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Full text: Vorarlberger Nachrichten 1974 Q2 (1974)

Franzosen wählen neuen Präsidenten — Stichwahl am 19. Mai erwartet 
Plakate von Präsidentschaftskandidaten wohin das Auge blickt, sind 
die sichtbaren Zeichen eines heftigen Kampfes um Stimmen und 
Wahlkreise in Frankreich, wo am Sonntag der vermutlich erste von 
zwei notwendigen Wahlgängen über die Bühne geht. 
Ein letztes Mal saßen sich die beiden aussichtsreichen Kandidaten 
der französischen Präsidentschaftswahl im Fernsehstudio am Don- 
nerstag abend gegenüber: Valery Gisca rd d'Estaing (links) und der 
einzige Links-Kandidat, Francois Mitterand (rechts). In der Mitte 
J. Carlier, der Gesprächsleiter. 	 (Funkbild VN/UPI) 
Hürde bleibt für 
Die schwierigste . 
ihn die konservative Grundeinstel- 
lung der Franzosen. 
Man hört immer wieder von dem 
einen oder and eren, daß er ernstlich 
mit dem Gedanken spiele, für Mit- 
terrand zu stimmen, aber vor den 
den Veränderung der Gesellschafts- 
ordnung zurückschrecke. Mitterrand 
ist unverändert stark belastet durch 
die kommunistische Hypothek, denn 
er kann schließlich seinen wichtig- 
sten Partn er nicht verleugnen, wenn 
er auch immer wieder versucht, sich 
Folgen einer möglichen, grundlegen- ihm gegenüber zu distanzieren. 
in a 
Kissinger 
Befikichtir3n 
Damaskus / Tel Aviv (VN) Auf seiner jüngsten Nahost-Mission ist 
der amerikanische Außenminister Henry Kissinger am Freitag von Isr ael 
nach Syrien weitergereist, wo er bald nach seiner Ankunft in Damaskus 
die Gespräche mit dem syrischen Präsidenten, Ilafes Assas, aufnahm. 
über die Situation in Israel berichtet „VN"-Korrespondent Yeh uda Svo- 
ray aus Tel Aviv. 
Außenminister Dr. Kirchschläger (rechts) weilt gegenwärtig auf einem 
Staatsbesuch in der Schweiz, wo er mit seinem Kollegen Pierre Graber 
(links) n. a. auch das Rüthi-Problem erö rtert. über die 'österreichische 
Außenpolitik äußerte sich Kirchschläger vor allem hinsichtlich der Bewah- 
rung der Unabhängigkeit se ines Landes, für die er drei Komponenten als 
wichtig bezeichnete: die Außenpolitik soll eine aktive, unersetzliche Rolle 
im zwischenstaatlichen Leben spielen, die Verteidigungspolitik mit hohem 
Abwehrcharakter und ein Ja der Bevölkerung zu diesem Staat. 
G ewinnku pon 
(Funkbild VN/UPI) 
Vorarlberger 
Wir verlosen für alle 
ein BRAMAC- Dac h Im Wert von S itL000,— 
nach f reier Farbwahl. 
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1 
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und einsenden an 
BRAMAC, 3380 Pöchlarn. 
LEins 
Rechtsweg 
endeschluB: 15. Juli 1974. 
Ist 
ausgeschlossen. 
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Entwicklungsländer als solide Front: 
  
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„VN"-Interview mit Außenminister Kirchschläger 
„VN": In welcher Weise kann 
das neutrale Österreich an einem 
Vereinigten Europa teilnehmen? 
Kirchschläger: Wir müssen un- 
terscheiden, welchen Europabe- 
griff wir meinen. Denken wir an 
Europa als Kontinent, so können 
wir für die absehbare Zukunft 
nicht von einem Vereinigten Eu- 
ropa sprechen. Was wir hier kön- 
nen, ist, dafür zu arbeiten — und 
Österreich als ein.  Land der Mitte 
und ein Land der .Begegnung 
bringt hiezu angemessene Voraus- 
setzungen mit —, daß dieser Kon- 
tinent ein Kontinent der Zusam- 
menarbeit und einer Sicherheit 
für alle, für die Staaten und für 
die Menschen werde. 
