy mit sechs größeren bewohnten
Industriezentrum am Glomfjord und
zuvor historisches Handelszentrum,
als vielbesuchte Sehenswürdigkeit
mit allen Requisiten originaltreu
rekonstruiert. Fruchtbare Acker mit
bunt angestrichenen Bauernhäusern
und weithin auf und ab wogende
Wiesen — vom Misvaerfjord kommt
der bekannte braune Ziegenkäse —
und darüber eine mächtige Bergku-
lisse — erneut fast 1000 Quadratkilo-
meter buchten- und sundgesäumtes
fes tes Land!
Touristische Attraktion ist der 33
Kilometer von Bodo . entfernte
„Saltstraumen", eine Gez eitens trö-
mung zwischen Skjerstad- und Salt-
fjord, wo pünktlich auf die Minute
das dabei fast einen Meter hoch an-
steigende Wasser vorn -Meer durch.
einen 150 Meter breiten Sund in den
Fjord gedrückt wird. Unzählige Fi-
sche geraten dabei mit in den Stru-
del — wer sich da nicht eine Angel
holte! Von schwedischen Touristen
wird berichtet, daß sie kleine Fässe r
mitbringen, die Fische (Köhler!) sal-
zen -- und als Winterverrat mit nach
Hause nehmen. Viele der Einheimi-
schen betreiben • die „Straum-
fischerei" heute noch als Haupter-
werbszweig.
Im SAS Royal Hotel, unmittel-
bar am Hafen von Bodo, mit großem
Warenhaus im Parterre und im of-
fenen Innenhof darüber mit Restau-
rants, Cafeteria, Bar und Spielsä-
len, treffen sich Gäste und Einheimi-
sche abends zum Essen und Tanz.
Von seinem Zimmer aus sieht man
die Schiffe durch den Fjord fahren
und dahinter in den hellen Nächten
vom Mai bis August die Berge
schwarz im fahlen Licht. Berühmt
ist
für seinen „Mitternachtssonnenblick"
ein drei Kilometer von Bodo ent-
fernt, 150 Meter hoch auf dem
Ronvikfjell gelegenes Restaurant.
Und unvergeßlich eine mitternächt-
liche Bootsfahrt, mit abgestelltem
Motor durch den golden schimmern-
den Fjord treibend...
Robinson im „Rorbuer"
Sechs Stunden ist man von Bodo
mit dem Sch iff bis zur Solfotenhaupt-
stadt Svolvaer unterwegs, und eine
Stunde brauchen die „Fjordhüpfer"
der „Wilderoe Airlines", die im ho-
hen Norden überall die Verbindung
— oft die einzige! — zu den entlege-
nen Inseln und Eismeerküsten her-
stellen. Doch ob zu Wasser, zu Lande
oder in der Luft — was für Impres-
sionen bietet. doch diese urtümliche
Landschaft! • - :
-ist
Am großartigsten sie' zweifel-
los konzentriert in der von zackigen,
bis auf fast 1200 Meter aufsteilen-
den Granitfelsen überragten 150 Ki-
lometer langen Inselkette der Lofo-
ten mit ihren tiefen, von Gletschern
ausgehöhlten Talgründen, mit ihren
malerischen Fischerhäfen und den
spärlichen Weiden zu Füßen verwit-
terter Felsgebirge, die oft fast senk-
recht ins Meer abstürzen. Millionen
Seevögel, vor allem Meerpapageien
und Stummelmöven, haben hier ihre
Nistplätze. Und wenn die Heringe
und Kabeljaue vom Jänner bis April
die inselnahen Bänke zum Laichen
aufsuchen, quirlt das Meer von den
1500 Boo ten der immer noch fast
8000 Lofoten-Fischer, die bei dieser
traditionellen Winterfischerei ihren
größten Erlös heimbringen. Ihre ab
Mai leerstehenden Hütten, die „Ror-
buer", werden inklusive der Boote
an den Landungsstegen an Gäste ver-
„Wir sind schon zum drittenmal
mi etet.