Wenn wir an ein Vereinigtes 
Europa der 17 Mitgliedstaaten des 
Europarates denken, so stellen 
wir fest, daß es als einigendes 
Band dieser 17 Staaten die ge- 
meinsame Interpretation der Be- 
g riffe der Demokratie, der per- 
sönlichen Freiheit und des Rechtes 
gibt. Die abgelaufenen 25 Jahre 
des Bestehens des Europarates ha- 
ben die Erwartungen, die viele 
Europäer in diese Institution ge- 
setzt haben, noch nicht erfüllt. 
Hier gilt es auch für die Repu- 
blik Österreich, gerade weil die 
Österreicher vielfach stärker eu- 
ropäisch fühle n als ma nche an- 
dere Staaten, daran zu arbeiten, 
daß dieses Hineinwachsen in ein 
künftiges Europa der 17 etwas 
rascher und vor allem nachhalti- 
ger und mit größerer Breitenwir- 
kung erfolgt. 
Was das Europa der Neun, also 
die Europäischen Gemeinschaften 
betrifft, die einer politischen 
Union zustreben, so wird die Re- 
publik Österreich daran nicht teil- 
haben können, da die qualifizierte 
zung und Ziel der immer wäh ren- 
Unabhängigkeit, die Vorausset- 
den Neutralität ist, ein solches 
Aufgehen in einen Staatenbund 
oder in einen Bundesstaat nicht 
möglich mach t. Österreich hat in 
seiner geographischen Position 
eine besondere Aufgabe für diesen 
Kontinent, der sich diese Repu- 
blik nicht dadu rch entziehen 
kann, daß sie versucht, in einer 
anderen Einheit aufzugehen. Sie 
würde damit das europäische 
Gleichgewicht empfindlich stören 
und damit nicht nur Österreich 
und nicht nur die Europäischen 
Gemeinschaften, sondern ganz 
Europa einen großen Schaden zu- 
fügen. 
„VN": Welche Bestimmungen 
des Staatsvertrages erscheinen 
heute als überholt? 
Kirchschläger: 
Die einzigen Be- 
stimmungen des österreichischen 
Staatsvertrages, die sehr stark 
den Stempel ihrer Zeit' tragen, 
sind die militärischen und Luft- 
fahrtbestimmungen. Ich denke 
hier z. B. an das Verbot, be- 
stimmte Zivilflugzeuge in Öster- 
reich e inzu führen oder auch an 
das Verbot von selbstgetriebenen 
oder gelenkten Geschossen, ohne 
die eine m oderne Verteidigung 
auf sehr große Schwierigkeiten 
stößt. Dagegen besitzt der von 
Ihnen erwähnte Artikel 4 des 
Staatsvertrages, der mit den 
Worten „Verbot des Anschlusses" 
überschrieben ist, nach wie vor 
dieselbe Sinngebung und auch 
dieselbe Aktualität, die er zum 
Zeitpunkt des Abschlusses des 
Staatsvertrages hatte. Jedes Ab- 
weichen von der qualifizierten 
Unabhängigkeit Österreichs wür- 
de zu politischen Spannungen und 
selbst zu grö ßeren Krisensitua- 
Samstag, 4. Mai 1974 
tionen in Europa führen. 
Seite 3 
Paris — Freitag mitternacht ging 
    
in Frankreich die erste Etappe des 
Präsidentschaftswahlkampfes offiziell 
zu Ende. Die letzten Meinungsbefra- 
gungen versprechen dem Einheits- 
kandidaten der Linken, Mitterrand, 
44 Prozent der abgegebenen Stirn- 
Von unserem „VN"-Korrespondenten 
Alfred Frisch, Paris 
men. Den beiden Vertretern des Re- 
gierungslagers, Giscard d'Estaing und 
Chaban-Delmas, 31 bzw. 17 Prozent, 
dem Außenseiter Royer nur noch 
3 Prozent. Die beides trotzkistischen 
Kandidaten könnten es zusammen 
auf 3 Prozent bringen. 
Man rechnet am Sonntag mit 
einer hohen Stimmbeteiligung und 
auch mit einer Stichwahl am 19. Mai, 
da 
es nach den jetzigen Erwartungen 
Mitterrand nicht gelingen dürfte, im 
ersten Wahlgang die absolute Mehr- 
heit zu erreichen. Ein ungewöhnlich 
intensiver Wahlkampf, der die Kan- 
didaten an den Rand der physischen 
Erschöpfung brachte, fand in der Be- 
völkerung ein starkes Echo. 
Die drei maßgebenden französi- 
schen 	Präsidentschaftskandidaten 
verfügten zwar über einen nicht klei- 
New York (dpa) Die erste Sonder- 
tagung der Vereinten Nationen über 
Rohstoff- und Entwicklungsfragen 
wurde am Donnerstag abgeschlos- 
sen. Die Konferenz hatte nach drei- 
einhalbwöchigen Beratungen in der 
Nacht zuvor ein von der G ruppe der 
Entwicklungsländer vorgelegtes Kon- 
zept für die Neugestaltung der welt- 
wirtschaftlichen Beziehungen ge- 
billigt. 
Das Konzept spricht sich für eine 
Reform der Weltwirtschaft unter 
Berücksichtigung der Interessen und 
der Prioritätenskala der Entwick- 
nen Mitarbeiterstab und konnten 
lungsländer aus. Wichtigstes prak- 
sich auch auf ihren Parteiapparat 
stützen, entscheidend war jedoch ihr 
persönlicher Einsatz. Nur wenige po- 
litische Versammlungen wurden in 
der Provinz von ihren politischen 
Freunden veranstaltet. Sie mußten 
überall selbst erscheinen, und dies 
viel häufiger, als sie ursprünglich 
beabsichtigten. In der letzten Woche 
hielten sie pro Tag drei bis fünf Ver- 
sammlungen ab. 
Mit besonderer Hartnäckigkeit 
schlug sich der von Giscard d'Estaing 
überflügelte Chaban-Delmas, der bis 
zum letzten Augenblick hoffte, sei- 
nen Rückstand aufzuholen. Am glei- 
chen Tag sp rach er z. B. in Toulon, in 
Ajaccio auf Korsika, in Marseille, 
Toulouse und Paris. Eine Überra- 
schung war es für alle Beobachter, 
daß die drei Kandidaten, wo sie auch 
immer erschienen und zu jeder 
Stunde, einen ungewöhnlich großen 
Zulauf hatten. 
Allerdings mobilisierten sie vor 
allem ihre Anhänger, die anschlie- 
ßend die Rolle der Multiplikatoren 
spielen sollten. Die Generalstäbe der 
Parteien erkannten bei dieser Gele- 
genheit, daß der per sönli che K ontakt 
weit wichtiger ist als eine noch so ge- 
tisches Ergebnis ist ein Beschluß 
für ein wirtschaftliches Sonderhilfe- 
programm für die ärmsten Staaten 
der Welt 
Der algerische Außenminister Ab- 
de lasis Bou teflika, der zu den 
Hauptinitiatoren-der Konferenz ge- 
hört, unterstrich den Zusammenhalt 
und die Solidarität, die die Gruppe 
der Entwicklungsländer im Verlauf 
der Rohstoffkonferenz demonstriert 
hätten. Die Entwicklungsländer hät- 
ten sich als „solide Front" erwiesen. 
Der Begriff der Dritten Welt sei 
schi ckte 
keine Fiktion.   
Wahlpropaganda über Fern- 
sehen und Rundfunk. 
Die lang und breit erläuterten 
Programme der Kandidaten ließen 
die Öffentlichkeit ziemlich gleichgül- 
tig. Die Glaubwürdigkeit von Wahl- 
versprechen ist nicht mehr sehr groß. 
Es bedurfte außerdem gründlicher 
Analysen, um die Unterschiede zwi- 
schen weitgehend übereinstimmen- 
den Programmen auszuarbeiten. 
Zwei Faktoren bestimmen haupt- 
sächlich die Entscheidung 
Fran- 
der 
zosen: Die persönliche Eignung des 
Kandidaten und seine Entschlossen- 
heit, die französische Politik ohne 
Gefährdung der Stabilität auf neue 
Geleise zu stellen. 
Nach allgemeiner Überzeugung 
besitzt Giscard die beste Befähigung 
zum Präsidenten, während Mitter- 
rand den stärksten Wandel in Aus- 
sicht stellen kann. Die Schwäche von 
Chaban-Delmas liegt vor allem dar- 
in, daß er eine Mittellage einnimmt. 