hier", erzählt ein bärtiger Franzose,
der mit Frau und drei Kindern In
einer dieser primitiven Bretterbuden
auf Henningsvaer für vier Wochen
Quartier bezogen hatte: „Elektrisches
Licht, Transistor, das beste Fisch-
wasser vor der Tür, die schönsten
Klettertouren darüber, Anschluß an
die Lofotenstraße mit Fähren und
Bus kreuz und quer über alle Inseln
— die wir noch lange nicht alle
kennen! — und eine freundliche
Fischerfamilie, die für die Kinder
sorgt, wenn meine Frau und ich mal
ein paar Tage lang weg sind ... Wo
gibt es das sonst noch? So preis-
wert?"
Suite mit Nordlichtkur
Man kann natürlich auch Hotel-
zimmer auf den Lofoten bekommen.
Oder gleich im exklusiven „Nordic"
auf Tromsö (18 Stunden von
Svolvaer mit dem Schiff), der nor-
dischen Metropole und jüngsten Uni-
versitätsstadt Norwegens, eine Ge-
neraldirektor-Suite buchen, die übri-
gens für Hochzeitspaare jeglichen
Couleurs, evtl. auch mit Trauung in
der nahen Eismeer-Kathedrale bis
15. 5. und ab 1. 9. zu erheblichen
verbilligtem Preis zur Verfügung
steht.
Oder, wie wär's hier mit einer
Midnight- oder Nordlicht-Kur für
strapazierte Manager, denen auch
der phantastische herbstliche Far-
benzauber der Nordmark (Reitschu-
le!) als totales Kontrastprogramm
sehr zu empfehlen ist?
Hi nauf mit der Seilbahn auf den
420 Meter hohen Storsteinen, schon
um das Panorama der mit einer 1036
Meter langen und 43 Meter hohen
Festland
Brü cke mit dem verbunde-
nen Inselstadt mit einem Blick zu •
erfassen. Hinaus zum Fischen im
Meer, zu den alten Fischereisiedlun-
gen, zum Lyngenfjord, zu den Lap-
pensiedlungen im Fjell , und weite r
nach Hammerfest, zum Nordkap und
um die ganze Eismeerküste herum
über Vardö und Vadsö bis Kirkenes.
Das südlich gelegene Narvik nicht zu
vergessen, wo hoch über dem Rom-
bakfjord deutsche Gebirksjäger und
Matrosen neben britischen Seeleuten
und Soldaten des französischen, und
polnischen Expeditionskorps in
einem gemeinsamen Soldatenfried-
hof ihre letzte Ruhe fanden ...
Seiten, Seiten müßte man füllen,
und hätte doch immer nur einen
schwachen Abglanz vom „Dach
Europas" zu Pap ier gebracht. Gewiß,
wenn hier der Nebel einbricht und
die Stürme über den Atlantik toben,
kann einem dieses „Dach" auch auf
den Kopf fallen, die Luft nehmen,
„polarkrank" machen. Damit muß
man bei jeder Reise, wenigstens vor-
übergehend, rechnen. Für potentielle
Rheumatiker also nicht ganz das
Richtige, aber wer sich noch halb-
wegs gesund fühlt, und wer einmal
einen Urlaub lang in skandinavischer
Nostalgie nur so schwelgen möchte
— „schmerzliche Sehnsucht nach
Heimweh" definiert ein altes
deutsch-französisches Lixikon diese
jüngste „Welle" sentimentaler Asso-
ziationen — kurzum, wer die Zivi-
lisation satt bis zum Halse hat (aber
trotzdem nicht ganz ohne sie leben
kann), Nordnorwegen löst das Pro-
blem. Und zwar noch lange nach-
klingend — verzaubert von Nord-
norwegen.
Nur 32 Kilometer sind es von Mo Von Hans Metzler Metzler