Seine Persönlichkeit ist nicht restlos 
überzeugend, noch seine Entschlos- 
senheit, dem gaullistischen Regime 
den Rücken zu kehren. 
Im Zuge des Wahlkampfes ver- 
mischten sich die Programme um so 
mehr, als sich Giscard d'Estaing und 
Chaban-Delmas zunehmend bemüh- 
ten, durch betont soziales Verhalten 
die Stimmen der Linken zu gewin- 
nen, während Mitterrand in umge- 
kehrter Richtung die Anhänger des 
anderen Lagers durch ein besonders 
gemäßigtes Verhalten beruhigen 
wollte. In seiner letzten Pressekon- 
ferenz versicherte er' sogar, daß er 
als Präsidentschaftskandidat nicht 
durch das gemeinsame sozialistisch- 
kommunistische Programm gebunden 
sei. Seine Verwirklichung hänge von 
der zukünftigen 'Regierungskoalition 
und der Parlamentsmehrheit ab. 
Diese Geschmeidigkeit Mitterrands 
löst auf der Gegenseite die ernste   
Befürchtung aus, daß er sich diesm al 
durchsetzen könnte. Einige Beobach- 
ter halten sogar seinen Sieg im er- 
sten Wahlgang nicht für ausgeschlos- 
sen. Im sozialistischen Lager glaubt 
man, daß Mitterrand gewinnen kann, 
wenn er im ersten Wahlgang mehr 
als 45 Prozent der Stimmen erhält.   
zweite Auflage der französischen 
Affäre, die mit glühender Liebe zu 
Israel begann _und dann plötzlich 
vollkommen umschlug. Auch damals 
sagten die Franzosen, es sei gut für 
Israel, daß der beste Freund des jü- 
dischen Staates einen Fuß in der 
arabischen Tür habe. 
Kissinger wird natürlich alles tun, 
um den Israelis zu beweisen, daß sie 
nichts zu befürchten haben und daß 
sein einziges Ziel die Entfernung der 
Kriegsgefahr sei. 
Was die Truppenentflechtung an- 
belangt, so ist wohl Kissingers 
Standpunkt dem syrischen näher als 
dem israelischen. Israel erfaßt das 
Problem der Golan-Höhe hauptsäch- 
lich als ein militärisches Problem, 
Kissinger jedoch will die Entflech- 
tung hauptsächlich von der politi- 
schen Warte aus sehen. 
Kissinger erscheint die Truppen- 
entflechtung, die darauf folgende 
Genfer Konferenz und die Möglich- 
keit einer Regelung weit wichtiger 
als strategische Punkte auf der Karte. 
Für die israelische Regierung ist je- 
doch die Lage nicht so einfach. 
KIssinger bemühte sich gestern 
erneut um eine syrische Antwort auf 
die israelischen Vorschläge für eine 
Truppentrennung an der Golan- 
Front, die am Donnerstag bei meh- 
reren Gesprächen des US-Ministers 
mit der noch amtierenden israeli- 
schen Ministerpräsidentin Golda 
Meir, Verteidigungsminister Mosche 
Dayan und anderen Regierungsver- 
tretern neu formuliert worden wa- 
ren. 
Ein amerikanischer Regierungs- 
vertreter in Kissingers Begleitung 
erklärte, nach den zehn Stunden 
währenden Gesprächen Kissingers 
mit der israelischen Regierung in Je- 
rusalem zeichneten sich die Umrisse 
einer möglichen Übereinkunft ab. 
Israel sei jetzt dar auf eingestellt, 
über das erreichbare, nicht das ide ale 
Israel ist über die neue amerika- 
Ziel zu verhandeln. 
nische Tendenz im Nahen Osten be- 
klommen. Die Geschwindigkeit, mit 
welcher Kissinger Sadats bester 
Freund geworden zu sein scheint, 
dem nicht nur weitgehende Wirt- 
schaftshilfe, sondern wahrscheinlich 
auch Waffen angebot en wer den, 
macht viele Israelis stutzig. 
Natürlich muß Israel eine ein- 
flußreiche Position Amerikas 
in den 
arabischen Ländern recht sein, doch 
befürchtet man in Jerusalem eine eine
	        
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